„Milchgesicht“ von Christian Duda | Rezension

 Dieses Buch ist nichts für seichte Gemüter. Hier könnte man wirklich viele Triggerwarnings vorsetzen, denn in diesem Buch geht es um sexuelle Belästigung, Mobbing und viele traumatische Dinge, die unausweichlich scheinen, aber doch erschreckend sind.


Bibliographische Daten

  • Autor: Christian Duda
  • Genre: Literatur, Autofiktion
  • Verlag: Beltz & Gelberg
  • Seitenzahl: 157 S.
  • ISBN: 978-3-407-75543-8

Kurzbeschreibung

 Weiß wie Schnee, rot wie Blut: so ist Sepp. Schon als er geboren wird, ist er anders. Zu weich, zu feinsinnig, zu bedürftig für das raue Dorfleben. Die Menschen hier sind von harter Arbeit gezeichnet, ihr Herz ist zerfurcht wie der Acker. Für Sepp, der die Farben der Blumen liebt und sich selbst das Schreiben beibringt, bleibt nur eine einzige Rolle – die des Außenseiters.

Ein eindringliches literarisches Werk, archaisch und verblüffend aktuell.


Vielen Dank an den Gelberg & Beltz-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

Ich glaube, dass dieses Buch dazu gedacht war, eine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Denn der Autor beschreibt die Geschehnisse, als wären sie selbst in seiner Familie auf dem österreichischen Land geschehen und er würde sich einen Roman um seine Recherchen herumschreiben.

Dementsprechend hängen an diesem Roman viele Emotionen und man merkt es diesem Buch auch an jeder Seite an. Dieses Buch hat keine positiven Seiten, keine positiven Emotionen und wenn es sie doch gibt, werden sie immer von Umständen begleitet, die sie tragisch und nicht schön machen.

Aber worum geht es eigentlich? Es geht um ein Dorf und eine Dorfgemeinschaft. Viele, die aus einem Dorf kommen, werden wahrscheinlich ahnen, in welche Richtung diese Geschichte geht, denn viele Dorfgemeinschaften hocken im täglichen Leben so nah aufeinander, dass niemand einen Schritt tun kann, ohne von allen anderen verurteilt zu werden und ihre Meinungen zu spüren zu bekommen.

In diesem Buch geht es um Sepp. Sepp ist anders als alle anderen. Nie wird im Buch genau gesagt, was denn nun mit Sepp los ist und wie man es medizinisch bezeichnen könnte, aber Sepp ist schon im Babyalter dauernd krank, entwickelt sich nicht so wie andere Kinder, kann sich nicht gut in soziale Strukturen einfügen und benimmt sich „seltsam“.

Dieses Buch dreht sich nun um die einzige Rolle, die diesem Kind übrig bleibt: die des Außenseiters. Es scheint kein Entfliehen aus dieser festgelegten Rolle zu geben, egal wie sehr Sepp sich anstrengt, wie alle anderen zu werden, egal wie sehr er sich selbst verändert und entwickelt. Alle sehen in ihm immer jemanden, der ein wenig dümmlich und zu weich geraten ist.

Allerdings sieht man auch, dass die Dörfler selber ziemlich viele Probleme haben, die aber nur in dunklen Ecken und versteckten Gesprächen zu Tage kommen. Jede Existenz in diesem Buch ist eine tragische.

Und tatsächlich schafft dieses Buch es, auf knapp 150 Seiten eine Lebensgeschichte abzubilden, die immer tragischer und dramatischer auf das eigene Verderben zusteuert, gegen das niemand etwas in der Hand zu haben scheint. Die Strukturen scheinen zu verbissen, zu gesetzt, nicht mehr zu ändern.

Der Schreibstil dieses Buches ist auf der einen Seite sehr rabiat, scheint keine Fehler in der Betrachtung zuzulassen und teilweise schon ein wenig steril. Auf der anderen Seite kann er perfekt die Tragik und Geheimnisse eines jeden im Dorf vermitteln und stellt sich subtil und doch aussagekräftig auf die Seite von Sepp, der ja nichts dafür kann, wie er geboren wurde. Ich bewundere es sehr, wie diese zwei Sichtweisen so Hand in Hand gehen können und sich nicht widersprechen.

Der „Plot“ dieses Romans ist teilweise verwirrend. Es liest sich mehr wie eine Zusammenstellung von Szenen, die aufzeigen, wie sich eine Geschichte entspinnt, die zunehmend zu einem immer schlimmeren Ende kommen muss. Sie lässt einem kein Entkommen, man kann nicht wegsehen, sich nicht zwischen die Zeilen flüchten. Ich fand es wahnsinnig gut gemacht, wie sehr ich mich immer mehr in eine schlechte und nachdenkliche Stimmung von diesem Buch ziehen ließ und mich – trotz der teilweise ekelhaften Beschreibungen von Sepp – sehr um ihn sorgte.

Eine weitere – wenn auch kleinere – Betrachtung findet anhand der Ziehmutter und Tante von Sepp statt. Denn diese hilft Frauen aus dem Dorf, wenn sie ungewollt schwanger werden. Es ist ekelhaft, es ist nicht gut für den Körper und medizinisch definitiv absolut nicht korrekt, aber sie macht es trotzdem, weil sie nicht mit ansehen kann, wie manche Leben sonst zerstört worden wären.

Dies hat auch noch einen Einfluss auf Sepps Leben, aber diese Bestimmung seiner Tante kann auch sie nicht aufgeben, um den Jungen von äußeren Einflüssen und den Meinungen der anderen zu schützen. 


Fazit

Dieses Buch ist keine leichte Kost. Es ist sogar sehr schwere Kost. Aber wenn einen die dörflichen Strukturen, die niemanden zulassen, der nicht in ein gewisses Stereotyp passt, nicht zulassen und die unter der Oberfläche sehr viel verstecken und nicht hinauslassen können, interessieren, dann ist dieses Buch wahrlich ein Meisterwerk. Ich würde es nicht als einen Roman für Jugendliche, sondern mehr über Jugendliche beschreiben. Es ist schwierig zu lesen und es tut weh darüber zu schreiben. Aber wenn man denkt, man könne dies aushalten, dann ist „Milchgesicht“ ein ziemlich gutes Buch!

3.5 von 5 Tintenkleckse

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