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Die Unscheinbarkeit der Protagonistinnen

Mir fällt in Jugendromanen, die ja nun mal Hauptbestandteil meines Blogs sind, immer wieder auf, dass die Protagonisten der Bücher absolut unscheinbar sind.

Sei es nur zu Anfang, um eine große Charakterentwicklung zu erleben, oder durch die ganze Handlung hindurch.

Immer wieder fällt mir auf, dass die Protagonistinnen von Jugendromanen sich trotz verschiedener Lebensweisen, Interessen und (angeblicher) Charaktereigenschaften fast gar nicht voneinander unterscheiden und in ihren Entscheidungen, Gedanken und Handlungen austauschbarer nicht sein könnten.

Woran liegt das? Ist das Absicht der Autoren? Und was macht das mit unserem Leseverhalten?


Die Unscheinbarkeit der Protagonisten


Ich habe in anderen Beiträgen schon mal erwähnt, dass es mir immer öfter so vorkommt, dass Protagonistinnen aus Jugendbüchern sich immer mehr ähneln und vor allem in ihren Handlungen immer sehr austauschbar sind.

Wenn wir einmal außer acht lassen, dass sich natürlich mit dem Lesen vieler Jugendbücher auch eine Art Überfüllungssyndrom einstellt und man ganz eigene Klischees und Wiederholungen in diesem Genre festhalten und identifizieren kann, bilden die Protagonistinnen immer noch eine ganz besondere Art von Klischee, oder besser gesagt: Eine Art so vollkommener Gleichheit, dass sie fast nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.


Viele der Protagonistinnen sind bekanntermaßen noch in der Schule, die Leserinnen sollen sich ja identifizieren können, sind da diejenigen, die immer ihre Hausaufgaben machen, ein wenig schüchtern sind, aber ansonsten natürlich super in der Schule. Sie haben wenige, wenn nicht keine Freunde, und einen Jungen, auf den sie natürlich total abfahren.

Diese äußeren Umstände sind das erste, dass diese Mädchen gleich macht und ihnen schon von der Prämisse des Buches aus keine weiteren Charaktereigenschaften zuweist.

Natürlich ändern sich diese Umstände, wenn wir in den Fantasy-Bereich gehen, oder in den Mystery-Thriller, aber trotzdem fallen dort gleiche Gedankenmuster auf.


Ein Merkmal, was viele der Protagonistinnen gleich zu haben scheinen: Sie sind unschuldig. Und das im reinsten Sinne des Wortes. Sie sind naiv in ihrer Denkweise, nicht erwachsen in ihrer Handlungsweise und generell unwissend, was vieles um sie herum angeht.

In „Obsidian“ hat Katy absolut keine Ahnung von nichts, bis sie von Daemon in seine Machenschaften hinein gezogen wird und bleibt die ganze Reihe hinweg verdammt naiv, was Verhaltensweisen und Konsequenzen ihrer und anderer Handlungen angeht.

In „Wie Monde so silbern“ hat Cinder zwar ihren eigenen Shop, ist aber trotzdem irgendwie nicht sehr verbunden mit der Welt in der sie lebt.

„Rubinrot“ zeigt uns, wie man quasi ohne Plan, ohne Wissen und ohne generelle Vorstellungskraft ganze drei Bände mit Zeitreisen überstehen kann und dabei noch naive Beziehungen aufbauen und wieder zerstören kann.

Und „City of Bones“ ist genial darin, eine Protagonistin ihr ganzes Leben lang nichts von ihrer Bestimmung wissen zu lassen, sie dann in einen Pool voller magischer Wesen zu schmeißen und gleichzeitig zu verlangen, dass sie die mächtigste Waffe der ganzen Schattenjäger wird, während alle um sie herum zu wissen scheinen, dass ein gewisser blonder Schattenjäger gar nicht ihr Bruder ist, außer ihr (Hups, Spoiler!)

Und von Bella aus „Twilight“ will ich wirklich gar nicht erst anfangen. Ich meine, Edward sagt ganz frei heraus, dass er ihre Unschuld anziehend findet…


Warum sind die Protagonistinnen so?

Es gibt eigentlich einen ganz einfachen Grund, warum Protagonistinnen so geschrieben werden, wie sie es nun mal werden: Sie sollen die Leserinnen widerspiegeln und ihnen sympathisch erscheinen.

Und da die angepeilte Zielgruppe für Jugendbücher nun mal um die 12-17 Jahre alt ist, sollen diese sich so fühlen, als wäre die Protagonistin ihre Freundin oder zumindest so wie sie, damit sie ihre Gedanken und Handlungen besser nachvollziehen können.

Und wer liest denn Jugendbücher? Bestimmt nicht die coolen Kids, die sich heutzutage (aber auch vor einigen Jahrzehnten) lieber mit potenziellen Freunden oder Freundinnen, Make-Up und sozialen Netzwerken beschäftigen. Sondern die leisen Mädchen, die sich vielleicht in ihrer Haut auch nicht unglaublich wohlfühlen, still und introvertiert ihr Leben leben und in Büchern ein großes Abenteuer sehen und suchen.

Wenn die Protagonistin viele ansprechen soll, dann muss sie entweder so viele Charaktereigenschaften und Entwicklungen haben, dass man sie als Leser zu schätzen weiß, oder sie muss eine leere Wand für den Leser sein, damit er sich selbst in die Rolle hinein projizieren kann.

Warum hatte Bella aus Twilight denn den ganzen Tag nichts anderes zu tun als zu kochen und Hausaufgaben zu machen? Bestimmt nicht, damit ihr Charakter an Tiefe gewinnt.

(Dieser fehlende Charakter führt dann auch dazu, dass die gegenüberstehenden Love Interests nie erklären, was sie denn so toll an den Protagonistinnen finden: Es gibt ja keine Eigenschaften, über die man sprechen könnte.)

Warum war denn Katy aus „Obsidian“ generell ziemlich…unbeschäftigt? Keine Hobbys, außer das allseits bekannte Buchbloggen, was aber auch mehr…sporadisch geschah. Ansonsten war sie immer frei, konnte immer ausgehen und auch mal tagelang fehlen. Fällt ja eh keinem auf!

Warum war Kelsey aus „Der Kuss des Tigers“ generell einfach hobbylos, bis sie einem weißen Tiger im Zirkus über den Weg gelaufen ist und ihn und seinen Bruder drei Mal durch halb Indien begleitet?

Genau! Damit sie genug Zeit haben, um dem männlichen Counterpart in seiner Suche oder seiner Abwehr der Auslöschung der Menschheit beizustehen und dabei von keinen Verpflichtungen wie Freunden, Hausaufgaben, Familien oder gar zu vielen Hobbys abgelenkt wird!


Eine leere Tafel als Sympathieträger?

Auch wird manchmal behauptet, dass die Charakter am Anfang eher arm an eigentlichem Charakter seien, läge daran, dass sie im weiteren Verlauf eine große Entwicklung durchmachen und diese dann noch drastischer wirkt und den Leser völlig verblüfft.

Dagegen spricht allerdings, dass es doch ein wenig viel versprochen ist, dass sich das viel besprochene Mauerblümchen auf einmal in eine selbstbewusste junge Frau verwandelt, die alle ihre Probleme löst (oder eher lösen lässt). Es wirkt „Out of character“, wenn eine so starke Entwicklung stattfindet, wo vorher kein Potenzial zu eben so einer gesehen werden kann.

Es gibt natürlich auch Ausnahmen:

Katniss aus „Die Tribute von Panem“. Kommt schon, sie hatte von Anfang an das Potenzial zu einem Badass-Charakter, aber sie war es einfach noch nicht, bis sie in eine solche Situation gezwängt wurde!

Annabeth aus „Percy Jackson“ war anfangs noch etwas schüchtern und immer auf zack, wenn es darum ging, anderen Leuten zu zeigen, wie schlau sie und wie dumm andere sind. Aber mit der Zeit wird sie zu einer verantwortungsbewussten Heldin, die auch mal andere ans Steuer lassen kann, aber immer mit einem super Plan zur Seite steht und ihre Schwächen einsehen kann!

Celaena aus „Throne of Glass“ hatte vom ersten Buch an das Potenzial zu einer tollen Entwicklung, aber ihre Fähigkeiten wirklich sehen, das kann man erst im zweiten und in den nachfolgenden Büchern der Reihe, wo sie sich stetig in einen absolut starken und wundervollen Charakter entwickelt und stärker wird, als ich es ihr jemals zugetraut hätte!

Diese Bücher erobern mittlerweile auch den Markt und zumindest aus meiner eingeschränkten Perspektive wird nun mehr Wert auf starke Charaktere als leere Tafeln gelegt, die man mit eigener Fantasie füllen muss.

Allerdings existieren diese Klischees und Tendenzen der Autoren immer noch und sie lassen sich nicht einfach so wegschieben oder wegdiskutieren.


Was macht das also mit der Wahrnehmung der Leserinnen?

Das könnte alles mögliche machen. Viele junge Mädchen wissen nicht sofort, was sie interessiert, wo ihre Stärken liegen, was sie gerne machen oder machen möchten und wie sie für sich selbst und andere tolle Menschen sein können.

Daher könnten sie sich in solche Charaktere gut hineinversetzen oder diese gut verstehen.

Es könnte aber auch der gegenteilige Effekt sein: Sei langweilig und ein total interessanter Junge wird auftauchen, der dir dein Leben total aufregend gestaltet, wenn du nur immer für ihn da bist!

Dieses Bild würde ich ungerne an die neue Generation weitergeben.

Ich würde viel lieber ein Bild von Mädchen mit Hobbys, ganz vielen verschiedenen Hobbys, Interessen, Spaß an Schule, mit einem großen Freundeskreis, mit einem komplizierten Familienleben und all dem sehen, was im realen Leben so passiert.

Denn ansonsten würden wir doch alle nur Zuhause sitzen und absolut nichts tun, oder?


Fazit: Ist das jetzt gut oder schlecht oder sogar beides?

Eine Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Träume zu haben, ist immer super und ich will dies auch niemandem wegnehmen.

Ich habe mich in so viele dieser Protagonistinnen hinein versetzt und mit ihnen mitgefiebert, dass es unfair von mir wäre, ihre charakterbildende Wirkung zu unterschlagen oder weg zu diskutieren.

Aber ich fände es eben auch toll, wenn sich a) nicht nur Mädchen, b) nicht nur weiße Mädchen, c) nicht nur cisgender weiße Mädchen und d) nicht nur heterosexuelle cisgender weiße Mädchen repräsentiert sehen würden.

Und, dass ein breiteres Spektrum an Interessen da ist. Ja, viele Autorinnen sind selber große Fans von Büchern, aber nicht jeder auf diesem Planeten fühlt sich so. Manche lieben Fashion, Programmieren, selber Filme zu drehen, Malen, Kreativ sein oder einfach nur rausgehen und viel Sport treiben, ohne dabei gleich auf der nationalen Ebene mitzumischen.

Ich möchte einfach, dass sich stärkere Charaktere ausbilden, zu denen man aufsehen kann und bei denen man vielleicht auch mal sagen kann: Ne, so bin ich nicht.

Denn auch Abgrenzung von einem bestimmten Bild kann das Selbstbild super formen!


Ausblick: Wird sich dieses Bild der jugendlichen Protagonistin ändern?

Ich denke: Ja!

Man sieht in den letzten Jahren und Monaten einen tollen Trend, der sich in die Richtung bewegt, dass Protagonistinnen keine leeren und austauschbaren Scheiben mehr sind, sondern wirkliche Personen, die einem über den Weg laufen könnten. Mit echten Interessen und mit anderen Hintergründen, anderen Sexualitäten, anderen Leben.

Gute Beispiele hierfür sind „The Hate U Give“ von Angie Thomas, „Das Lied der Krähen“ von Leigh Bardugo, „Magnus Chase“ von Rick Riordan, „Ich gebe dir die Sonne“ von Jandy Nelson, (fast) alle Bücher von Holly Bourne und „Fangirl“ und „Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow“ von Rainbow Rowell.


Diskussions-Time!
Denkt ihr über die Protagonistinnen von Büchern ähnlich wie ich? Welche tollen Bücher fallen euch noch ein, die nicht in diese Falle tappen? Welche Bücher könnt ihr empfehlen, die diese Klischees nicht bedienen? Und welche Hobbies oder Interessen von euch hättet ihr gerne repräsentiert gesehen, als ihr in der Zielgruppe dieser Bücher wart oder seid?

27 Gedanken zu „Die Unscheinbarkeit der Protagonistinnen

  1. Mein Problem mit diesem Unscheinbarkeitssyndrom ist, dass es Unscheinbarkeit und vor allem die einhergehende Passivität erhöht wird. Wir trainieren jungen Frauen ja gerade zu an, immer schön die Klappe zu halten, nicht aufzufallen und das Schicksal nicht in die eigene Hand zu nehmen, weil – keine Sorge – euer Prinz/Vampir/Magier wird schon daher kommen und euch ins Abenteuer entführen. Ich bin für Charaktere, die mit ihrem Mut und ihrem Tatendrang eine Vorbildfunktion darstellen, für all die Mädels in unserer Welt, die sich das vielleicht nicht trauen.

    1. Genau! Diese Passivität ist ein Grundproblem, was wirklich gelöst werden muss! Junge Frauen können so viel und ihnen wird so gezeigt: Hey, wenn ihr so seid, dann werdet ihr alles und noch mehr erreichen!
      So ein Mist!
      Ich bin für Charaktere, die sich alles selbst antrainieren müssen! Und für welche, die wirklich an sich arbeiten müssen, um Dinge wirklich zu schaffen!

      LG,
      Anna

  2. Hey Anna,
    toller und wichtiger Artikel! Wir brauchen wirklich mehr interessante Protagonistinnen in Jugendromanen, die mal ein Gleichgewicht bilden zu den ganzen passiven Belas in der YA-Welt.
    Bei Rubinrot muss ich ein bisschen widersprechen: Ich fand Gwens Charakterisierung um Einiges runder als zb bei Twilight, da hier zb ihr chaotisches Familienleben gezeigt wird. Klar, Hobbies hat sie nicht so viele, ich glaube, nur Filme schauen mit ihrer Freundin? Aber ich fand es toll, dass sie so selbstironisch mit ihren Mängeln umgeht.
    Bei interessanten YA-Heldinnen fällt mir noch die Charlotte Holmes-Reihe von Brittany Cavallaro ein und Abigail Rooke aus der Jackaby-Reihe (letztere hat zb den großen Traum, Paläontologin zu werden und einen Dinosaurier auszugraben, hehe).
    LG, Sabine

    1. Hey Sabine,

      Danke dir! Interessante Protagonistinnen sind so unfassbar wichtig!
      Ja, so könnte man das bei Rubinrot auch sehen, ich habe die Bücher schon vor langer Zeit gelesen, daher kann ich mich auch nicht mehr sooooo gut erinnern 😀 Aber ja, ihre Familie und ihre Freundin sind tolle Zusatzpunkte in dieser Geschichte!

      Uhhh! Die habe ich auch noch nicht gelesen, werde sie mir aber definitiv mal ansehen!

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  3. Hey
    Du hast vollkommen recht. Aber eben nicht nur bei den weiblichen Protagonisten, sondern auch bei den männlichen. Wie viele der männlichen Protagonisten sehen nicht gut aus, haben einen durchtrainierten Körper und sind immer mutig? Als männlicher Leser fällt mir das immer wieder auf. Genauso wie, dass ich am Ende eines Buches gar nie weiss, wie die Protagonistin aussieht oder, was sie vor ihrem Abenteuer in ihrem Leben gemacht hat. Das finde ich persönlich sehr schade und ich lese mittlerweile auch nicht mehr so gerne Bücher mit solchen Protagonisten.
    Meine Empfehlung für tolle Charaktere sind die Bücher von Alice Gabathuler. Das sind die Bücher, welche sich für mich mit starken authentischen und auf allem Charakterstarken Protagonisten auszeichnen.
    Ansonsten wirklich spanneder Beitrag! Danke dir!

    Josia

    1. Hey Josia,

      Klar gibt es dasselbe Phänomen auch bei männlichen Protagonisten oder Charakteren, aber dieser Beitrag orientiert sich nur an den weiblichen Archetypen. Den Männern könnte man einen ganz eigenen Beitrag widmen 😀

      Die empfohlenen Bücher werde ich mir in jedem Fall trotzdem ansehen!

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  4. Hallo Anna,

    toller Beitrag, dem ich komplett zustimme es sollte mehr einzigartige Protagonistinnen geben. Gerade bei Bella fiel mir ihr fehlen an Hobbies stark auf. Ich habe die Twilight Bücher als Teenager gelesen und fand es immer total komisch, dass Bella keine Hobbies hat. Und auch ansonsten wäre mehr Persönlichkeit wichtig, vor allem auch mehr Unabhängigkeit von der Love Interest, damit die Protagonistin nicht von ihm (es ist in ja fast immer ein Kerl) abhängig wird.

    Ich lese in letzter Zeit kaum noch YA. Einer der Gründe dafür ist, dass ich viele Protagonistinnen austauschbar finde. Ich hatte bei einigen YA-Romanen das Gefühl, man hätte die Protagonistinnen austauschen können, ohne das sich die Story verändert. Außerdem machen diese immer gleichen Protagonistinnen die Geschichte vorhersehbar. Es gab Romane, da wusste ich sobald die Protagonistin, in eine neue Situation kam, wie sie reagieren würde, weil ich ihre Geschichte schon so oft in anderen Romanen gelesen hatte. Immer die gleichen Protagonistinnen zu haben, macht die Bücher auf dauer langweilig.

    LG
    Elisa

    1. Hey Elisa,

      Absolut! Das finde ich auch immer komisch! Irgendwie hat man doch seine Zeit immer rumgekriegt, oder? Als Teenager hat man doch multiple Hobbys, selbst wenn man eher weniger Freunde hat. Die bilden doch alle erst eine Persönlichkeit!

      Ich lese auch immer weniger in diesem Genre…irgendwie packt es mich nicht mehr besonders…
      Und eben diese Vorhersagbarkeit geht mir absolut gegen den Strich…seufz….

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  5. Ahoy Anna,

    danke für diesen wunderbaren Beitrag, mit dem du mir aus der Seele sprichst!
    Gerade eben habe ich meine Rezension zu „Auf ewig mein“ veröffentlicht – und gerade dieser Farblosigkeit der Protagonistin war auch mein größter Kritikpunkt!

  6. Hach das leidige Thema. Ich habe mal ein Interview mit dem damaligen Schreiblehrer von Stephenie Meyer gehört (war ein Podcast), in dem er sagte, Meyer sei von Anfang an mit der Premisse herangegangen, „das erfolgreichste Jugendbuch aller Zeiten“ schreiben zu wollen. Und die leere Hülle der Protagonistin ist, denke ich, kein unerheblicher Teil davon.

    Ich stimme dir da voll zu: Diese unscheinbaren Mauerblümchen sind quasi das Ebenbild der Zielgruppe. So schüchtern, unselbstbewusst und immer überrascht, dass irgendjemand sie toll findet (wobei das natürlich ein ganz wichtiger Punkt in ihrem Leben wird). Und das ist so generisch, dass es möglichst viele Mädchen anspricht. Warum sonst ist Bellas Hobby „lesen“?

    Das ist einer der Gründe, warum ich Hunger Games damals verschlungen habe. Weil Katniss teilweise so unsympathisch aber verständlich ist, und weil sie die ganze Sache mit der Liebe gehörig überfordert. So ganz anders, als die meisten Bücher.
    Ich denke auch, dass sich das zukünftig ändern wird. Denn gerade der Erfolg von Hunger Games hat ja gezeigt, dass es auch für unsympathische Heldinnen einen Markt gibt 🙂

    1. Das wusste ich noch gar nicht, passt aber sehr gut zu Twilight, tatsächlich 😀

      Alleine, dass es das Ebenbild der Zielgruppe ist, finde ich so unendlich traurig…und eben dieses „irgendjemand findet sie toll“ ist absolut bescheuert und eine so schlechte Message für alle jüngeren Mädchen…

      Klar! Gerade Hunger Games hat gezeigt, dass auch unsympathische Protagonisten absolut überzeugen können! Daher bewundere ich diese Reihe auch immer noch 😀

      LG,
      Anna

  7. Hallo Anna,

    zugegeben, ich bin schon lange aus der Zielgruppe für YA rausgewachsen 😉 – lese sie aber immer noch gerne. Die Klischees nerven, das stimmt. Da ich mich seit einiger Zeit allerdings auch auf der anderen Seite der Tastatur befinde, sprich, selbst schreibe, bekomme ich langsam eine Ahnung, warum das so ist.

    Erstens: Verlage wollen verkaufen. Verkaufen lässt sich am besten (so die Prämisse) das, was bei anderen funktioniert hat. So verstärkt sich der Effekt – wie z.B. die graue Maus als Protagonistin – immer mehr. Ebenso andere Klischees: Die Leserinnen erwarten sie (denkt jedenfalls der Verlag), also müssen sie sie bekommen. Zum Beispiel den geheimnisvollen fremden Badboy als Love Interest. Oder was auch immer. Hast Du den Plot anders geplant, die Charaktere anders konstruiert, heißt es: Klasse geschrieben, aber könnte sie/er nicht …?

    Zweitens: Wenn ich mir die endlosen Listen anschaue, was alles Klischee ist, kriege ich erst mal ganz große Augen und direkt im Anschluss die Panik: Was ist denn bitte noch keins?! (Okay, danach kommt der Ehrgeiz: Dann baue ich eben die Klischees so zusammen, dass sie keiner wiedererkennt. Hoffentlich.)

    Im Gegensatz zu Dir habe ich das Gefühl, dass sich das Klischee von der schwachen Protagonistin, die ihren „Retter“ braucht, um ihr Leben meistern zu können, sich immer mehr verstärkt. Leider. Im Kinderbuchbereich wimmelt es noch von auf unterschiedliche Weise starken Mädchenfiguren, aber sobald die Liebe ins Spiel kommt, ist es mit dem eigenen Leben, den eigenen Interessen aus. Hey, das kann’s doch wohl nicht sein, oder?

    Nebenbei: Wenn Du mal eine ganz andere Protagonistin lesen willst, probier’s mal mit Jasper Ffordes „Die letzte Drachentöterin“. Allein schon wegen des Quarktiers und der Führerscheinvergabe in Ffordes „Ununited Kingdoms“: Den Führerschein bekommt man nicht, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht, sondern eine bestimmte geistige Reife. Weswegen die Protagonistin Jennifer ihn mit 15 Jahren schon eine ganze Weile hat – die meisten Männer und insbesondere Zauberer ihn dagegen niemals bekommen 😀

    1. Hey Susa,

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

      Natürlich wollen Verlage verkaufen, klar wollen manche Leser wirklich immer wieder recycelte Geschichten. Ich aber nicht. 😀 Und deswegen kritisiere ich das, eben auch, weil es falsche Zusammenhänge im Kopf erzeugen kann.

      Ich hab auch nix gegen Bad Boys, aber die Geschichte extra in diese Richtung zu drücken, finde ich absolut bescheuert.

      Ja, es gibt viele Klischees. Ich sage auch nicht, dass keins davon verwendet werden kann. Aber sie sollten nicht einfach so verwendet werden, sondern wenn überhaupt gut ausgearbeitet sein 😀

      Wirklich? Hast du diesen Eindruck? Das finde ich absolut schade. Absolut schade. Solche Geschichten brauchen wir wirklich nicht mehr…

      Das empfohlene Buch werde ich mir auf jeden Fall mal ansehen!

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  8. Du sprichst mir aus der Seele 🙂

    Deine obige Aussage zum Thema Identifikation kann ich nur unterstreichen: Ein Verlagslektor sagte mir mal, dass es 3 Möglichkeiten gibt einen Leser an die Geschichte zu binden:
    -> 1. durch starke Charaktere, weil die Buchidee normal ist
    -> 2. durch eine außergewöhnliche Buchidee, weil die Charaktere normal sind
    -> 3. durch starke Charaktere und eine außergewöhnliche Buchidee

    Normale Charaktere werden bevorzugt, weil die Masse der Leser sich eher mit ihnen identifizieren kannn, als mit einprägsamen besonderen Charakteren. Bestes Beispiel ist Katniss: Entweder man liebt oder hasst sie, was bei letzterem Fall nach hinten losgehen und die Geschichte floppen kann. Das will man ungern / selten riskieren, was ein Grund dafür sein kann, warum so viele Geschichten eine unscheinbare Protagonistin haben.

    1. Hey Angela!

      Diese drei Dinge sind wirklich sehr wahr! Das kann man wirklich an jedes Buch anlegen 😀

      Hm…guter Punkt, aber mich überzeugen starke Persönlichkeiten mehr, egal, ob ich sie mag. Vielleicht ist das bei der großen Masse der Leser anders 😀

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  9. Bei Bedarf nach etwas weniger durchschnittlichen Mädchenfiguren, würde ich gerne meinen Jugendroman „Das heimliche Mädchen und der Dancing Boy“ zur Rezension anbieten.
    Darin findet sich eine Bacha Posh, ein Mädchen aus Afghanistan, das als Junge leben muss und hier auch ihre Chancen erkennt, es gibt aber auch einen Jungen, einen Bacha Bazi, dem übel mitgespielt wurde und ……..

    https://diebuchwerkstatt.wordpress.com/veroffentlichungen/das-heimliche-maedchen-und-der-dancing-boy/

    Melde Dich einfach und ich sende Dir postwendend ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Besprechung zu.

    1. Hey, ich habe leider nicht die Zeit, dein Buch zu lesen, nur um zu bewerten, ob er diesem Artikel entspricht.

      Such dir doch Blogger oder Testleser, die dieses Buch wirklich lesen wollen 🙂

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  10. Mal ehrlich: Wer mag Harry und wer lieber Hermine? War nicht Frodo ebenso blass und leer? Bis auf seine Opferbereitschaft und seinen Ring-Fetisch, was zeichnet ihn aus? Mich nerven Charaktere, die dumm und naiv sind und plötzlich den Helden spielen sollen. Das ist auch unrealistisch. Entweder reproduziert man als Autor erlernte Klischees – bewusst oder unbewusst, vielleicht weil man es so aus anderen Büchern kennt oder der Verlag / Lektor will es so, oder man ist leider etwas fantasielos oder einfach bequem. Weil der Bad Boy viel interessanter ist, also wozu Arbeit in die Prota stecken… nur als Beispiel. Was ist so schwer daran, lebendige Charaktere zu schaffen, oder zumindest welche, die kein Abziehbild sind. Jeder hat doch Menschen um sich, die Ecken und Kanten haben. Auch als Jugendlicher. Ich kann mich nicht erinnern, meine Freunde als langweilig und farblos gesehen zu haben. Figuren sollten alle eine „Meise“ haben, gute wie schlechte Eigenschaften und auch mal richtige Fehler machen dürfen.

    1. Naja, offensichtlich scheint es wirklich sehr schwer zu sein, originelle Charaktere zu erschaffen und es scheint bequem zu sein, sich einfach an Klischees und Archetypen zu bedienen.

      Aber genau! Figuren sollen etwas haben, das sie auszeichnet und sie wiedererkennbar macht! Jeder von uns hat doch so seine Macken!

  11. Hallo,

    als ich den Artikel gelesen habe, war ich in einem gewissen Zwiespalt: einerseits gebe ich dir total Recht mit deiner Meinung. Andererseits musste ich mir selbst an die Nase fassen, da meine Protagonistin fast genau diesem Klischee entspricht und mir das bisher nicht wirklich bewusst war.🙈
    Sie hat zwar ein Hobby das sie leidenschaftlich betreibt (zeichnen), ist aber auch schüchtern und hat nur eine Freundin etc. Aber sie hat eine besondere Gabe und kann auch temperamentvoll sein, ist aber jetzt auch nichts außergewöhnliches. 😑

    Jetzt hab ich schon Angst, dass Verlage, eben aufgrund der Entwicklung, das Buch ablehnen könnten 🙈

    Trotzdem aber ein guter Beitrag, der zum Nachdenken anregt 🙂

    LG Lisa

    1. Hey Lisa,

      Das ist doch gar kein Problem 😀 Und sobald die Protagonistin ein Hobby hat, ist doch alles gut! Und schüchtern sein ist doch auch kein Problem! Solange du es gut geschrieben hast, sehe ich da nicht wirklich ein Problem 🙂

      Ich denke nicht, dass es da einen Abriss gibt. Der Markt verändert sich zwar, aber solche Geschichten sind immer noch gefragt 🙂
      Nicht aufgeben!

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  12. Danke für diesen kritischen Beitrag! Ich muss meine eigenen Figuren in Zukunft kritischer hinterfragen… ^^
    Was die Ursachenforschung betrifft, denke ich ähnlich. Natürlich liegt die Unscheinbarkeit, der sich gern bedient wird, hauptsächlich daran, dass die geneigte Leserin spüren soll: Diese Geschichte könnte genau DIR passieren. Die Hauptfigur fühlt wie DU.
    Dass junge Mädchen sich daraufhin allerdings zurücklehnen und sagen: Ich mache es jetzt mal wie Bella, dann wird schon ein gutaussehender Vampir auftauchen, der sich in mich verliebt… – wage ich zu bezweifeln. So viel Realitätssinn traue ich den Mädchen schon zu. 😉
    Viel mehr gehe ich davon aus, dass die Bücher als Ersatzbefriedigung für Abenteuer dienen, auf die sich einzulassen sie zu schüchtern, zu ängstlich, zu wenig selbstbewusst… was auch immer sie glauben zu sein. Und das sehe ich erstmal nicht durchweg negativ. Auch, wenn ich dir darin zustimme, dass es mehr Protagonistinnen geben sollte, zu denen wir aufblicken, von denen wir etwas lernen können. Eine Figur, die uns menschlich, vertraut und trotzdem realistisch erscheint, ist zum Beispiel Hermine aus Harry Potter. Eine Frau vom Kaliber Katniss ist zwar faszinierend, aber mal ehrlich, tauschen möchte niemand mit ihr.

    Alles Liebe! Ich werde Deinen Blog nun häufiger besuchen, auf der Jagd nach inspirierenden und kritischen Anregungen. 😀
    Sheyla

    1. Hallo Sheyla,

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Das freut mich wirklich!

      Ich finde es tatsächlich auch so, dass Bücher einfach zu sehr auf das durchschnittlichste aller Mädchen zugeschnitten werden. Aber wenn man nun mal viele dieser Bücher liest, dann gibt es eine gewisse Erwartungshaltung und alleine die Aufregung um Bella und Edward und diese Filme gab es bei mir auch und viele, die wirklich gesagt haben, dass sie gerne einen Jungen wie Edward hätten. Was ich schon bedenklich fand.

      Ich finde generell, dass es mehr Figuren geben sollte, von denen wir uns unterscheiden, die in Situationen kommen, die wir uns nicht mal vorstellen können und die unsere Vorstellungen von Moral und Ethik auf den Kopf stellen. Vielleicht auch nur von Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft. Aber eine austauschbare Protagonistin finde ich ehrlich furchtbar.

      Oh, und vielen Dank, dass du nun häufiger hier vorbeischauen willst! *-*

      Viele liebe Grüße,
      Anna

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