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Warum ein Ladies Lunch nicht sexistisch ist

Wie einige von euch vielleicht wissen, studiere ich im zweiten Semester Elektrotechnik und Informationstechnik.

Es ist bekannt, dass die Quote von weiblichen Studierenden gerade im Feld der Naturwissenschaften und Ingenieurswissenschaften sehr zu wünschen übrig lässt.

Bei uns beträgt die Quote etwa 90% Männer zu 10% Frauen. (Unsere Gleichstellungsbeauftragte bezeichnet es als Meilenstein, wenn man es mal schaffen würde, diese Quote auf 15% zu heben!)

Es soll aber heute gar nicht darum gehen, dass dies vielleicht mal geändert werden müsste, sondern darum, dass diese Frauen in der Fakultät eine Möglichkeit gefunden haben, sich einmal im Semester zu treffen und zu besprechen, was die Gleichstellungsbeauftragte und ihr Team im letzten Semester gemacht haben und was die Pläne für das laufende und das kommende Semester sind.

Vor allem anderen ist es aber immer noch ein Treffen, um sich unter Frauen zu treffen, Erfahrungen auszutauschen und sich in einer anderen Situation zu befinden, als die, sich dauernd gegen die dominierend männlichen Kollegen durchsetzen zu müssen.


Wo liegt denn da das Problem, werden sich jetzt garantiert einige wundern.

Ich mich auch. Dieser sogenannte Ladies Lunch tut doch niemandem weh und gibt uns das Gefühl nicht allein zu sein und die Gewissheit, dass auch andere dieselben Erfahrungen und Probleme haben.


Aber einer meiner Kommilitonen sah das komplett anders.

Für ihn war dieser Ladies Lunch sexistisch. Gegenüber Männern. Weil diese ausgeschlossen würden, man nun genau dasselbe in die andere Richtung machen würde und man Essen nur bekommt, wenn man eine Frau ist.

Außerdem gäbe es ja im Gegenzug keine rein männliche Veranstaltung, bei der nur die Männer sich treffen würden.

Man solle nicht den Sexismus nur versuchen, von einer Seite zu lösen, indem man Frauen künstlich erhöhe, sondern in dem man beide Geschlechter zueinander bringt. Am besten in einem Dialog über die vorherrschenden Verhältnisse.


Die darauf folgende Diskussion möchte ich hier nicht widergeben, aber sie hat mich so dermaßen aufgeregt, dass ich nun in dieser Kolumne erklären möchte, warum dieser Ladies Lunch alles ist, aber nicht sexistisch gegenüber Männern.


Auf Twitter hat die liebe @_Leselust_ es wunderbar formuliert: „Sexismus ist die strukturelle, gesamtgesellschaftlich verwurzelte Diskriminierung eines Geschlechts.“

Und diese ist in unserer westlichen Welt nunmal gegen das weibliche Geschlecht gerichtet. Egal, wie sehr wir uns in den letzten 100 Jahren gebessert haben. Egal, wie viele Menschen mittlerweile glauben, dass Mann und Frau in unserer Gesellschaft komplett gleichberechtigt sind und gleiche Chancen in allen Belangen haben. Egal, wie viele von sich denken, dass sie nicht sexistisch denken oder handeln (und es meistens doch internalisiert tun).


Dieses strukturelle Ungleichgewicht drückt sich nicht nur darin aus, dass Mädchen häufig nicht beigebracht wird, dass sie auch gut in Mathe und Naturwissenschaften sein können und an sich selbst glauben sollen, und sich deshalb nicht so viele an unserer Fakultät einschreiben.

Es drückt sich auch in meinem Alltag aus.

Einem Alltag, in dem ich gerne mal als Einzige in einem Raum mit 30 jungen Herren sitze. Einem Alltag, in dem mich Blicke verfolgen, wohin ich gehe. Einem Alltag, in dem viele nicht den Unterschied zwischen Anstarren und freundlichen Blicken kennen. Einem Alltag, in dem ich eine von 10% bin. Faktisch eine gewisse Kuriosität, abgesehen von meinem allgemeinen Erscheinungsbild.

Es ist eine andere Atmosphäre, als wenn die Verhältnisse ausgeglichen sind oder mehr Frauen anwesend sind. Es ist eine Belastung für Psyche und Körper, wenn dauernd im Hinterkopf herumschwirrt, dass man sich in diesem Raum nicht wohlfühlt, leichter Blicke auf sich zieht und objektifiziert wird, nur, weil man einem anderen Geschlecht angehört, als die große Mehrheit.

Diese Erfahrungen möchte ich teilen. Und ich brauche eine Auszeit davon. Denn es zehrt an den Nerven, an der Psyche, an allem. Und diese Treffen sind ein idealer Zeitpunkt, um sich darüber auszutauschen und sich zu stärken. Sei es für blöde Kommentare, Blicke oder einfach die generelle Atmosphäre, dass über mich hinweg geredet werden kann oder ich nicht so fähig bin wie alle anderen im Raum, die dem männlichen Geschlecht angehören.


Diese Erfahrungen wurden abgetan mit: „Ja, aber was ist, wenn ich als Mann eine Auszeit davon brauche?“

Eine Auszeit? Von einem von deinesgleichen und dir dominierten Raum? Von einer Atmosphäre, die dich von Grund auf bevorzugt, die du leichter als mit einem Fingerschnipsen ändern kannst?

Und ein weiterer Grund: „Da müsst ihr halt eure Einstellung ändern. Diese Kommentare nicht an euch ranlassen.“

Erstmal: Wow, was ein Vorschlag! Noch nie gehört!

Und zweitens: Das kann nicht die Lösung sein. Klar, wir müssen Frauen stärken. Aber im längerfristigen Blick kann es nur das Ziel sein, solche Vorurteile und toxischen Atmosphären abzubauen, sodass man nicht stark sein muss, um seinen Platz zu verteidigen, sondern diesen genauso einfach einnehmen kann, wie jeder männliche Student im Vorlesungssaal.


Der @RobsPierre90 hat es in einem Tweet besser ausgedrückt, als ich es jemals könnte.

Dies ist eine Gelegenheit, sich auszutauschen, dieser Atmosphäre zu entkommen, einfach mal nicht von Männern in Gesprächsthemen bestimmt zu werden oder sich in der Diskussion behaupten zu müssen.


Ein weiteres Argument war, man solle doch Frauen nicht künstlich erhöhen, sondern die Geschlechter weiter zusammen bringen. Beispielsweise mit einer Diskussion zum Thema.

Jein.

Künstliche Erhöhung? Bitte was? Wir nehmen euch doch nix weg! Wir versuchen nur einen Platz in all dem zu finden, der euch von Anfang an zustand, den ihr euch nicht erkämpfen müsst, der bei euch nicht von Anfang an in den hinteren Reihen, sondern ganz vorne steht.

Diskussion: Ja. Erklären, was es eigentlich damit auf sich hat: Ja.

Aber das war nicht Ziel der ganzen Sache. Ziel war eine Auszeit von der Atmosphäre, den komischen Blicken und dem generellen Gefühl, immer nur anders zu sein.

Diskussion würde bedeuten, mich weiter in diese Atmospäre zu begeben. Wissentlich. Um ein Vielfaches gesteigert.

Was ganz einfach klingt, ist ein Kraft- und Balanceakt in mehreren Ebenen.


Was ich glaube, ist einfach Folgendes: Viel meiner männlichen Kollegen bekommen unterschwellig Angst davor, wenn sie sehen, dass weibliche Kolleginnen Chancen bekommen, weil gleich davon ausgegangen wird, dass diese einem selbst weggenommen werden. Es geht aber um Chancengleichheit. Um die Freiheit, genau dieselben Chancen ergreifen zu können, die männlichen Kollegen zufliegen.

Niemandem wird etwas weggenommen. Und selbst wenn: Es wäre nicht schlimm, wenn sich alle gleich anstrengen müssten, um gewisse Chancen zu erhalten.


Die Angst davor, dass sich etwas an dem gewohnten Machtverhältnis, ob nun wissentlich oder nur gespürt, ändert, erfüllt und schürt diese Diskussionen, die selten wirklich davon handeln, dass es sexistisch ist, sondern eher, dass man sich ungerecht behandelt fühlt. Da hilft aber auch kein „Du weißt doch, dass ich nicht sexistisch bin!“ mehr, denn genau mit diesen Aussagen zeigst du, dass du über das Ungleichgewicht der Machtverteilung zwischen den Geschlechtern unfassbar wenig verstanden hast.


Und genau deshalb – und noch aus 100 weiteren Gründen – ist ein Ladies Lunch nicht sexistisch, sondern eine fast schon notwendige Maßnahme, um sich in einer männlich dominierten Atmosphäre zu verständigen, zu besprechen und Netzwerke aufzubauen.


Was ist eure Meinung zu diesem Thema? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder denkt ihr, dass diese Diskussion völlig irrelevant ist?


(Kurze Sidenote: Denkt nicht, ich sehe die Welt nur Schwarz-Weiß. Ich weiß natürlich, dass die Welt viel bunter ist als nur „Mann“ und „Frau“ und dass es noch ganz andere Biases gibt, die ebenfalls behandelt und erkannt werden müssen. Außerdem bereitet mir die Aufteilung in „Mann“ und „Frau“ in diesem Artikel selbst Bauchschmerzen, aber besser kann ich es leider nicht beschreiben. Fallen euch Stellen ein, die ich besser ändern oder anders formulieren sollte, damit alle inkludiert sind? Ich bin für jede Rückmeldung dankbar!)

5 Gedanken zu „Warum ein Ladies Lunch nicht sexistisch ist

  1. Richtig guter und wichtiger Beitrag!
    Ich komme ja auch aus der Ecke, habe meine Ausbildung zur Informationstechnischen Assistentin damals schulisch gemacht und wir waren vier Mädchen in der gesamten Stufe. Ich habe damals (alles schon gut 8 Jahre her) zum Glück keinerlei schlechte Erfahrung gemacht, aber mich trotzdem immer im Nachteil gesehen, allein schon, wenn in den Unterrichtsstunden bevorzugt die männlichen Schüler gefragt wurden, Gruppenarbeiten grundsätzlich immer damit endeten, dass die Lehrer eben uns vier Mädels zusammen gepackt haben. Das mögen Kleinigkeiten sein, aber hat eben manchmal auch eine riesen Lücke zwischen uns und ihnen gebracht, die den meisten wohl auch nicht mal sichtbar war.

    Ich finde es gut, dass es diesen Ladies Lunch gibt. Dass es eine Möglichkeit gibt, sich auszutauschen und zu unterstützen. Wäre ich in dem Zweig weitergegangen, hätte ich mich darüber gefreut.

    Witzig, wie sich Männer gleich benachteiligt fühlen, weil sie gewisse Dinge nicht dürfen. Weil sie keinen Einfluss auf diesen Lunch haben und so nicht wissen können, was da vor sich geht.. aber ja, vermutlich könnten wir die Welt erobern.

  2. Ich hab mal einige Semester Praktische Informatik als einzige Frau studiert. Ich fand es super! Ich gehörte dazu, wurde wirklich von Mitstudenten und Dozenten gleich behandelt und hatte viel Spaß. Letzten Endes hab ich mich vorzeitig für ein Jobangebot entschieden, aber ich hab mich dort sehr wohl gefühlt. Listig waren nur die „anonymen“ Fragebogen, die das Semster abgefragt haben und „m“ oder „w“ 😁 Ich hab jetzt noch Kontakt zu ein paar der Jungs. Einen Frauenlunch hätte ich weder gebraucht noch gewollt, verstehe aber schon das „Fremdgefühl“. Man muss soxh zumindest anfangs erst einmal beweisen, bevor man ins Rudel aufgenommen wird 😉

  3. Genau die gleichen verdammten Diskussionen führen wir immer wieder, wenn es ums Nornennetz geht. Dass ungerecht es ungerecht und sexistisch sei, Frauen zu fördern und Männer auszuschließen.
    Als ob Männer nicht ohnehin den Buchmarkt dominieren. Als ob nicht Männer 80% der allgemein ausgeschriebenen Preise abräumen, die höheren Vorschüsse und Werbeetats bekommen. Als ob die Sicht eines Mannes auf die Welt nicht ohnehin als relevanter gilt als die einer Frau.
    Natürlich muss die Diskussion, warum das so ist, auch mit Männern geführt werden. Aber bevor frau sich darauf einlässt, ist es wichtig, Verbündete zu finden – oder wenigstens Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Mal nicht der Exot, die Minderheit, das Opfer oder jemand zu sein, der gehegt, beeindruckt und beschützt (und bevormundet) werden muss, sondern Gespräche auf Augenhöhe zu führen.

    Lasst euch nicht irre machen. Der Ladies Lunch ist eine gute Einrichtung. Frauen brauchen genauso Netzwerke, wie Männer sie untereinander seit Jahrhunderten pflegen.
    Jeder Mann, der behauptet, das sei sexistisch, hat vermutlich nur Angst, dass in solchen Netzwerken genauso über Männer gesprochen wird, wie Männer untereinander (manchmal) über Frauen reden. Diesen Männern ist in Wahrheit nichts an Gleichberechtigung gelegen. Ihnen geht es ausschließlich um die Bewahrung des Status quo, d. h. des eigenen Einflusses.

    (Und ja, es gibt andere Biases. Aber auch das ist kein Argument gegen einen Ladies Lunch. Niemand kann die ganze Welt auf einmal retten. Irgendwo muss man anfangen. Außerdem schließt ein Ladies Lunch auch nicht aus, an anderer Stelle die Agenda anderer zu unterstützen.)

  4. Hey Anna,

    ich finde die Idee mit dem Ladies Lunch ziemlich gut. Wieso sollten sich die wenigen Frauen in deinem Studiengang nicht treffen dürfen, um “diedir Lage zu besprechen“?
    Sexistisch finde ich das auf keinen Fall. Natürlich kann man sich mit Männern auch gut unterhalten, aber die Atmosphäre ist ja eine ganz andere, wenn nur ein paar Frauen in einem vollen Hörsaal sitzen. Da dann ein Treffen zu haben, bei dem man sich einfach mal über alles austauschen kann, finde ich überhaupt nicht verwerflich.

    Liebe Grüße
    Regina

  5. Liebe Anna,
    danke für deinen Beitrag. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig die Situation für Studentinnen wie dich ist, auch wenn ich selbst gerade mein Bachelorstudium im Ingenieurbereich abgeschlossen hab, aber in einem recht speziellen Bereich (Bücher/Medien, ha), bei dem die Quoten ausnahmsweise andersherum ausfallen, was für ein Privileg. 😀
    Dennoch würde ich auch solche Möglichkeiten wie den LadiesLunch nutzen und unterstützen (kommt allerdings auf die Umsetzung an, DIE kann nämlich wirklich sexistisch sein, wenn beispielsweise Sektchen, Shoppen und Schminktipps vorkommen, aber davon geh ich mal nicht aus :D).
    Ich finde es merkwürdig, wenn manche Männer keinen Bezug zu Feminismus, Gleichberechtigung und Co. haben oder dies sogar ablehnen, aber in solchen Momenten die Sexismus-Keule schwenken. Was für ne Doppelmoral.
    Letztendlich scheinen momentan viele „waschechte“ Männer um ihre Position in der Gesellschaft und ihrem sozialen Umfeld zu bangen, siehe zuletzt die Artikel in der „Zeit“ zu dem Thema. Tja, man(n) wird halt bequem in der Rolle des Priviligierten und gibt dann wohl nicht gern ab. 😉

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