Nazis auf der FBM, das Paradoxon der Intoleranz und die Reaktionen darauf

Dies ist ein Bericht über die Frankfurter Buchmesse 2017.

Und auch wieder nicht.

Denn eigentlich wollte ich darüber berichten, wie nah dem Paradies diese paar Tage im Jahr mir mal wieder vorkamen.

Allerdings wurde unser Paradies aus Büchern, tollen Menschen und Aufregung gestört. Von Nazis. Von Ausschreitungen gegen Messebesucher, von der generellen Ungläubigkeit über die Vorkommnisse.

 

Ein Kommentar zu den Ausschreitungen, den Reaktionen und warum wir uns geschlossen dagegen stellen müssen.

Doch was genau ist eigentlich passiert?

Ich habe immer noch keinen genauen Überblick darüber und Mareike von Bücherkrähe hat das sowieso viel besser zusammengefasst, als ich es jemals könnte, daher hier ihre Version:

 Am Freitag änderte sich das, als ich bereits erste Berichte hörte, dass Gegendemonstranten teils körperlich angegriffen wurden, der verbale Schlagabtausch also physische Ausmaße annahm. Samstag passierte dann das, was die Bloggerblase auf Twitter zum Brodeln brachte, zumindest meine, und zunächst diejenigen, die zuhause geblieben waren (dazu gleich mehr). Während der Buchpräsentation Mit Linken leben gab es bereits Gegenproteste, als Björn Höcke die Bühne betrat, wurden diese lauter. Schließlich wurden einige dieser Gegendemonstranten von Götz Kubitschek tätlich angegriffen. (Anm: Ich fasse zusammen, was ich aus Berichten auf Twitter ersehen konnte). Von verletzen Demonstranten wurden Personalien von der Polizei aufgenommen und Platzverweise an sie verteilt, die rechten Täter konnten ungehindert gehen. Danach wurde die rechte Lesung von einer Polizeikette abgesperrt, die allerdings nicht die Veranstaltung des Antaios Verlages im Auge behielt, von der aus wohl massive Provokationen ausgingen, „Alle hassen die Antifa“ skandiert und der Hitler Gruß gezeigt wurde, sondern die Gegendemonstranten.

All das fühlte sich für mich mehr als surreal an.

Auch, wenn das für Außenstehende komisch wirken mag, wenn man nicht direkt neben solchen Vorfällen steht, bekommt man davon auf der Buchmesse mit einer riesigen Geräuschkulisse, mehreren Hallen und mehreren tausend Menschen nicht viel mit.

Am Freitag kam es mir noch gut vor, dass die rechten Verlage in Halle 4 heftigen Gegenprotest erhielten – auch in Form von lauter, linker Punkmusik. Diese störte uns zuerst beim Blogger Future Place, als uns aber erklärt wurde, dass es sich um Gegendemonstrationen handelt, waren wir sogar eher dafür, dass die Musik anbleibt.

Was für mich besonders skurril war: Genau zu dem Zeitpunkt, als wir im Eingang von Halle 4 unser privates Buchbloggertreffen organisierten und abhielten, sind diese Dinge passiert. Quasi direkt da, während wir uns, das Lesen, das Bloggen und auch unsere tolle Zeit zelebriert haben.

Diese krassen Gegensätze fielen uns erst später auf, als wir mit dem Zug nach Hause fuhren. Wir hörten laute “Alle hassen Antifa”-Rufe über Twitter, lasen Berichterstattungen und Kommentare, und konnten es einfach nicht fassen.

Quasi nichts anderes war an diesem Abend noch Thema. Was hätte man anders machen sollen und können? Ist die Polizei immer noch auf dem rechten Auge blind? Und was können wir dagegen machen?

Der Sonntag versank in einer generellen Erschöpfung und Benommenheit, die einerseits von den Diskussionen herrührte, andererseits davon, dass die Messe uns allen in den Gliedern steckte. Zum Glück gab es keine weitere Vorfälle, aber das hielt uns trotzdem nicht vom Diskutieren ab.

Den passendsten Kommentar gab wohl Benjamin Spang, Selfpublisher, kurz vor Ende der Messe ab: “Jetzt kann man nirgendwo mehr seine Ruhe vor diesen Idioten haben.”

Und damit hat er die Situation und mein Gefühl perfekt zusammengefasst: Egal, wie Wahlergebnisse aussahen, welcher Mist schon wieder durch die Medien wanderte oder die Hobby-Nazis zu Hause abließen: In meiner Buchbloggerbubble war ich sicher. Ich fühlte mich immer noch so, als wäre nicht jeder Teil unserer Gesellschaft durchdrungen von diesem rechten Rotz, der sich immer weiter vorarbeitet in unser aller Leben.

Ich habe nie die Notwendigkeit gesehen, meinen Blog politisch zu positionieren, einfach aus dem Grund, dass es keinen ausschlaggebenden Punkt dazu gab. Nun ist es so weit.

Damit jetzt ganz und klar und in aller Deutlichkeit: Menschenfeindlichkeit, Homophobie und Rassismus sind keine Meinungen. Diese Auffassungen stehen in jeder Weise im Gegensatz zu unserer Demokratie, zu unserem freien Leben. Diese Meinungen müssen wir nicht tolerieren.

Wir müssen diesen Arschlöchern in keiner Weise anbieten zu diskutieren. Das wollen die nämlich gar nicht. Sie wollen ihre eigene “Meinung” durchsetzen, nichts anderes.

Das Paradoxon der Toleranz von Karl Friedrich Popper muss ich wohl niemandem erklären, aber kurz gesagt ist es die Feststellung, dass unendliche Toleranz schließlich zur Vernichtung der Toleranz führt, da die Intoleranten sie auslöschen werden.

Daher muss man eine Grenze der Toleranz ziehen. Und diese lautet für mich eindeutig: Wenn jemand einen Menschen unter einen anderen stellt, sei es aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität oder Religion, hört die Toleranz auf.


Die Reaktion der Buchmesse und der Blogger

Die Buchmesse veröffentlichte relativ schnell eine Pressemitteilung, in der stand, dass sie Gewalt in jeglicher Form verurteilen, dass es Ausschreitungen zwischen linken und rechten Gruppierungen gab und dass die Buchmesse als Ort der Vielfältigkeit funktioniert.

Dieses Statement hatte schnell etwas von “Auf beiden Seiten ist die Schuld zu suchen”, was ein absolut falsches Signal sendet.

Auch die Buchmesse, als größte Buchmesse der Welt, hat eine politische Wirkung und Relevanz, wenn sie sich dazu entscheidet, ihre Stimme nicht zu nutzen, nutzt sie die Stimme für die Falschen.

Würde sich die Buchmesse ganz direkt gegen solche Verlage und Veranstaltungen aussprechen und einen Fehler zugeben, wäre das ein starkes Signal gewesen, was weit über die übliche Berichterstattung hinaus gehen würde. Die gesamte Buchbranche würde sich gleichzeitig positionieren.

Und das Gegenargument, dass die Rechten ja dann wieder argumentieren, dass alle gegen sie sind, ist absoluter Schwachsinn. Sie sollen ruhig merken, dass die Gegenwind bekommen. Dass sie eben nicht alles machen können, dass sie nicht ungestraft mit solchen Ausschreitungen durchkommen. Ansonsten werden sie die Grenzen nur noch weiter austesten.

Daher mein Appell an die Frankfurter Buchmesse: Wenn ihr euch selbst als Ort der Vielfalt der Meinungen versteht, dann schließt jene aus, die diese Meinungen reduzieren wollen und die Vielfalt bedrohen.

Alleine eurem Mitbegründer Marcel Reich-Ranicki, einem Holocaust-Überlebenden, seid ihr es schuldig, euch im Namen der gesamten Buchbranche, die sic doch durchgehend als humanistisch und progressiv präsentiert sehen will, dafür zu entscheiden, solche Ausschreitungen scharf zu kritisieren und die Verlage nächstes Jahr wenigstens stärker zu prüfen. Jetzt wisst ihr, welche Gefahr für eure Messe bei diesen Verlagen herrscht.


Die Reaktion der Buchblogger

Ich habe mich sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass viele Daheimgebliebene und sogar Leute auf der Messe sich direkt zu den Vorfällen geäußert haben.

Viele haben es scharf kritisiert, es verurteilt und auch das Statement der Buchmesse auseinander gepflückt.

Aber auch hier gab es viele, die sich nicht äußerten. Ich gehöre bis heute dazu. Ich retweetete zwar viele Meinungen, die meine repräsentierten, aber ich habe selbst nichts verfasst. Bis heute.

Und ich weiß, dass viele Blogger sich wieder nicht äußern werden, dass sie schweigen werden, sich nicht positionieren, sondern lieber schweigen, als eine Meinung zu äußern.

Aber dieses Mal geht es uns alle an, Leute. Wenn schon nicht die Frankfurter Buchmesse sich gegen Nazis stellen will, dann müssen wenigstens wir das tun. Nutzt eure Reichweite, sprecht darüber, wie ihr euch auf der Buchmesse gefühlt habt, wie ihr das alles findet. Sucht den Dialog mit anderen, äußert euch. Es ist das Mindeste, was wir tun können.


Allerdings gab es auch einige, die sich beschwerten, dass wir uns nicht direkt äußerten, wir nicht direkt ganze Threads auf Twitter starteten.

An diese Personen und alle anderen gerichtet, gilt: Als Daheimgebliebener kann man schnell vergessen, wie so eine Messe funktioniert und wie die Gehirne derer arbeiten, die gerade dort sind. Man nimmt auf und twittert vielleicht Gespräche oder den ganze Stress, den man hat, aber man kommt nicht dazu, sich damit auseinander zu setzen und eine Meinung zu bilden. Es funktioniert einfach nicht.

Die Messe ist der eine Ort, an dem mal mehr im Real Life diskutiert wird, als auf Twitter. Also warum sollten wir dies nicht nutzen?

Und von zu Hause kann man sich sehr viel schneller differenzierte Gedanken machen, als in einer überfüllten und warmen Messehalle.

Dementsprechend: Wild um sich zu schlagen, nur weil man wütend auf die Situation ist, bringt nichts. Andere dafür verantwortlich zu machen, noch weniger. Vor allem, wenn sie wenig bis gar keine Zeit dazu hatten, sich überhaupt zu äußern.


Meine Gedanken dazu

Meine Meinunng ist ziemlich simpel: Ich will nie wieder mit einem so miesen Nachgeschmack von einer Messe kommen. Dem Gefühl, dass alle meiner Freunde und meine Familie mich danach fragen, was wieder mit diesen Rechten und den Nazis los war, ob ich es mitbekommen habe und ob ich betroffen war. Der Sorge, die damit verbunden ist.

Ich will nach Hause kommen und von dem Glanz in den Augen von Autoren, Bloggern und Lesern berichten, wenn sie über Bücher sprechen, ich will von tolle  Kaffees mit tollen Menschen erzählen, verliehenen Preisen, geführten Interviews, spannenden Vorträgen und absolut erschöpften Stunden am Rand der Messe. Ich will von den tollen neuen Büchern erzählen und nicht von den Vorfällen berichten müssen, weil eben das das ist, was man außerhalb davon mitkriegt. Nazis, die auch unsere Branche mit ihren Aktionen und “Gedanken” kaputt machen.

Dies ist nicht meine Messe. Ich will nie wieder, dass meine Freunde mit dunkler Hautfarbe oder die nicht cis-hetero sind, sich bedroht fühlen müssen, weil sie Bücher kaufen wollen, Bücher signieren lassen wollen und sich über die Großartigkeit von Büchern unterhalten wollen.


Deshalb bleibt für mich nur noch eins zu sagen: Stellt euch dagegen. Boykottiert die Messe nicht, denn diesen Arschlöchern können wir nicht das Feld überlassen.

Äußert euch, steht für unsere Branche und unsere Community ein!

Seid nicht schockstarr, aber auch nicht sauer aufeinander! Nur gemeinsam können wir hier vielleicht etwas erreichen!

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