„Aussage gegen Aussage“ von Alexander Stevens | Rezension

CN: Sexueller Missbrauch, Vergewaltigung

Alexander Stevens möchte in diesem Buch einen kleinen Einblick in den Gerichtssaal geben und schildert Fälle, in denen es keine weiteren Beweise gibt, als das Wort des Klägers gegen das des Angeklagten. Dabei gibt es unfassbar viele unterschiedliche Konstellationen, in denen dies auftreten kann. Es geht beispielsweise um einen Mord, sexuelle Belästigung Minderjähriger oder Lügen im Gerichtssaal.


Bibliographische Daten

  • Autor: Alexander Stevens
  • Genre: Jura, Rechtskunde, Sachbuch
  • Verlag: Piper
  • Seitenzahl: 253 S.
  • ISBN: 978-3-492-22971-5

Kurzbeschreibung

 Wenn zwei Männer sich gegenseitig denselben Mord zur Last legen – Wer sagt die Wahrheit?

Wenn eine Frau ihren Mann im Scheidungskrieg des Kindesmissbrauchs beschuldigt, er aber alles abstreitet – Ist er Opfer oder Täter?

Wenn ein Anwalt von zwei Richtern bezichtigt wird, zu lügen – Wem glaubt man dann?

Dr. Alexander Stevens hat als Strafverteidiger zahlreiche Fälle begleitet, bei denen es außer einer Zeugenaussage keine anderen Beweise gab. Anhand von sieben wahren Fällen schildert er, was passiert, wenn Richter trotzdem urteilen. Wie kann man eine wahre von einer falschen Aussage unterscheiden? Wie differenziert man eine gute Lüge von einer schlechten Aussage? Und heißt es bei Aussage gegen Aussage im Zweifel für oder eher gegen den Agenklagten?


Vielen Dank an den Piper-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

Ich kann wirklich nicht viel über dieses Buch sagen, außer dass es mir sehr gefallen hat. Ich fand die Argumentationsweise von Alexander Stevens sehr schön und ich fand auch, dass er sich viel Mühe gab, die Fälle für Laien in einem Licht zu erzählen, das gut verständlich und nicht zu aufwendig war.

Es gibt auch gewisse Einblicke darin, wie bestimmte Strukturen zwischen Richtern und Anwälten, Verteidigern und Anklägern und den Parteien untereinander gibt und wie diese zu bewerten sind. Es kam auf jeden Fall so rüber, als seien der ständige Druck, alles richtig zu machen, keine Fehler zu begehen und ständig der oder die Schlaueste im Raum zu sein, um alle zu überzeugen, ein Druck, auch viele Fälle prägen kann.

Ich fand es spannend, wie gewisse Techniken dargelegt wurden, die immer noch oder wegen erwiesener Lückhaftigkeit vor Gericht verwendet werden können. Wie Befragungs- und Verhandlungstechniken angewandt werden und welche davon nicht mehr haltbar oder neu entdeckt und sehr vielversprechend sind.

Vor allem spannend waren für mich dabei die Befragungstechniken von den beiden Seiten und wie diese sich überlappten und man nach Lügen suchen konnte. Als dann hinterher fast jede dieser Techniken mit guten Beispielen und einer standfesten Beweisführung hinterfragt und nicht mehr als modern entlarvt wurden, war ich zugleich geschockt und fand mich selbst ein wenig einfältig, dass ich die Ausführungen von Anfang an eigentlich glauben wollte.

Ein großes Problem hatte ich allerdings doch mit diesem Buch: Die Behandlung von Fällen sexueller Belästigung oder Vergewaltigung. Ich weiß, dass man auch in solchen Fällen nicht einfach sagen kann, dass jede Anschuldigung stimmt und dass man in jedem Fall den Survivors glauben kann und sollte. Denn auch wenn ich das in meinem Leben so mache, weil ich keinen Grund sehe, warum sich jemand so ein schlimmes Schicksal freiwillig ausdenken sollte, ist es ja die Arbeit eines Gerichts diese Aussagen in Frage zu stellen und vielleicht Motive zu finden, wieso gelogen worden sein könnte.

Allerdings fand ich es wirklich wahnsinnig schrecklich, wie teilweise argumentiert wurde und konnte dadurch manche Dinge nicht mehr ernst nehmen. Denn es klang für mich teilweise nicht mehr wie die legitime Hinterfragung von Motiven und eventuellen Lügen, sondern wie der Generalverdacht, dass immer verschiedene Gründe dahinter stehen, warum jemand solche Dinge zur Anzeige bringt, anstatt auch mal zu schreiben, dass es schon eine riesige Leistung ist, einen solchen Übergriff überhaupt zur Anzeige zu bringen und wie viel Mühe und Gegenwind es einen kostet, ein solches Prozedere zu überstehen. Dieses Eingeständnis, dass ein solches Verfahren und solche Lügen doch sehr selten sind und deshalb eigentlich nicht generell vermutet werden sollten, fehlte mir. Natürlich gehört es zum Beruf, Aussagen zu hinterfragen, aber man muss eben auch die psychologischen und sozialen Folgen einer solchen Tat mit in die Überlegungen miteinbeziehen und nicht einfach davon ausgehen, dass jeder oder jede unbefangen über solche Dinge lügen kann.

Schön fand ich allerdings den Schreibstil des Autors. Man konnte sich immer in die Situationen hineinversetzen, die gerade stattfanden und es kam nie so rüber, als würde man so tief in die Materie eintauchen, dass man nicht mehr wusste, wo man sich befand. Ich fand es auch schön, dass immer wieder Zwischenfragen gestellt wurden, damit der Leser sich mit der Denkweise der Anwälte und Polizisten vertraut machen konnte und schnell wusste, in welche Richtung man am besten denken würde.

An sich finde ich aber schon, dass es sich lohnt, dieses Buch zu lesen, wenn man sich für True Crime oder die Vorkommnisse vor Gericht interessiert und das es ein schönes Buch ist, um über seinen Horizont und seine Vorurteile hinweg zu denken und sich zu informieren, wie gewisse Dinge außerhalb des eigenen Tellerrands ablaufen.


Fazit

Dieses Buch kann ich definitiv empfehlen, wenn ihr euch fragt, was ein Strafverteidiger eigentlich den ganzen Tag so macht, wenn ihr euch für interessante Fälle der Justiz interessiert oder einfach nur gerne wissen wollt, wie eigentlich so eine Bewertung einer Befragung eines Verdächtigen stattfindet. Allerdings gibt es eben manche Teile, die mir nicht so zusagten, weil sie mir ein wenig zu wertend geschrieben waren oder nicht in jeder Hinsicht über mögliche Motive und Vorkommnisse aufgeklärt wurde. Eine typisch männliche Sichtweise auf großteils weibliche Themen, die mir nicht immer geheuer war.

3 von 5 Tintenkleckse

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