Unrealistische Erwartungen durch Jugendliteratur

Bücher sind nicht realistisch. Müssen sie auch nicht sein, denn für viele Menschen ist es eine tolle Ausflucht aus ihrer Realität.

Doch Kinderbücher und Jugendbücher haben eine besondere Funktion: Sie formen die Erwartungen von Kindern und Jugendlichen, ihren Blick auf die Welt und das, was in ihr passiert.

Was viele in der Jugendliteratur kritisieren, ist die Darstellung der Liebe und die damit einhergehenden falschen Hoffnungen, die sich manche Jugendliche deswegen machen.

Dies ist ein Erfahrungsbericht von einer Jugendlichen, die ihr gesamtes Teenagerleben mit diesen Büchern zugebracht hat.


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Ein kleines Geständnis

Ich lese intensiv und viel, seitdem ich etwa 13 bin. Damals entdeckte ich die “City of Bones”-Reihe, die “Göttlich”-Trilogie und noch viele andere Romantasy-Trilogien, die mich formen sollten.

Gleichzeitig entwickelte sich (wie in anderen Posts schon angedeutet) meine Persönlichkeit, ich wurde mehr nach außen gerichtet, fand Freunde und viele, viele Dinge, die mein Leben absolut fantastisch machten. Ein fand ich nicht: Die Liebe.

Versteht mich nicht falsch, ich habe mich sehr wohl verliebt – und das auch sehr heftig. Allerdings ist darauf aufgrund des fehlenden Interesses der anderen Seite niemals etwas geworden.

Und nun muss man es einfach mal gestehen: Letztens hatte ich meinen ersten richtigen Kuss. Und natürlich hat der mich zum Nachdenken gebracht. Auf vielen verschiedenen Ebenen.

Und irgendwann kam ich dann auch dazu, dass ich mich Folgendes fragte: Was zum Geier haben mir die Jugendbücher eigentlich immer vorgespielt?


Meine Erwartungen

Egal ob Fantasy, Romantasy oder Contemporary, alle Paare oder noch-nicht-ganz-Paare der Jugendbücher sind immer unsterblich ineinander verliebt, sie müssen eine Aufgabe zusammen lösen oder hängen sonst wie aufeinander fest. Es gibt ein paar Spannungen, sie kommen sich näher, es ist natürlich absolut perfekt und dann *schwupps* küssen sie sich, sind zusammen und alles ist nur noch Glitzer, Regenbögen und Feenstaub.

Und da jedes (und damit meine ich wirklich jedes) Jugendbuch dir in irgendeiner Weise die eine wahre, tolle, große und perfekte Liebe vorspielt, davon erzählt und diese auslebt, verfestigt sich nach und nach in meinem Gehirn folgende Vorstellung: Wenn das bei dir passiert, wird es genauso sein. Feuerwerk, weiche Knie, Perfektion, alles passt perfekt aufeinander, jeder weiß genau, was er oder sie zu tun hat.

Ich weiß natürlich auch aus Filmen, Musik, Serien und dem Internet, wie viele Probleme es dabei gibt, wie viele nicht glücklich sind oder in komische Beziehungen rutschen. Aber da es immer so suggeriert wird, bin ich irgendwann automatisch im Hintergrund davon ausgegangen, dass es bei mir genau so sein wird.


Die Enttäuschung

Auch hier wieder: Versteht mich nicht falsch! Es war toll, es hat Spaß gemacht und mich völlig überrascht.

Was nicht dabei war: Feuerwerk, weiche Knie, Perfektion, alles passt perfekt, jeder weiß genau, was zu tun ist. Das große *Puff* war einfach nicht da.

Und ich war verwirrt. Genau das hatten mir doch alle Bücher prophezeit, in jedem Buch gab es diese Geschichte, quasi Wort für Wort, auch wenn das Setting sich änderte. Immer wieder sind alle Autoren auf den Zug aufgesprungen, dass die Liebe perfekt ist, sich immer perfekt anfühlt und dir den Boden unter den Füßen wegzieht.

Das mag für manche stimmen. Für mich aber nicht.. Und natürlich habe ich mich dann gefragt, ob etwas mit mir nicht stimmt.

Aber das ist völlig normal.

Nicht bei jedem Kuss fliegt die Welt der Küssenden aus den Angeln, nicht immer kann man sich nicht mehr auf den Beinen halten oder hat keinen Atem mehr.

In den meisten Fällen ist das alles nicht perfekt. Nicht Regenbögen, Feenstaub und Glitzer.

Sondern Spaß, der von Peinlichkeiten unterbrochen wird, der manchmal extrem komisch sein kann, wo manchmal keiner so richtig weiß, was er oder sie macht.


Die Realität

Was mir dabei unglaublich ins Auge gefallen ist: Meine Sicht auf die Dinge wurde von diesen Romanen getrübt.

Ich prangere nicht an, dass diese Geschichten nicht die Realität abbilden, denn wenn alle Bücher nur die Realität beschreiben, wie langweilig wäre das denn?

Aber man könnte sich doch um eine Darstellung der Liebe und der körperlichen Aktivitäten dabei bemühen, die nicht nur vor Superlativen strotzt und Fehler, peinliche Momente und Unsicherheiten zulässt.

Denn so ist die Realität nun mal. F

ast niemand findet seine große Liebe schon in der High School oder in der Oberstufe. Die meisten Beziehungen sind voller Fehler, Missverständnisse und peinlicher Momente. Auch, wenn diese nicht die Rettung der Welt oder die Verbotenheit dieser Liebe thematisieren.

Was ich dabei bedenklich finde:

Viele kleine Bücherwürmer wachsen nicht nur damit auf, einen Gideon, einen Jace oder einen Edward haben zu wollen (was wieder ein ganz anderes Thema ist), sondern auch damit, die gleichen Dinge mit ihnen zu erleben.

Wie groß werden die Enttäuschungen sein? Wie groß die Verwirrung? Wie groß die Verzweiflung, weil man nicht genau das gleiche erlebt wie die Heldinnen aus den Romanen?


Und jetzt?

Ich will eigentlich gar nicht viel. Ich möchte nur einen Gedankenanstoß geben: Wie beeinflussen wir Leser mit den Gefühlen und Taten der Charaktere?

Wie können Autoren etwas schaffen, was zwar den jugendlichen Leser erfreut und auf eine Welt voller romantischer Gefühle vorbereitet, aber sie nicht mit den Fantasien der größten und besten Liebe aller Zeiten sofort und immer geradezu überfordert und überbordend in ihrer Vorstellung verankert?

Wenn wir über Sexismus, Rassismus und Feindlichkeit gegenüber der LGBTQIA+-Community in Jugendbüchern reden, dann müssen wir meiner Meinung nach auch wenigstens ein wenig darüber reden, wie weit entfernt von jeder Wirklichkeit die Darstellung der Liebe geschieht.

Nämlich immer gleich, immer austauschbar, aber in Wirklichkeit doch so anders und immer unterschiedlich.


Diskussions-Time!
Was haltet ihr von diesem doch sehr persönlichen Text? Könnt ihr diese Erfahrungen bestätigen oder könnt ihr gar nicht zustimmen? Was haltet ihr von der Darstellung der Liebe in Jugendbüchern?

21 Comments

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