„I’m Every Woman“ von Liv Strömquist | Rezension

Ich lese in letzter Zeit immer mehr Comics und dabei sind auch immer mehr feministische und politische Titel! Dieser Comic kommt dabei natürlich gerade richtig, denn Liv Strömquist ist nicht nur für ihre feministische und humorvolle Seite bekannt, sondern auch für ihre leichte Darstellung ernster Themen. Also wie hat mir dieses Retelling von Frauen, die zur historischen Fußnote wurden, gefallen? 


Bibliographische Daten

  • Autorin: Liv Strömquist
  • Genre: Comic, Feminismus, Historie
  • Verlag: Avant-Verlag
  • Übersetzerin: Katharina Erben
  • Seitenzahl: 108 S.
  • ISBN: 978-3-96445-001-2

Kurzbeschreibung

In „I’m every woman“ setzt sich Liv Strömquist mit dem Mythos von männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive umschreibt. Die Leser*innen begegnen darin diversen Frauen, die sich im Schatten ihrer allseits gelobten und bewunderten Männer bewegen mussten. Strömquist nimmt die Figuren von Jenny Marx, Priscilla Presley und Yoko Ono, die trotz ihrer Beiträge zu den Erfolgen ihrer Ehemänner zu Fußnoten in den Geschichtsbüchern reduziert wurden, und unterzieht sie einer wohlverdienten Rehabilitation.


Vielen Dank an den avant-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

POSITIV

  • Die Themen, mit denen sich dieser Comic befasst

Ganz allgemein: Ich liebe es, wenn Comics nicht nur ein Thema haben, sondern am besten gleich mehrere. Ich liebe es, wenn Comics politisch, feministisch und weltoffen sind, ohne dabei ihren Humor und die Art, mit spielerischer Eleganz Dinge aufzuklären, zu verlieren. So ist das auch bei diesem Comic! Er befasst sich mit Gleichstellung, mit Familienpolitik, Kindern, wie Frauen in der Gesellschaft behandelt werden und wurden und erzählt diese schockenden und herausfordernden Geschichten mit Humor und immer einer Prise Sarkasmus. Immer wieder werden auch Beziehungen, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen und die Wahrnehmung von Frauen und beispielsweise auch Homosexualität in der Gesellschaft thematisiert. Es ist eine bunte Mischung, die nicht verwirrend ist und sich auf jeder Seite lohnt!

  • Die Inklusion von absolut schlimmen berühmten Ehemännern

Ich dachte, in diesem Comic geht es darum, die menschliche Geschichte aus der Sicht von Frauen zu erzählen. Und ja, darum geht es. Aber mehr in der Art, dass die Männer, die von der Geschichte als „Genies“ betitelt wurden, ihre Frauen meist absolut schlecht behandelt haben und sie und ihr Leiden zu historischen Fußnoten reduzieren. So startet der Comic beispielsweise mit dem Ranking der 10 schlechtesten Lover der Geschichte. Dabei geht es nicht um die „wirklich“ am schlimmsten gewesenen Lover, sondern mehr um die, die sich ins Gedächtnis der Bevölkerung eingebrannt haben, dafür, dass sie Genies auf ihrem jeweiligen Gebiet waren. Das fand im weiteren Verlauf des Comics auch noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit! Das fand ich sehr gut, da es den Lesern das Gefühl vermittelt, dass diese „verehrten“ Menschen nicht nur gut waren, sondern sich im Besonderen nicht gut um ihre Frauen kümmerten.

  • Skurrile Trennseiten

Ein paar der Trennseiten in diesem Comic sind wirklich toll gemacht, sie haben immer wieder ändernde Themes, ziehen sich teilweise nicht nur über eine Doppelseite, sondern gleich über zwei und fassen in einer abstrakten Art das nächste oder das vorherige Thema des Comics zusammen. Ich fand sie definitiv schön, wunderbar zum Anschauen und außerdem gut für eine kleine Auflockerung. 

  • Strömquist schreckt nicht vor schwierigen Themen zurück

Es gibt sehr viele Themen in diesem Comic, obwohl der Comic wirklich nur knappt über 100 Seiten umfasst. Strömquist befasst sich mit Kindern, Familienpolitik, Arbeitsrechten von Frauen, der Geschichte von Frauen in der Musik, der Wissenschaft und der Kunst, kommt immer wieder mit humorvollen Einlagen um die Ecke und zeigt sehr pointiert und sehr gut ein paar unglaublich gute Dinge aus der aktuellen Diskussion auf, die übersehen werden können. Zum Beispiel, dass wir uns auf die Erklärung verlassen, dass Homosexualität „natürlich“ sei, weil sie auch bei anderen Tieren vorkommt. Das sollte kein Argument sein, Homosexualität ist und bleibt menschlich, da ist es egal, ob sie auch tierisch ist. Auch Argumente der Gleichstellung greift sie auch und kann auch diese humorvoll in ihre Schranken weisen und zeigen, was absolut komisch daran ist. Das hat mir unglaublich gut gefallen!

  • PHILOSOPHIE! AUS WEIBLICHER PERSPEKTIVE!

Ich war absolut geflasht, als gegen Ende des Buches nicht nur von Feminismus und vergessenen Frauen geredet wurde, sondern auch noch von PHILOSOPHIE! Und da ich auch ein absoluter Philosophie-Nerd bin und definitiv noch nie eine Stimme gehört habe, die sich mit dem Struggle der Frau in Beziehungen befasst. Bestimmt gibt es sie, aber gehört habe ich von ihnen noch nie. BIS JETZT! Ich war so geflasht, dass wirklich ganze Seiten nur dem Ungleichgewicht von Macht in heteronormativen Beziehungen gefüllt waren und ich mich in meinen Überlegungen und Sorgen zum ersten Mal gehört fühlte! Diese Frau werde ich definitiv weiter verfolgen!

  • (Selfish, aber: Albert Einstein wurde erwähnt!)

Das ist wirklich ein komplett eigener Punkt des Geschmacks. Aber ich finde es absolut genial, dass Albert Einstein und seine erste Frau Mileva Maric vorkamen. Denn ich habe gerade das Buch „Frau Einstein“ über die beiden gelesen und war gleichzeitig sehr geschockt davon, wie Einstein und Maric miteinander umgingen und wie es sich in das entwickelte, was die Welt als „den genialen und zerstreuten Physik-Professor“ wahrnahm, der Marie Curie als einzige Ausnahme dazu nannte, dass Frauen keine Wissenschaft verüben können. Dabei hatte seine eigene Frau sein „Wunderjahr“, in dem viele seiner bahnbrechenden Forschungen veröffentlicht wurden, maßgeblich vorangetrieben und sollte eigentlich als Co-Autorin auf diesen Papieren stehen. Genug gefangirlt, aber dass Einstein zum schlimmsten Lover aller Zeiten gewählt wurde, hat mich dann doch sehr gefreut.

NEGATIV

  • Der Zeichenstil sagt mir nicht komplett zu

Ihr kennt doch bestimmt diesen „IKEA“-Stil von Zeichnungen, oder? (Und ja, mir fällt keine andere gute Beschreibung für diesen Stil an schwedischen Zeichnungen ein!) Dieser Stil ist minimalistisch, spielt viel mit ungeraden Linien und Menschen werden dabei zu Karikaturgestalten. Das ist für eine Weile für mich auch ganz schön, aber teilweise finde ich es dann doch optisch zu wenig und einfach zu nichtsaussagend oder zu gleich. Da dieser Comic eh großteils darauf basiert, dass man sein Köpfchen angeschaltet haben muss, um die Konzepte und Kritiken alle zu verstehen, war es nicht besonders schlimm, aber nur für die Kunst dahinter würde ich diesen Comic nicht erwerben.

  • Für manche Dinge war mir der Comic einfach zu abgedreht

Ich spreche hier nicht  von vielen Dingen, es geht mir hauptsächlich um die „Übergangsseiten“, die manchmal zwischen zwei größere Segmente geschoben wurden. Diese zeigen manchmal einfach nur zwei riesige Frauen, die sich küssen. (OH GOTT, HILFE! HOMOSEXUALITÄT! AAARGH!) Aber manchmal halt auch Frauen mit gespreizten Beinen, die Münder zwischen ihren Beinen haben, die „Bla bla bla“ sagen. Also. Nicht, dass das nicht lustig wäre. Aber ich habe den Punkt nicht richtig gesehen und mich gewundert, was diese Ding denn nun sollen. Also vielleicht habe ich es einfach nicht verstanden, aber ich fand es komisch in diesem Setting.


Fazit

Dieser Comic ist einfach nur eine riesige Bombe! Für alle Nerven! Fürs Lachen, fürs Wundern, fürs Aufregen und einfach nur für heftiges Nicken! Gerade die schnelle und humorvolle Aufarbeitung von Themen, die alle, aber primär Frauen, betreffen, ist wunderbar, endlich mal etwas lockerer und immer auf den Punkt! Dabei ist der Zeichenstil klassisch Strömquist, manchmal sehr schlicht und doch ein wenig abgedreht und ein wenig kindlich. Ich habe diesen Comic einfach nur verschlungen und habe mich immer wieder ertappt und verstanden gefühlt! GENIAL!

Tintenkleckse_5

5 von 5 Tintenklecksen!

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