„Sprich“ von Laurie Halse Anderson | Rezension

Es geht weiter mit meiner Aktion rund um „Schrei!“ aus dem dtv bold Imprint! Dieses Mal geht es aber explizit nicht um dieses Buch, sondern um ein anderes. Nämlich „Sprich“, der quasi Vorgänger von „Schrei!“ und ebenfalls von der gleichen Autorin geschrieben und behandelt als Jugendbuch ein ganz ähnliches Thema wie „Schrei!“

Allerdings muss ich hier die Content Warning von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch setzen, denn mit diesen Themen beschäftigt sich dieses Buch explizit.

Wie hat mir also der 20 Jahre alte Roman „Sprich“ im heutigen Licht gefallen?


Bibliographische Daten

  • Autorin: Laurie Halse Anderson
  • Genre: Jugendbuch
  • Verlag: dtv Reihe Hanser
  • Übersetzerin: Birgitt Kollmann
  • Seitenzahl: 288 S.
  • ISBN: 978-3-423-62710-8

Kurzbeschreibung

Es ist Melindas erstes Highschool-Jahr, darauf hatte sie sich gefreut. Doch jetzt ist alles wie ein böser Traum: Von ihrer Freundin wird sie geschnitten, die neuen Mitschüler reagieren abweisend. Melinda gilt als Zicke, seit sie auf jener Party die Polizei gerufen hat, aber nicht sagen wollte, warum. Sprechen kann und will sie nicht darüber. Es dauert ein Jahr, ein ganzes Schuljahr, bis Melinda ihre Sprache wiederfindet – und mit ihr die Kraft, sich zu wehren.


Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

POSITIV

  • Die soziale Atmosphäre in der Schule ist perfekt dargestellt

Ich bin schon etwas mehr als zwei Jahre aus der Schule raus, aber ich weiß noch ganz genau, wie es mir ging, wenn Leute mich aus irgendeinem Grund doof angeschaut haben, wenn sie mich ignoriert haben oder klar über mich getuschelt haben. Und obwohl meine Stufe nicht so unfassbar schlimm war, wusste ich auch, dass es sich sehr schnell wenden kann, wer in wessen Gunst steht. Melinda erfährt von ihren Mitschüler*innen und ehemaligen Freund*innen gar keine Unterstützung, weil sie angeblich eine coole Party ruiniert hat und nicht sagen will, wieso. Daher wenden sich alle von ihr ab, in einer Zeit, in der sie wahrscheinlich mehr denn je jemanden zum Reden gebraucht hätte. Allerdings verstummt sie dadurch nur noch mehr. Ich fand die Atmosphäre und die absolute Einsamkeit in diesem Buch sehr schön dargestellt.

  • Die sich durchziehende Kunstaufgabe

Melinda bekommt am Anfang des Schuljahres die Aufgabe, einen Baum zu gestalten. In welcher Form oder Kunstart ist dabei egal, es muss nur zum Jahresende fertig sein. Sie probiert sich auch in einer Art Selbsttherapie durch viele verschiedene Formen der Kunst durch und entdeckt dabei immer neue Facetten an sich und an dem Baum selbst. Ihr Kunstlehrer lässt ihr großteils freie Hand, er mischt sich nicht viel ein, sagt ihr nur, was sie verbessern kann. Melinda ist oft frustriert, schafft es am Ende aber doch, ein gutes Projekt abzugeben, was ihren Lehrer stolz macht. Das ist nicht nur so toll, weil es Melinda hilft, sich auf eine Sache zu konzentrieren, sondern auch, weil sie in der Schule ansonsten nicht gut abschneidet und sich auch mit ihren Eltern darüber streitet. Daher ist es einer der letzten Fäden, der Melinda zusammen hält und zieht sich somit durch das ganze Buch. Ein tolles Konzept!

  • Melinda ist ein absolut geniales Mädchen!

Ich liebe die Protagonistin Melinda. Sie ist ein sperriger Charakter, sie ist nicht einfach in ihren Gedanken und macht zusätzlich Dinge, die eigentlich nicht so gut nachzuvollziehen sind. Aber ich konnte sie verstehen. Das zurückziehen, wenn man sich so fühlt, als hätte man niemanden auf dieser Welt und das soziale Abrutschen dadurch begünstigen natürlich einen weiteren Abstieg nur noch mehr. Ich finde es fantastisch wie sehr man mit der leisen, Schule schwänzenden und definitiv deprimierten Melinda mitfühlen kann, wie man sich in sie hineinfühlen kann, obwohl man ihr die ganze Zeit innerlich zuschreit, dass sie sich jemandem anvertrauen sollte.

  • Die emotionale Aufarbeitung der Ereignisse ist fesselnd und spannend!

Dieses Buch umfasst ein Schuljahr an der High School und wie Melinda sich in diesem Schuljahr weiterentwickelt. Es geht nicht nur darum, ihre Vergewaltigung zu überwinden, denn dies ist eh eine Aufgabe, die den meisten Menschen nie gelingt. Melinda geht aber durch verschiedene Phasen in ihrer emotionalen Verarbeitung, die mehr durch die Jahreszeiten und durch sie selbst getragen werden, als durch andere Menschen, denn sie selbst zieht sich völlig in sich zurück und spricht für einen Großteil des Buches fast gar nichts mehr. Ich finde es großartig, wie man miterleben kann, wie ihre Emotionen sich mit der Zeit ändern, man aber auch mit ihr durch jedes noch so schlimme Tal durchgehen muss.

NEGATIV

  • Ich bin einfach nicht die Zielgruppe dieses Buches

Dieses Buch ist mit der Intention geschrieben worden, jüngere Teenager anzusprechen, vielleicht ab 13 oder 14. Ich gehöre dieser Zielgruppe einfach nicht mehr an, kann mich mit den Problemen der Protagonisten nicht immer identifizieren und finde viele der jugendlichen Probleme mittlerweile einfach ein wenig altbacken, war aber trotzdem fasziniert, weil dies ein Buch ganz kurz vor dem großen Durchbruch der Smartphones und Social Media und dem überbordenden Leistungsdruck an amerikanischen High Schools war.

  • Der Schreibstil war für mich teilweise etwas sperrig

Für ein Jugendbuch war mir der Schreibstil an manchen Kanten und Ecken einfach nicht flüssig genug. Ich wollte Melinda auf ihrer Reise begleiten, aber teilweise wurde ich durch den Schreibstil gestört, er hat mich ein wenig aus der Stimmung rausgenommen oder sie von Anfang an nicht richtig eingefangen. Das tut mir echt leid, weil es gerade bei so einem Thema enorm wichtig ist, dass die Stimmung sitzt und der Leser sich mit der Protagonistin identifizieren kann. Vielleicht waren Melindas sperrige Gedanken aber auch intendiert und ich rede hier gerade einfach nur Bullshit vor mich hin 😀


Fazit

4 von 5 Tintenkleckse

„Sprich“ stammt definitiv aus einer anderen Zeit. Denn so sehr, wie ich dieses Buch genossen habe, so sehr habe ich mich auch fremd gefühlt, weil ich eben nicht mehr in der Schule bin und definitiv auch nicht mehr in der Zielgruppe dieses Buches liege. Ich liebe es alles, ein so wichtiges Thema in einem Buch verarbeitet zu sehen und werde mir vielleicht auch mal den Film ansehen. Die Level an Verzweiflung und Einsamkeit, am Ende aber auch Heilung und besser werden, sind absolut genial und zeigen an einem Fallbeispiel gut auf, was mit der Seele eines Menschen geschehen kann, wenn sexuelle Gewalt passiert.

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