Über griechische Mythologie und negative Rezensionen | INTERVIEW mit Kira Licht

Kira Licht kommt wie ich aus Bochum, führt ihren Instagram-Account sehr aktiv und hat gerade eine neue Romantasy über griechische Mythologie in Paris beim one-Verlag veröffentlicht. Wir plauderten ein bisschen über Klischees in der Branche, negative Kritik und ihre



Wie würdest du dein Buch denn potenziellen Lesern vorstellen?

Also wenn ihr euch für die griechische Mythologie interessiert, für eine ganz niedliche, zarte Liebesgeschichte und eben ein cooles europäisches Setting, dann seid ihr bei mir richtig!

Das Buch spielt ja in Frankreich – genauer in Paris. Wie hast du dich darauf vorbereitet, hast du vielleicht eine spezielle Connection zu der Stadt?

Ich kenne Paris sehr gut und war schön öfter da, bin aber für das Buch tatsächlich nochmal nach Paris gefahren für 5 Tage. Ich habe mir alle Orte nochmal angeguckt, also man kann Paris entdecken mit diesem Buch zusammen. Ich war in den Katakomben und wollte auch, dass es authentische Schauplätze sind, die man im Buch wiederfindet. Ich liebe Paris, Kultur, Kunst, alte gewachsene Architektur, verschiedene Baustile finde ich super interessant. Kunstmäßig passiert echt ne Menge, auch wenn man nicht nur in den Louvre geht! Ich mein die Kaffeekultur in Paris ist natürlich weltberühmt. Es gibt definitiv schlimmere Recherchereisen, die man machen kann! lacht

Von daher habe ich diese Reise auch sehr genossen.

Wie kamst du darauf, die griechische Mythologie in deinem Buch zu verwenden? Und wie kamst du darauf, sie mit Paris zu verbinden? Denn ich würde die beiden spontan gar nicht so im Einklang sehen.

Also erstmal: Für griechische Mythologie habe ich mich schon als Kind interessiert neben meiner großen Leidenschaft für Dinosaurier. Ich war ein sehr seltsames Kind. Man konnte mich also glücklich machen mit Büchern über griechische Mythologie und die neuesten Erkenntnisse über den Brachiosaurus! Und nein, ich bin nicht verrückt. Meine Eltern haben mich testen lassen!

Und ich wollte einfach ein cooles europäisches Setting, also die meisten Romantasy-Geschichten spielen doch irgendwie in Amerika und ich wollte diesen Ausreißer wagen und da ich mich in Paris einfach gut auskenne und ich nichts schlimmer finde, als ein Buch zu lesen und zu merken: Der Autor hat keine Ahnung, wovon er schreibt. Weder vom Flair, noch von der Stadt, wie sie gewachsen ist und wie sie heute existiert, was heute auch aktuell passiert. Das fand ich immer sehr unüberzeugend und das wollte ich nicht. Ich wollte wirklich wissen, wovon ich schreibe.

Genau, das kenne ich aus anderen Romantasy-Büchern, die auch in Paris spielen. Da denkt man sich zwischendurch, das eher eine Traumstadt geschildert wird, die so eigentlich gar nicht sein kann. Beispielsweise höre ich von Freunden, die dort waren, dass ein riesiges Müllproblem herrscht.

Ja, auf jeden Fall. Es kann auch sehr gefährlich sein in manchen Ecken. Also es ist wirklich so, dass man gewisse Etablissements – auch das wo der Protagonist Mael drin wohnt – als ortsfremder nicht betreten sollte. Also da sind nachts brennende Mülltonnen in den Straßenecken, das ist richtig richtig krass.

(Hier sind wir ein wenig ausgeschweift und haben uns darüber unterhalten, dass dieses Phänomen des Schönen und Schrecklichen auf wenigen Metern nebeneinander auch in anderen europäischen Hauptstädten wie Amsterdam oder Rom sehr oft vorkommt.)

Da es ja relativ viele Romantasy-Bücher gibt, die griechische Mythologie mit einarbeiten, z.B. Percy Jackson oder „Götterfunke“ von Marah Woolf…

Oder die Reihe von Angelini! Wie hieß sie nochmal…Ach ja, „Göttlich verliebt“, die Bücher habe ich ja total geliebt!

Ha, ich auch!

(Hier stellen wir fest, dass wir beide den letzten Band nie gelesen haben, soweit wir uns erinnern können.)

Daher wollte ich dich fragen, was du an innovativen Aspekten eingebracht hast? Sind deine Götter vielleicht ein wenig anders?

Tatsächlich die Götter nicht so, aber ich habe noch nie ein Romantasy-Geschichte gelesen, in denen Nymphen eine größere Rolle spielen. Meine Protagonistin ist ja eine Wiesennymphe und in Teil 2 werden auch die Nymphen noch mehr thematisiert. In Percy Jackson sind es ja mehr diese Randfiguren, sprechen manchmal, aber sie haben nur so klitzekleine Statistenrollen. Bei mir habe ich mir gedacht: Es sind nur Frauen! Und zwar Frauen, die eine große Stütze für die göttliche Gemeinschaft sind. Sie unterrichten, sie sind der Heilkunst bewandert, sie organisieren sehr viel in der Umwelt und halten viel in Stand. Warum schreibt also niemand über die? Die sind doch total cool! Und die haben richtig viel Verantwortung in dieser Welt. Es sind Frauen die völlig autark leben, die sich selbst organisieren und warum sind es immer nur die coolen Jungs mit den Muskeln, die eine Rolle spielen dürfen? Bei mir sind es halt mal die Nymphen!

Ja, genau, ich dachte mir auf den ersten Seiten, als die Protagonistin mit einem Löwenzahn spricht auch nur: Aha, alles klar!

Meine Mutter hat auch die erste Seite gelesen und man sah an ihrem Blick: Wir hätten sie doch mehr testen lassen sollen!

Wir lachen

Allerdings kam es unfassbar gut an! Eigentlich hatte ich es als Schlüsselszene gar nicht so richtig aufgebaut, aber das war das, was in den Bewerbungen und Bewertungen total oft erwähnt wurde! Wir hatten das Buch auf Lesejury.de eingestellt und bekamen fast 400 Bewerbungen! Die meisten, die es im Romantasy Bereich je gegeben hatte! Und das war alles wegen diesem Löwenzahn, ich schwöre es dir! Weil die Mädels alle gesagt habe: Oh mein Gott, das ist so verantwortungsbewusst, dass sie sich dem intuitiv sofort annimmt und sich um den Löwenzahn kümmert!

Bei mir war das eher so: Ich stand mal an einer Ampel und da wuchs tatsächlich dieser Löwenzahn und ich dachte: Alle gucken auf ihre Handys, der Rest starrt auf die Ampel. Was wäre denn, wenn plötzlich was passiert, was mich völlig umhaut. Und so ist das entstanden. Aber ich habe das nicht geplant! War völliger Zufall!

Ich saß da beispielsweise und dachte, dass es eher ein lustiger und unerwarteter Moment ist…

Ja genau, so lustig, freakig, unheimlich!

Und ich würde wahrscheinlich vorbei gehen, weil ich mir denke, dass der Löwenzahn auf der Straße eh nicht lange überleben wird. Zeigt schon viel über den Charakter der Protagonistin.

Auf jeden Fall!

Dein Buch ist ja Romantasy, da gibt es natürlich wie in jedem Genre seine Klischees und seine Konventionen. Wo siehst du diese vielleicht in deinem Buch?

Also ich finde Genre-Konventionen ganz wichtig. Obwohl es viel Richtung Klischee geht. Aber Klischees haben auch was Gutes, denn sie haben etwas Vertrautes. Denn jemand, der nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt – viele Leserinnen arbeiten Vollzeit, haben Kinder, haben unglaublich viel zu tun – die wissen, was sie erwartet. Und es hat etwas sehr Beruhigendes, wenn man ein Buch kauft und weiß, was einen erwartet.

Ich schreibe keine Bücher, die dich absolut vom Hocker hauen und dich thrillermäßig danach wieder zusammensetzen. Sondern ich schreibe – wie Kerstin Gier das mal gesagt hat – Wohlfühlliteratur.

Und das finde ich sehr nützlich, weil man den Leserinnen sofort suggerieren kann, was sie denn ungefähr bekommen. Das macht einen vom Kauf her etwas sicherer.

Ich spiele sehr gerne mit Genre-Konventionen, weil ich es unheimlich charmant finde, diese etwas leichte und naive Liebe neu und interessant zu verpacken. Und ich finde es gar nicht schlimm, wenn das Mädchen am Anfang noch etwas unsicher ist und der Typ halt der tolle, gutaussehende Junge ist, wo man am Anfang sogar denkt, dass er total cool ist, was Maél ja auch gar nicht ist.

Aber es macht Spaß, sich ein wenig daran zu halten und zu sagen: Wir geben den Leserinnen das, was sie zwischen diesen Buchdeckeln auch erwarten.

Bei mir ist es so, dass Maél kein klassischer Bad Boy ist und Livia ist auch nicht die klassische Protagonistin, die naiv und ohne Selbstwertgefühl durch die Geschichte stolpert. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Auch nicht, dass man Frauen in der Literatur so darstellt.

Sie hat ein gutes Selbstbewusstsein, sie gibt ordentlich Kontra, was die beiden aber auch zusammenschweißt. Sie drücken sich sehr gerne auch gegenseitig Sprüche.

Es gibt ja auch nichts langweiligeres als Perfektion. Und sie ist nicht perfekt, aber sie steht dazu.

Ich mag es immer sehr gern, wenn sich zwei auf einem Abenteuer finden. Was ich allerdings häufig zu kritisieren habe, sind die Machtgefälle innerhalb dieser Beziehungen, da der Junge meist der tolle und wissende ist und sie meist naiv und weiß nichts.

Sie stolpert so durchs Leben und alle sagen: Ach, ist sie nicht bezaubernd!

Ja genau, das kann ich eigentlich nicht mehr leiden.

Das ist bei Livia und Maél anders. Sie ist manchmal schon überrannt von ihm, aber er ist kein dominanter Typ, er ist nicht missbräuchlich mit ihren Gefühlen. Wenn sie ihm ihre Gefühle gesteht, dann ist er genauso verknallt und sie hat ihn auch total vom Hocker gehauen. Sie sind da quasi auf einem Level. Sie schwärmt natürlich ein bisschen mehr, weil das Buch ja aber auch aus ihrer Perspektive geschrieben ist. Man wird aber Szenen finden, in denen man auch Maéls Gefühle herauslesen kann, die er eher durch Taten als durch Worte sprechen lässt. Und diese verschiedenen Ausdrucksweisen finde ich auch sehr gesund.

Ich weiß auch nicht, warum Frauen sich gerne in diese Unterwürfigkeitsrolle begeben. Ich verstehe es nicht, aber es läuft unendlich gut.

Und man sagt auch immer: „Bossy guys in books are better than bossy guys in real life.“

Ich meine, es ist natürlich eine Fantasiegeschichte von Frauen, einen Mann zu haben, der alles im Griff hat und alles organisiert. Aber dieses immer von oben drauf, das würde mich wahnsinnig machen. Es gibt Bücher, die sind wirklich schlimm, die kann ich auch nicht mehr lesen. Aber: Es funktioniert gut. Auch bei vielen Kolleginnen. Und daher kann ich verstehen, wenn man sagt: Ich schreibe genau das. Für die Frau, die das lesen möchte und die eigentlich auch weiß, dass es Fiktion ist. Die das Buch zuklappt und sagt: Ja, aber ich lache mir jetzt nicht so einen Typen an!

Man muss sich nur bewusst sein, was man liest.

Genau, es gibt ja auch niemanden, der Fantasy liest und danach sagt: Wir kaufen jetzt einen Drachen!

Man weiß, was man konsumiert und es sind großteils volljährige Leserinnen, die sowas auch konsumieren, die damit umgehen können. Ich lese das auch. Nicht als Überdosis, aber es macht auch Spaß.

Livias Vater ist ja Botschafter, der jetzt in Paris wohnt und vorher in Korea war. In deinem Autorenprofil habe ich gelesen, dass du in Deutschland und Japan gelebt hast. Und hast du da auch Dinge aus deinem Leben verarbeitet?

Ja, ich schreibe sehr ungerne über Sachen, von denen ich wirklich gar keine Ahnung habe. Ich bin auch auf eine internationale Schule gegangen und kannte daher den Ablauf. Auch, dass man gewohnt ist, dass mitten im Schuljahr neue Schüler dazukommen oder Leute einfach mittendrin wieder gehen oder wechseln.

Für meine Protagonistin wollte ich einen Ortswechsel, um die Geschichte voran zu treiben. Sonst hätte sie ihn bestimmt schon mal irgendwo gesehen. Daher hat es sich einfach angeboten. Ich wollte meine Erfahrung einfach einbinden.

Man findet sehr schnell neue Leute, aber die Leute, mit denen man zur Schule ging, vergessen einen auch relativ schnell. Und genau das verarbeitet sie.

Eine Frage von einer Blogger- und Autorenkollegin ist: Wie gehst du mit negativer Kritik um?

Grundsätzlich finde ich es sehr gruselig, wenn Bücher nur 5 Sterne Rezensionen haben. Weil man nicht jedem gefallen kann und will. Ich habe sehr gute Bloggerfreunde, die ehrlich sind und die Dinge kritisieren, die dann tatsächlich helfen. Für weitere Bände zum Beispiel.

Dieses Feedback ist für mich natürlich total toll. Es gibt viele differenzierte Eindrücke und man merkt daran, dass man es nicht jedem recht machen kann. Solange der Großteil der Leute zufrieden ist mit dem, was sie bekommen, ist das für mich völlig in Ordnung.

Als es meine erste 2-Sterne-Rezension gab, war diese allerdings nach dem Motto: „Buch toll, aber ein Hund. Ich mag nur Katzen.“ Das war sehr prägend. Wenn sowas kommt, dann tut es mir einfach leid für den.

Wenn aber Kritik drin ist, dann sage ich: Das ist eine Meinung und jeder sollte seine Meinung sagen dürfen.

Ich bin hart im Nehmen bei sowas. Mir kann jeder alles sagen, solange er es begründet. […] Es ist auch ganz witzig, aber viele wissen das nicht: Manchmal bekommt man einfach so eine Rezension aus dem Nichts, von jemandem, der noch nie etwas rezensiert hat. Und dann ist eigentlich klar, dass diese Menschen nur Druck ablassen wollten.

Und sowas kann ein Buch unheimlich puschen. Ein Buch, das polarisiert ist tausendmal interessanter, als ein Buch, was alle super gut finden.

Es macht neugierig, wenn ein Buch polarisiert.

Als bei mir die ersten 2 oder 3 Sterne Bewertungen eintrudelten, hat man direkt an den Verkaufszahlen gesehen, dass sie absolut nach oben gingen. Man selber ist total traurig, aber den Geldbeutel freuts.

Wenn man einem Autor „schaden“ will, sollte man keine schlechte Rezension schreiben, sondern eine larifari 5 Sterne Rezension, bei der jeder denkt, dass sie eh nicht ernst gemeint sein kann. Es ist tausend Mal mehr wert, wenn sich jemand Gedanken gemacht hat und eine lange, schlechte Rezension schreibt.

Für uns Autoren ist es absolut super, wenn differenzierte und ausführliche Rezensionen kommen, damit können wir Autoren arbeiten und es tut auch nur gut.

Ok, letzte Frage: Erzähl etwas über dein Buch, was du noch niemandem anderem erzählt hast!

Also es gibt in Teil 2 eine sehr tragische Liebesgeschichte, bei der ich tatsächlich beim Schreiben auch kurz geweint habe.

Von jemandem, der sehr stark ist für eine sehr lange Zeit, der sehr polarisierend und selbstbewusst ist und nach außen suggeriert, dass er jede haben kann. Er hat sein Herz vor einer sehr langen Zeit verschenkt und hat es nicht wieder zurück bekommt.

Und eigentlich weine ich nicht so leicht. Aber mit Musik auf den Ohren und beim Schreiben habe ich irgendwann gemerkt, dass das absolut gar nicht geht.Es hat mich so fertig gemacht, dass ich schon wieder Tränen in den Augen habe.

Alles klar, vielen Dank, dass du alle meine Fragen beantwortet hast!

Sehr gerne!


Kira Lichts neuer Roman ist im one-Verlag erschienen und heißt „Gold & Schatten“

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