Antihelden: Fluch und Segen zugleich!

Ich habe letztens sehr ausführlich in meinen Instagram-Stories über ein Thema gesprochen, was mich nicht wieder loslassen wollte. Es ist das Thema des Antihelden oder des Bösewichtes in einem Roman.
Nicht nur, dass ich in “normalen” Romanen immer sehr mit den bösen Figuren mitfiebere, ich liebe auch Romane, in denen die Geschichte aus der Sicht des “bösen” Charakters beschrieben wird. Zumindest in der Theorie.

Denn während ich finde, dass nichts eine Geschichte langweiliger macht als ein vorhersehbarer Bösewicht und seine Schergen, die ihm aufs Wort gehorchen, finde ich ebenfalls, dass ein gut geschriebener Bösewicht die Geschichte auf ein komplett neues Level heben kann. Dabei behaupte ich nicht, dass der Leserin immer genau erklärt werden muss, was der Antagonist wohl denkt und was seine Motivation ist, denn das Mysterium ist es auch, was diese Charaktere so spannend macht.
Ich denke aber, dass die Autorin sich diese Motivation und Vorgeschichte sehr genau ausgelegt und erdacht haben sollte.


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Vorgeschichte – Warum eigentlich dieser Beitrag?

Ich liebe es, über die Bösewichte zu lesen. Je älter ich werde, desto mehr interessieren mich komplexe Charaktere und es gibt nichts Faszinierendes, als einen Menschen, der so vom Weg abgekommen ist, dass er nicht mehr sieht, dass er moralisch komplett falsch handelt. Und das sind nun mal meistens die Bösewichte. Daher bin ich immer sehr gespannt die Hintergründe und Motivationen hinter diesen Charakteren zu erfahren, denn sie sollen ja auch das darstellen, was beim Menschen einfach nur schief gehen kann.

Ich rede hierbei natürlich nicht von Psychopathen. Diese Menschen fühlen und denken komplett anders als Menschen und von dem, was ich weiß, haben diese Menschen keine richtige Empathie. (Ich kann aber auch totalen Unsinn reden, bitte korrigiert mich von daher bitte!)
Ich rede von den Charakteren, bei denen von Anfang an klar ist, dass sie eine wilde Mischung aus Emotionen empfinden und diese sich auch in ihrem Handeln bemerkbar macht.
Denen ein Schicksalsschlag widerfahren ist oder die durch Umstände in ihrem Leben dazu getrieben wurden, so zu handeln.

Denn das Böse ist nicht angeboren. Man wird böse gemacht. (Obwohl es Tendenzen dazu gibt, dass ein bisschen schon von den Genen her stammt, aber die Umwelt des jeweiligen Menschen einen riesengroßen Einfluss auf das tatsächliche Verhalten des Menschen spielt!)

Ich habe also letztens die neuen Bücher gelesen, die die Vorgeschichte einiger berühmter Disney-Bösewichte beleuchten und zeigen, wie diese Menschen zu den Gestalten wurden, die sie sind. Nur wurde ich gnadenlos enttäuscht. Denn ich hatte mir erhofft, zu sehen, wie diese Menschen sich immer weiter in ihre Dunkelheit zurück gezogen haben, wie grässlich sie waren, ohne es mitzukriegen und wie grausam ihre Mitmenschen und das Schicksal mit ihnen umgegangen sein muss, damit sie solche Taten begangen.

Ich bekam grausame und durchtriebene Charaktere, Verzweiflung und Schicksalsschläge. Aber als hätte das alles nicht gereicht, als wäre die Autorin zu faul oder schlicht nicht gut genug gewesen, erfand sie das Böse. In Form von drei Hexenschwestern, die sich in jede Geschichte einmischten und sie maßgeblich mitbestimmten, in denen sie immer wieder die Charaktere dazu trieben, sich schlecht zu entwickeln. Das Problem? Sie hatten kein Motiv. Gar keins.
Und diese Art, das “Böse” einfach von einem Charakter zum nächsten zu schieben, ist einfach unfassbar blöd und tut auch der Geschichte nicht gut, wenn man die Schuld einfach weiter schieben kann und sagen kann, dass die bösen bösen Hexen schuld sind.

Aber wie hätte man es besser machen können? Wie schreibt frau gute Antiheldinnen? Und vor allem: Wie lasse ich Böses in meinem Charakter zu?

Geschichte – Realität

Ich will nicht erzählen, dass sich in Romanen alles wie in der Realität abspielen muss. Ich will auch nicht sagen, dass sie auch nur annähernd realistisch sein müssen. Ich sage nur, dass sie sich so anfühlen müssen, als wären sie real.
Und das tun schlecht geschriebene Antagonisten nun mal absolut nicht.

Da ich letztens die “Fierce Fairytales” von Nikita Gill gelesen habe, habe ich einen ganz anderen Blick darauf entwickelt, was ich von den Hintergründen der meisten Menschen erwarte.

Dementsprechend möchte ich ehrlich wissen: Was macht einen Menschen “böse”?
Meiner Meinung nach: Wenn er vehement meint, das richtige zu tun und dabei keine anderen Meinungen zulässt oder sich um das Wohl anderer Menschen nicht mehr sorgt.

Und das kann auf ganz unterschiedliche Arten passieren.
Ein gebrochenes Versprechen, dass ein Leben lang halten sollte.
Fanatische Rachefantasien, die sich in Gewalt lösen können.
Eine Kurzschlussreaktion, da die Gefühle so lange unterdrückt wurden.
Eine ausgenutzte Machtposition.
Zuerst an sich selbst und dann an andere denken.
Ein Bruch in der Familie.
Der tragische Verlust eines geliebten Menschen.
Eine Freundschaft, die langsam oder schnell zerbricht.

Mit anderen Worten: Diese Menschen sind im Kern verängstigt, wütend, eifersüchtig, gereizt und wissen nicht, wie sie mit dem, was sie getan haben oder was ihnen widerfahren ist, umgehen sollen.

Und genau diese Verletzlichkeit möchte ich gerne in den Romanen sehen. Eine Angst, eine Feigheit, irgendwas, was sie von den Helden der eigenen Geschichte zum Bösewicht einer anderen werden lässt.
Denn aus dem realen Leben kennt man es doch zur Genüge, dass man nicht ganz so sein kann, wie man es gerne wäre. Dass man etwas tun möchte und sich doch nicht traut. In den Szenarien eines Romans kann das durchaus bedeuten, dass man sich durch solche Aktionen so ins Aus schießt, dass andere oder man selbst sich nicht vergeben kann.

Zukunft – Was will ich gerne sehen?

Ich möchte Charaktere, die sich nicht bewusst sind, dass sie die Bösewichte sind. Die für eine Sache kämpfen, die sie als goldrichtig ansehen, aber nicht sehen, wie sie allen anderen Menschen schadet.

Ich möchte Charaktere, die ihre eigenen Ziele verfolgen und diese durchsetzen wollen und nicht durch “Charakterschwäche” sich nicht mehr gegen das Innere Böse wehren können.

Ich möchte aber auch Charaktere, die aus Rache handeln. Die verletzt wurden und durch blinde Wut und Rachsucht Menschen einfach nur wehtun wollen.

Ich möchte kleine, verletzte Kinder als weichen Kern von Menschen sehen, die sich über die Jahre einen Panzer aus Kaltherzigkeit zugelegt haben.

Ich möchte Menschen sehen, die sich nicht bewusst sind, dass sie anderen wehtun, da sie nur an ihre Liebsten denken.

Ich möchte die Entwicklung von jemandem sehen, der ein Auserwählter sein sollte und sich aus für ihn wirklich guten Gründen für die andere Seite entscheidet.

Ich möchte jemanden sehen, der seine Mobber absolut hasst.

Ich möchte jemanden sehen, der so selbstsüchtig wurde, dass für ihn niemand mehr zählt, weil alle anderen ihm immer gesagt haben, dass er unwichtig ist.

Ich möchte eine Königin sehen, die sich aus purer Eifersucht gegen ihre Familie und ihr Königreich richtet.

Ich möchte einen Charakter sehen, der so machtlos ist, dass er den einzigen Ausweg in der Anhäufung von mehr Macht sieht.

Und zu guter Letzt: Ich möchte sehen, wie ein Mensch dazu gezwungen wird, böse zu sein, in dem er sich zwischen zwei absolut beschissenen Möglichkeiten entscheiden muss und mit seinem Gewissen nicht mehr zurecht kommt.

Omega – Das Ende

Letzten Endes geht es mir darum, dass der Mensch sich selbst und nicht ein Konzept des Bösen in der Figur wieder erkennt. Denn wir alle waren mal böse. Wir alle müssen uns mit Sorgen, Ängsten und Zweifeln herumschlagen. Denn was passiert, wenn es dem Helden nicht gelingt, alle zu retten. Wenn er nicht auf den Tod eines geliebten Menschen klarkommt und Rachefantasien entwickelt. Wenn Versprechen der Ewigkeit in jedem Moment gebrochen werden können und diese Menschen nicht die Kraft haben, ohne diese weiterzumachen.
Wenn sie aus Angst, komplett alleine zu sein, lieber mit Macht andere um sich scharen, als sich auf richtige menschliche Beziehungen einzulassen.

Ich möchte Menschen mit Fehlern sehen. Die ich meinetwegen auch für ihre Schwäche hassen kann oder die mir absolut unsympathisch sind.
Nur lasst sie menschlich sein.


Diskussions-Time!

Wie geht euch das? Kennt ihr gut geschriebene Antihelden oder Bösewichte? Findet ihr die Bösen auch manchmal viel interessanter als die guten?

8 Comments

  1. Hallo Anna,
    ich kann deinen Beitrag wirklich so unterschreiben. Ich mag sehr gerne Bücher mit Antihelden, aber dann auch nur, wenn einem erklärt wird, dass derjenige aus für ihn richtigen Gründen falsch handelt. Spontan ist mir zuallererst die Serie Once upon a time eingefallen. Da wird unter anderem die Hintergrundgeschichte der Bösen Königin von Schneewittchen beleuchtet und ich konnte sogar nachvollziehen, warum sie so handelt und so böse und rachsüchtig ist. Ich finde es zwar nicht immer gut, wie sie ihren Willen durchsetzen muss, aber man kann es zumindest verstehen.
    Ich finde sollte natürlich böse Taten nicht gut reden und man selber würde wahrscheinlich anders handeln, aber ab und zu lese ich Bücher mit Antihelden gerne.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

  2. Huhu =)
    Ein super Beitrag von dir. Trotzdem möchte ich ganz kurz anmerken, dass Antiheld und Antagonist nicht das selbe sind und nicht als Synonym verwendet werden sollten. Der Antagonist ist der Gegenspieler eines Protagonisten z.B klassischerweise der Verbrecher, der vom Ermittler (Protagonist) gejagt wird.
    Ein Antiheld ist selbst Protagonist, weißt jedoch negative Eigenschaften auf. In de Literaturwissenschaft wird nochmal unterschieden zwischen Antiheld und negativer Held. Der Antiheld ist passiv und wird mehr von außen zu Schlechten Taten getrieben weil er selbst meist antriebslos oder willensschwach ist.
    Der negative Held betreibt seine Selbstzerstörung aktiv, das heißt er trifft von sich aus schlechte Entscheidungen. Beisiele sind hier Adelina aus Young Elites oder Mia aus Nevernight. Das ist dann aber schon strenge Literaturwissenschaft und die Übergange von Antiheld zu negativen Held sind fließend. Im normalen Sprachgebrauch kann man ruhig beides als Antiheld bezeichnen, nur eben mit Antagonist darf man es nicht verwechseln.

    Aber wie gesagt, ich finde deinen Beitrag toll und kann dir nur zustimmen, ordentlich ausarbeitete Antagonisten sind das A und o. Ich hasse es, wenn die einzige Begründung ist „Ja er/sie ist halt böse“ Gerade im Fantasybereich findet man das leider häufig.
    Ein positives Beispiel ist für mich Die Dominium-Saga von Licia Troisi (Gerade der zweite Band ist in der Hinsicht toll)

    Auch Antihelden finde ich super. Die Young Elites Reihe wird immer besser, je abgründiger Adelina wird und ich finde es toll, dass die Autorin sich getraut hat in der Hinsicht weiter zu gehen, als andere die ihren Charakteren nur einen oberflächlichen Anstrich von „Bad Boy, Bad Girl“ geben, die im Inneren dann aber doch wieder ganz lieb, nett und weich sind.

    Jetzt hab ich ja schon einen halben Roman geschrieben, Tur mir Leid xD
    Liebe Grüße Miss PageTurner

  3. Hey Anna,

    ich mag Bücher auch, die mit einem „guten“ Antihelden daher kommen. Es ist viel spannender, wenn man dessen Beweggründe miterleben kann und es eben vielschichtige Gründe für dieses Böse gibt. Genau wie du es eben beschreibst. So etwas erlebe ich auch gerade in meiner Lieblingsserie.. es ist schwer einen Charakter auf die dunkle Seite zu verlieren aber die Gründe dafür zu verstehen lässt mich weiter an dieser Person festhalten. Man fühlt sich demjenigen immer noch verbunden, weil es eben in dieser Situation kaum mehr eine andere Möglichkeit gab. Auch wenn es für mich als Zuschauerin schrecklich war das zu sehen..

    Ein sehr toller Beitrag von dir!

    Liebe Grüße
    Anna

  4. Toller Beitrag!
    Ich finde generell immer wichtig, dass Charaktere Motive für ihre Handlungen haben, aber gerade wenn sie nicht der üblichen Moral entsprechen (die ja für sich gesehen schon ein gutes Motiv sein kann), erwarte ich erst recht eine Begründung für ihr Verhalten. Ich habe schon in der Insta-Story deine Frustration über „das Böse“ gesehen und kann das absolut nachempfinden. Ich wäre auch absolut enttäuscht, wenn ich mir eine gute Hintergrundgeschichte erwarte und das dann nicht das ist, was ich bekomme, sondern letztlich doch wieder viel auf willkürliche Bosheit hinausläuft.

  5. Guten Morgen!

    Ich bin grad über den Rückblick von Miss Page Turner auf deinen Beitrag aufmerksam geworden. Interessantes Thema!

    Ich liebe in Büchern auch komplexe Charaktere und nicht das typische Schema, dass ja in manchen Genres leider sehr überhand nimmt. Aber es gibt ja zum Glück noch Ausnahmen. Empfehlen kann ich dir da die Trilogie „Young Elites“. Viele mochten diese Reihe nicht, eben weil die Protagonistin „böse“ war. Aber durch ihren Hintergrund empfand ich das absolut nachvollziehbar und die Spirale, die sie immer weiter runtergezogen hat, war total faszinierend zu verfolgen!

    Es sollte wirklich mehr Geschichten in dieser Richtung geben!

    Zu den Psychopathen, die du erwähnt hast: ja, sie können tatsächlich kaum Empathie oder Gefühle empfinden. Wenn unserereins sich über ein leckeres Essen freut, passiert in deren Gefühlswelt rein gar nichts. Nur ganz heftige Erlebnisse können bei ihnen so etwas auslösen, deshalb handeln sie eben oft so überzogen oder eben grausam, verletzend, weil sie sonst gar nichts spüren können.
    Zumindest hab ich das so letztens erst in einem Interview erfahren. Übrigens gibt es viel weniger Menschen auf der Welt die tatsächlich Psychopathen sind.

    Das mit den Genen, daran glaub ich nicht muss ich sagen. Wenn ich an Babys denke, die sind nicht böse oder haben Böses in sich was schlummert. Natürlich hat jeder Mensch andere Anlagen, aber für mich ist es das Umfeld und die Erlebnisse, die ausmachen wie man sich entwickelt.
    Jeder erlebt Schicksalsschläge, aber jeder kann sie eben anders verkraften und anschließend damit umgehen. Manche können das Ruder herumreißen und sich positiv weiterentwickeln, andere schaffen es nicht und müssen das Böse entweder weiter selbst erfahren (ganz banales Beispiel das Frauen sich immer wieder Partner suchen die sie schlagen, um frühe Erlebnisse zu verarbeiten) oder sich auf die andere Seite begeben um die Hilfosigkeit, die sie erfahren haben, auszumerzen (dass sind dann die die andere verletzen, auf welche Art auch immer)

    Zu deinen Beispielen oben, was Menschen Böse macht: Zuerst an sich selbst und dann an andere denken.
    Da muss ich ein klein wenig widersprechen 😉 An sich stimmt es, aber ich finde es doch wichtig dass man an sich selber denkt. Das machen wir in der heutigen Zeit viel zu wenig. Natürlich scheint es so, dass die Menschen oberflächlich betrachtet egoistisch sind, aber leider an falscher Stelle. Wenn man bedenkt wie viele krank werden, Stichtwort Burnout und Depressionen, merkt man dass das eben nicht der Fall ist. Man achtet zu wenig auf sich und was einem guttut.
    Leider lösen sie das ganze dann, indem sie eben auf andere Menschen herabschauen, sie mobben oder auf viele andere Arten, um sich selber besser zu fühlen. Ein fataler Kreislauf…

    Aber zum Thema an sich: Bösewichte sollten vielmehr durchleuchtet werden und komplexer im Mittelpunkt stehen in Geschichten, da wäre ich auch dafür!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    • PS: Mir ist noch als Beispiel „Die dreizehnte Fee“ von Julia Adrian eingefallen, das passt auch zum Thema einer „böse gewordenen“ Protagonistin und hat mir super gefallen 😉

  6. Hallo liebe Anna,

    ein sehr cooler Beitrag, in dem ich mich definitiv wiederfinde! *o*
    Ich liebe Antagonisten und dunkle Charaktere, liebe Backstorys und Motive, liebe es einfach, wenn es darum geht, warum ein Mensch etwas moralisch verwerfliches tut, warum er abdriftet. Denn besteht nicht für uns alle die Möglichkeit, theoretisch genauso den Blick für das „Richtige“ zu verlieren, wenn wir nicht aufpassen? Darin liegt für mich auch so ein bisschen der Reiz: zu zeigen, wie ein Mensch wie jeder andere zum Antagonisten wird. Von daher liebe ich komplexe Antagonisten mit einer Vergangenheit. Und stimme deinem Beitrag eindeutig zu!

    Liebe Grüße
    Dana

  7. Guten Morgen! Ich hab deinen Beitrag heute auch in meiner Stöberrunde verlinkt 🙂

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