„Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“ | Rezension

Ein Erlebnis- und Lebensbericht von eines Transmannes. Von der Ankündigung für einige Bekannte, eine Transition anstreben zu wollen, bis hin zu einem schönen akzeptierten Tag in Berlin findet in diesem Buch alles statt. Kann dieses Buch einen kleinen Einblick in den Alltag eines Transmenschen vermitteln und vielleicht noch ein wenig Verständnis für den Struggle von Transmenschen schaffen? Meine Meinung:


Bibliographische Daten

  • Autor: Jayrôme C. Robinet
  • Genre: Autobiographischer Roman, LGBTQ
  • Verlag: Hanser Berlin
  • Übersetzerin: – 
  • Seitenzahl: 211 S.
  • ISBN: 978-3-446-26207-2

Kurzbeschreibung

Was macht eine Frau zu einer Frau, einen Mann zu einem Mann? Nach einer Geschlechtsangleichung hat Jayrôme C. Robinet den direkten Vergleich. Mit Witz und Leichtigkeit erzählt er seine persönliche Geschichte und zeigt, wie sehr unser Verhalten von Vorurteilen geprägt ist – aufrüttelnd, ehrlich, hochpolitisch.


Vielen Dank an den Hanser Berlin-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

POSITIV

  • Eine wunderbare Erzählung über die Erlebnisse eines Transmannes
  •  Robinet ist ein Transmann, der in Berlin lebt und in diesem Buch seine Erlebnisse während der Transition erzählt, die in dieser Erzählzeit nicht völlig abgeschlossen wird. Er beschreibt sein Dating-Leben, wie er von seinen Freunden wahrgenommen wird, was seine Safe Spaces sind und wie das Leben eines Transmannes ist. Ich habe mich sehr in ihn hinein versetzen können, seine Erlebnisse, in denen er von der Welt als Mann und als Frau behandelt wurde, geben ihm einen guten Einblick in soziale Verhältnisse und den Alltagssexismus, der uns immer wieder begegnet. Ich wollte dieses Buch lesen, um mehr über die Erfahrung eines Transmannes in unserer Gesellschaft zu erfahren und das habe ich auch bekommen!

  • Berlin von einer schönen und einer seltsamen Seite
  • Diese Geschichte spielt – abgesehen von einer Beerdigung – in Berlin. Die deutsche Hauptstadt tritt hier gleichzeitig als Dreh- und Angelpunkt des Lebens auf und ist – relativ zu anderen Gegenden – sehr tolerant. Aber selbst in dieser Atmosphäre ergeht es einem Transmenschen nicht immer gut, er fühlt sich seltenst komplett frei und akzeptiert, selbst, wenn er nur unter Freunden oder allein ist. Dabei zeigt sich Berlin von der Pride-Seite, bei der Queerness gefeiert wird, allerdings auch von der vorurteilsbehafteten Seite, bei der jede Möglichkeit zum Kritisieren genutzt wird.



    • Die Inkludierung der Familiengeschichte und der Konfrontation mit eben dieser

    Auch erfahren wir in diesem Buch, wie die Familie von Robinet damit konfrontiert wird, dass er trans ist und sich als Mann präsentiert, was er längere Zeit von ihnen fern gehalten hat. Es gibt mehrere Reaktionen in seiner doch großen italienisch-französischen Familie und alle davon zeigen uns eine Facette, wie Transmenschen in der Gesellschaft wahrgenommen werden können und wie Menschen darauf reagieren, die damit eigentlich keine Berührungspunkte haben.

  • Viele Dinge, die mir nicht bewusst waren und die ich lernen konnte
  • Wie oben gesagt: I came to learn. Und obwohl ich dank des Titels etwas skeptisch war, konnte ich viel aus diesem Buch mitnehmen. Ich verstehe es natürlich nicht, wie die Erfahrung eines Transmenschen genau aussieht, aber ich kann mir zumindest ein besseres Bild bilden und mehr Mitgefühl aufbringen. Ich mag es, wie dieses Buch in kleinen Schritten, mit einer „normalen“ Ausdrucksweise und einer vorsichtig ansetzenden Erklärung immer und immer wieder Denkmuster durchbricht und wahrscheinlich selbst von Leuten gelesen werden könnte, die sich sonst nicht so viel mit diesen Themen beschäftigen.

    NEGATIV

    • Zu große Fixierung auf die eigene Person

    Ich verstehe natürlich, dass Robinet die Person ist, um die es sich hier dreht. Er schildert seine Erkenntnisse und Erlebnisse. An manchen Stellen fühlte ich mich dennoch so, als würde ich einfach zu sehr in seinem Gehirn festgefahren sein und die äußere Welt gar nicht erleben, sondern dass, was er von ihr wahrnimmt. Klingt komisch, ist aber ein sehr bedeutender Unterschied für mich. Das fand ich irgendwie schade, denn gerade Robinet kann sich ja sehr gut in andere Situationen hineinversetzen und beschreiben, wie andere auf ihn reagieren und wie schon mal auf ihn reagiert wurde.

    • Der Erzählstrang hat mich nicht komplett überzeugt

    Natürlich ist dies hier kein klassischer Roman, sondern eher eine Nacherzählung dessen, was in dem Leben des Autors so passiert. Allerdings wurde die „Geschichte“ manchmal einfach nur flach und hat sich ins Nichts aufgelöst, genau so, wie es mir manchmal viel zu viele Dinge und Reaktionen auf einmal waren, sodass man sich gar nicht richtig mit denen beschäftigen konnte. Es hat mich einfach nicht überzeugt und wäre mit anderem Time Managment sehr viel besser gewesen.

    • Manche Dinge haben sich zwar aufgelöst, fühlten sich aber nicht so an

    Manche Freunde oder Bekannte von Robinet haben zu Anfang des Buches eine Art Schockreaktion oder reagieren einfach gar nicht. Genauso hat Robinet manchmal Dates oder kleinere Dinge, die sich im Verlauf des Buches klären. Aber es fühlt sich immer so an, als wäre es halt eine Randnotiz, kein großes Ding und es fühlt sich nicht an, als wären diese Streitpunkte weniger valide geworden oder als hätten diese Menschen wirklich lange überlegt. Mir fehlten Veränderungen oder gut erklärte und diskutierte Dinge, anstatt einfach zu sagen: Wir haben gelächelt und alles war gut.

    • Ich konnte trotz der Fixierung auf das Selbst keine richtige Verbindung herstellen

    Klar, der Autor fixiert sich sehr auf sich selbst, aber auf der anderen Seite konnte ich doch nicht wirklich ausmachen, was für einen Menschen ich denn hier vor mir habe und wie ich ihn sehen und bewerten soll. Es war, als würden diese Dinge einem Fremden passieren, obwohl Robinet ja doch seine innersten Gefühle nach außen kehrt. Mich hat es wohl emotional nicht gepackt und damit kam auch eine gewisse Distanz zu einem Menschen, der eigentlich meine vollste Sympathie hat.


    Fazit

    Der Weg von Robinet ist absolut faszinierend, erschreckend und voller Denkanstöße, voller neuer Dinge und immer wieder kleinen wunderschönen Momenten. Robinet schreibt sehr nah an der eigenen Person orientiert, von Liebesabenteuern, der Konfrontation mit der eigenen Familie, dem eigenen Körper und der eigenen Herkunft. Die ständige gesellschaftliche Beobachtung und gesellschaftliche Beurteilung und Furcht steht im ständigen Mittelpunkt. Man sieht, wie verschiedene Reaktionen auch von Bekannten aussehen können. Eine Empfehlung, die allerdings durch die wiederholende Struktur und die absolute Fixierung auf das eigene Empfinden und die doch wenigen externen Sichtpunkte ein wenig abgedämpft wird. 

    Tintenkleckse_3.5

    3,5 von 5 Tintenklecksen!

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