Klischees in Jugendliteratur – oder warum ich langsam verzweifle.

Versteht mich jetzt nicht falsch.

Ich liebe Jugendbücher. Ich liebe Jugendliteratur. Ich liebe die kreativen Geschichten, die entstehen und für Jugendliche tausende Welten öffnen.

Vor allem aber liebe ich Fantasy. Und zwar Jugendfantasy. Die jugendlichen Protagonistin sind mir einfach viel näher als Männer und Frauen in historischen Romanen oder “klassischer” Literatur, egal ob alt oder jung.

Was ich an Fantasy und besonders Jugendfantasy liebe, ist schnell zusammengefasst:

  • Darstellung von kreativen Ideen und Vorstellungen
  • jugendliche Protagonisten
  • Erweiterung der realen Welt um bestimmte Aspekte

Kurz gesagt ist es das Gefühl, tausende Welten bereist zu haben und in jeder von ihnen zu Hause zu sein.

Aber ich werde diesem Gefühl langsam und immer mehr beraubt. Dem Gefühl, mich in meine Bücher flüchten zu können, wenn ich möchte.

Denn ich fühle mich verdammt noch mal nicht mehr wohl. Nicht in allen Bücher, nein nein, dann würde ich ja nicht mehr lesen, was hätte ich denn dann davon?

Aber das “Nicht-Mehr-Wohlfühlen” kommt in immer mehr Büchern vor und das finde ich wirklich nicht mehr in Ordnung. Vielleicht habe ich gar nicht die Berechtigung, alles zu kritisieren, denn ich bin noch nicht so lange dabei, wie manch anderer, aber ich habe da so ein Gefühl und das muss raus.

Klischees in Jugendliteratur_Oder warum ich langsam verzweifle

Ich habe mehrere Kritikpunkte, die sich natürlich in den meisten Fällen ein wenig überschneiden, aber das lässt sich wohl nicht vermeiden.

Klischees_Der Held

Man nehme eine Prise Sarkasmus, eine schwarze Bikerjacke und ein dazu passendes Motorrad oder ein Auto, alle stehen zumindest auf ihn oder haben Angst vor ihm. Er nimmt die Protagonistin überhaupt nicht ernst und bringt sie die ganze Zeit zur Weißglut. Natürlich ist er unerreichbar für sie und ignoriert sie fortgehend. Außerdem hat er natürlich verwuschelte Haare. Seine Haarfarbe ist dabei völlig egal, aber am liebsten extrem: Schwarz oder Blond.

Seine Augen variieren von Blau zu Schokoladen- oder Haselnussbraun, beinahe Schwarz oder stechend Grün. In Extremfällen gerne auch mal Gold oder Silber.

Er ist natürlich der Beschützer unserer Heldin und kommt immer zur Hilfe geeilt, wenn er gerade gebraucht wird, auch wenn er sie sonst total links liegen lässt. Aber da ist so ETWAS in seinen Augen, dass ihn wahnsinnig tiefgründig und interessant macht.

Dazu hat er immer noch entweder eine schlimme Kindheit oder ein wahnsinnig großes Geheimnis, dass er ihr nicht anvertrauen darf, es aber trotzdem tut. Das nenne ich verantwortungsvoll.

Das Phänomen Christian Grey und Edward Cullen nur auf Tausende und Abertausende von Protagonisten bezogen! Es macht einfach keinen Spaß immer wieder den vermeintlich selben Typen in Büchern zu begegnen, die sich auch exakt gleich verhalten.

Eine kleine Empfehlung dazu auf Twitter: @broodingYAhero

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Denn da wird es einfach nur so auf den Punkt gemacht, wie gleich und lächerlich sich die Jungs in den Büchern benehmen.

Meine Kritik:

LEUTE! Jungs und Männer können auch mal nicht total gut aussehen und durchtrainiert sein und mindestens ein kleines Sixpack haben! Sie haben nicht immer Wangenknochen so scharf wie ein Messer und perfekte Frisuren und vor allem keine unfassbar langen Wimpern, die jeden in Ohnmacht fallen lassen! Jungs sind genauso Menschen, wie Mädchen auch und sie sind in keinster Weise alle gleich machohaft und bescheuert! Sie führen sich nicht alle auf wie der Dämon von nebenan und nicht jeder hat ein dunkles Geheimnis, das auf einmal alles, was er der Protagonistin antut, rechtfertigt! Generell ist ein solches Verhalten in Ordnung, wenn man sich wirklich nicht abkann, oder wenn man voneinander weiß, dass es nur Spaß ist. Aber sich in jemanden zu verlieben, der einen nur runtermacht, was sendet denn das für Signale! Ich selbst kann an mir beobachten, dass es auf mich abfärbt und ich immer nach Geheimnissen bei Jungen suche, die schlicht und ergreifend nur eins sind: ARSCHLÖCHER! Und wenn es nun normal ist, dass diese besonders anziehend sind, weil sie sich null für dich interessieren, dann bin ich raus aus der Nummer!

Klischees_Die Heldin

Hier gibt es komischerweise zwar mehr Variablen, aber eins haben diese Heldinnen doch irgendwie immer gleich: Sobald der Typ um die Ecke kommt, dem sie unweigerlich verfallen werden, werden sie dumme Puten, die jeden nerven und fallen lassen, der Ihnen von dem Typen abraten möchte.

Sie können wunderschön oder hässlich sein, viele Freunde haben oder gar keine, sarkastisch oder total zurückgezogen, selbstbewusst oder introvertiert, und und und. Es gibt tausende Unterschiede.

Aber sie muss immer eines sein: Anders als alle anderen! Das ist wichtig und nicht zu vernachlässigen! Klar, die Leser mögen es, von jemandem zu lesen, der anders ist und einen Helden verkörpern könnte, aber muss das denn wirklich an körperlichen Merkmalen festgemacht werden, wie wunderschönen Haaren oder Augen, einer tollen Kette oder einem Ring (am besten ein altes Erbstück -> PLOTHOLE SOLVED!).

Das kann doch an wunderschönen Gedanken oder Aktionen festgemacht werden.

Allerdings habe ich immer mehr das Gefühl, dass Gedankengänge sich immer mehr ähneln, anstatt sich zu unterscheiden und damit ein tolles Leseerlebnis und vor allem immer ein unterschiedliches Leseerlebnis zu gewähren.

Und ich habe wirklich das Gefühl, dass sich die Gedankengänge der Heldinnen so sehr ähneln, dass es nicht auffallen würde, wenn man sie für 50 bis 100 Seiten einfach mal austauschen würde.

Oder würde es euch auffallen, wenn es eine andere Protagonistin wäre, die genau so angesprochen werden würde, wie die echte Figur und ihr sie nur an den Gedanken und Aktionen erkennen müsstest. Wer könnte genau dies tun?

Ich möchte verdammt noch mal reale und verständliche Protagonistinnen haben, die handeln, wie normale Menschen. Ich möchte kristallklare und individuelle Gedankengänge und Lebensgeschichten haben, die nicht an einem 08/15-Muster abgearbeitet wurden. Ich will Mädchen und junge Frauen, die mir als Vorbild und Freundin dienen könnte und nicht sich selbst und ihre Liebe als das Heiligste im Universum betrachtet. Die human ist und sich selbst nicht als Mittelpunkt und Heldin von allem sieht, gleichzeitig aber natürlich total schüchtern und bescheiden ist und nicht weiß, wie gut sie aussieht.

Klischees_Die Liebesgeschichte

Es ist so viel Kitsch!

Das finde ich ja noch nicht mal schlimm, wenn es toll gemacht wäre und wenn man sich mit den Charakteren mit verkitschen und verlieben kann. ABER!

Aber aber aber ich kann es langsam nicht mehr sehen. Wenn euch folgende Floskeln bekannt vorkommen, dann schreit mal bitte ganz laut: HIER!

“Unsere Knie berührten sich zufällig. Normalerweise würde mich das stören, aber ich zog mein Bein nicht weg.”

“So ein Arsch! Ich mag ihn überhaupt nicht! Ich weiß gar nicht, was alle so toll an ihm finden!”

“Oh man, ich habe genau das nicht gewollt! Jetzt muss ich mit diesem total unfreundlichen Jungen, den ich nicht leiden kann, zusammen ein Schulprojekt machen. Wie schlimm! Selbstmitleid!”

“Seine Augen sind wie ein Wirbel aus verschiedenen Emotionen. Wut, Verletzlichkeit und Traurigkeit wechseln sich wahnsinnig schnell untereinander ab. Und ich meine in diesen dunklen Seen auch den Funken einer anderen Emotion zu sehen. Aber welche könnte das sein?”

“Er schaut mich mit diesem durchdringenden Blick über den gesamten Flur hinaus an. Und ich kann nicht anders, als diesen Blick zu erwidern und in seinen Augen zu versinken.”

“Ich kann direkt in seine Seele hineinschauen.”

Und und und und…ich finde es wirklich schrecklich mittlerweile…und vor allem ist jede Liebesgeschichte gleich aufgebaut und geht entweder viel zu schnell oder kommt so spät, dass man nie darauf gekommen wäre, dass da überhaupt noch was kommt.

*seufz* Ich will und brauche wirklich schnellstmöglich tolle und repräsentative Liebesgeschichten, mit denen man sich identifizieren kann. ICH BRAUCHE RICHTIGE LIEBE! Und nicht dieses Rumgeschnulze und das Festlegen auf die ewige Liebe zu dieser Person, die man gerade mal 2 Wochen kennt.

Klischees_Die Geschlechterklischees

Ein eher ungewöhnliches Thema, das ich aber trotzdem ansprechen möchte. Ich mag die Geschlechterklischees in Jugendbüchern ÜBERHAUPT nicht!

Ich will nicht sagen, dass es keine Geschlechterklischees im wahren Leben geht, denn auch dort geht viel nach 08/15-Muster ab, allerdings ist es doch in Jugendbüchern stark übertrieben.

Der Mann ist IMMER größer als die Heldin (mein Gott, das geht auch andersrum! Ich weiß, das will keiner lesen, allerdings GIBT ES SOWAS UND ES IST AUCH GENAUSO TOLL!), ist immer total stark und kann die Heldin IMMER retten, er ist sarkastisch und natürlich der totale Weiberheld, beziehungsweise die Inkarnation des Männlichen und Maskulinen ÜBERHAUPT!

Während die Heldin natürlich klein und unschuldig ist, immer einen künstlerischen Hintergrund hat, verträumt durch die Gegend guckt, lange und tooootaaaaaal schöne Haare hat, sich aber natürlich nicht schminkt. Sie muss immer gerettet werden und reitet sich in die unmöglichsten Situationen rein. Ach ja, Zicken und Eifersüchtelein kann man bei der auch natürlich nicht missen…auch wenn sie das nie zugeben würde.

 

Klischees_Die Geschichte

Ganz ehrlich: Wie bekannt kommt euch dieser Geschichtsverlauf vor?

Ein “ganz normales” Mädchen trifft einen total heißen Typen.

Dieser Typ hat entweder (Contemporary) eine total schlimme Vergangenheit und darf deswegen mit der Heldin umgehen, wie er will, weil…er hatte es ja total schwer…ODER (Fantasy) er ist ein Wesen aus einer Welt, die entweder neben unserer existiert oder parallel in unserer Welt versteckt wurde.

Sie lernen sich kennen und es wird klar, dass ALLES, was je an ihr anders oder komisch war, ein Zeichen auf ihre Herkunft war, denn sie ist hundertprozentig mindestens ein Halbkind eines wichtigen Wesens aus dieser Welt oder gleich die verschollene Prinzessin dieser Wesen, die natürlich die gesamte Welt im Alleingang retten muss, ohne diese Welt je gekannt zu haben.

Dabei lernen die beiden sich kennen und verlieben sich ineinander, parallel kommt aber noch ein anderer Typ dazu, mindestens genauso heiß und von gleichem Stand, der auch Gefüüüüühle in ihr weckt, sodass sie sich nicht zwischen den beiden entscheiden kann, während sie gleichzeitig die Welt rettet.

(Außerdem hat sie ja auch noch Freunde und Verwandte, die ihr bei jeder Gelegenheit den Arsch retten, aber davon kriegt sie ja in ihrer Besonderheit und Wichtigkeit nichts mit.)

Damit habe ich jetzt etwa 90% aller Jugendbücher am Markt beschrieben (außer Dystopien, aber die lassen sich ganz einfach beschreiben, weil sie statt einer Auserwählten der Wesen XY einfach das Mädel ist, was das Regime XY stürzt).

So eine platte Geschichte kann doch nicht der Sinn sein, oder?

Ich meine, klar es gibt die 12 Punkte einer jeden Geschichte, die abgehandelt werden sollten, weil dies der optimale Spannungsbogen ist, aber die kann man doch anders gestalten, als immer wieder dasselbe Muster zu wiederholen…es geht doch so viel besser!

Klischees_Der Fokus

Liebe. Punkt.

Der Fokus der Jugendbücher liegt nicht auf den Regimen, die gestürzt werden müssen oder den Welten, die vor dem Absturz gerettet werden müssen, sonder IMMER auf der verdammten Liebesgeschichte.

Nicht, dass Liebe nicht ein tolles und wundertolles Thema wäre, aber man braucht doch gar kein zu stürzendes System oder eine zu rettende Welt um eine Liebesgeschichte zu schreiben.

Wenn ihr eine Liebesgeschichte schreiben wollt, dann schreibt einen VERDAMMTEN LIEBESROMAN! Dann braucht ihr keine Unterdrückungssysteme und Fantasywelten.

ENTSCHEIDET EUCH!

Und legt den Fokus bitte bitte bitte wirklich auf etwas Anderes: Charakterentwicklung, Entwicklung der Fantasywelten, Kämpfe, Dialoge, Freundschaften. Es gibt so viele tolle Themen!

Liebe gibt es zu häufig. Langsam gibt es zu viel davon. SUCHT EUCH ANDERE THEMEN! IHR WERDET AUCH GENAU SO GUT VERKAUFT WERDEN!

SCHREIBT GUTE BÜCHER!

ABER LASST DIESE VERDAMMTEN BUCHKLISCHEES WEG!


Was haltet ihr davon?

Stimmt ihr mit mir überein?

Was habt ihr am Jugendbuchmarkt zu kritisieren oder zu loben?

Haltet ihr meine Kritik für angemessen oder komplett vermessen?

 

Viele liebe Grüße,

Anna

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