„Die beste Depression der Welt“ von Helene Brockhorst | Rezension

CN: Depression, Suizidale Gedanken

Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich ein Buch lesen würde, in dem Depressionen auf der einen Seite sehr gut dargestellt sind und auf der anderen Seite eine humoristische Komponente enthalten, hätte ich ihn oder sie wohl ausgelacht.

Aber „Die beste Depression“ der Welt macht genau das. Die Protagonistin dieses Buches hat versucht sich umzubringen und hat nach dem gescheiterten Versuch einen Blogpost geschrieben, der so viral ging, dass daraus ein Buchvertrag wurde. Ein Buch über Depressionen und wie man damit umgeht, wenn man doch eigentlich gerade selbst eine schwierige depressive Phase durchmacht, kann das gutgehen? Offensichtlich nicht und das sieht man auch in diesem Buch.


Bibliographische Daten

  • Autorin: Helene Bockhorst
  • Genre: Roman, Autofiktion
  • Verlag: Ullstein
  • Seitenzahl: 316 S.
  • ISBN: 978-3-550-20076-2

Kurzbeschreibung

Vera war für fünf Minuten berühmt –

nachdem sie versucht hatte, sich umzubringen, ging ihr Blog viral. Nun soll sie einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben. Ihre Freundin Pony hat Zweifel, dass sie das schaffen wird. Sie selbst auch. Denn wie soll das gehen, wenn man ja nun eigentlich depressiv ist? Müde, antriebslos, nicht gerade an Erfolg interessiert? Wenn man geheiratet hat, unglücklich ist, aber nicht geschieden? Wenn man seine Oma vermisst, aber nicht weiß, ob sie noch lebt? Und hilft da meditieren? Oder gesünderes Essen? Vera probiert es aus – und scheitert, scheitert, scheitert. Um sich wirklich besser zu fühlen, muss sie sich ihren eigenen Problemen stellen. Ihrer Familiengeschichte. Den Lügen. Den Männern. Und das ist hart, lustig, fies und schön – und macht süchtig.


Vielen Dank an den Ullstein-Verlag für das unangeforderte Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

Dieses Buch begleitet die Protagonistin auf ihrer Reise, einen Weg zu finden, mit ihren Depressionen irgendwie fertig zu werden. Sie probiert Yoga, Meditation oder auch viele andere Wege, die sie aber von Anfang an blöd findet und die ihr deswegen auch nicht helfen können. Und dabei kommt die humoristische Komponente des Buches zum Tragen: Während sie sich schlecht fühlt, weil Meditation für sie nicht zu funktionieren scheint und sie sich immer wieder schlecht fühlt, weil sie es noch nicht mal hinbekommt, zu meditieren, stellt sie in ihren Gedanken fest, dass doch alles irgendwie dämlich ist. Sie macht sich selbst in ihren Gedanken mit einem sarkastischen Tonfall darüber lustig, wie es ihr geht und was sie so denkt.

Denn ich hatte am Anfang des Buches wirklich die Befürchtung, dass dieses Buch sich absolut im Ton vergreifen könnte und sich über diese Frau lustig machen könnte, die unter suizidalen Gedanken leidet. Aber im Gegenteil. Durch die leicht humoristische Note, mit der die Protagonistin sich selbst und ihre Beziehung zu sich selbst beschreibt, wird das Buch aufgelockert und man kann besser verstehen, wie sie sich mit ihren Depressionen fühlt.

Der Schreibstil war schön, flog sehr schnell an mir vorbei, hatte einige Glanzmomente und kann definitiv auch mal voll reinhauen mit Metaphern, aber auch mit der ungeschönten Beschreibung der Realität. Ich fand vor allem die Charaktere sehr schön, sie hatten alle irgendwie ihre Probleme, kamen nicht so richtig vor, weil die Protagonistin dank ihrer Depressionen großteils mit sich selbst beschäftigt ist, aber trotzdem merkt man, dass sie reale Personen sind, die auch eigene Probleme und Leben haben.

Erschreckend fand ich vor allem, dass ich mich in vielen der Verhaltensweisen in einer depressiven Phase wiedererkannt habe. Auch ich habe Phasen, in denen es mir sehr schwer fällt, aus dem Bett aufzustehen oder in denen ich es gar nicht schaffe, aus dem Bett zu kommen, obwohl so viele Dinge anstehen, die ich machen möchte oder sollte. Ich finde es sehr schön, wie dargestellt wird, dass es manchmal einfach nicht möglich ist, aus dem Bett aufzustehen oder sich um sich selbst zu kümmern oder auch nur sich zu duschen. Das mag seltsam für Außenstehende klingen, aber Depressionen sind nichts Einfaches und man kann sie auch nicht verallgemeinern.

Ich konnte mich in vieles hineinversetzen. Vor allem den Part, in dem ich YouTube-Videos mehrmals anschaue oder immer wieder die gleichen ansehe, weil sie bekannt sind und mich von der Welt ablenken können. Außerdem konnte ich sehr gut verstehen, dass man Freunde nicht mehr sehen will, aus der Angst heraus, sie würden einen nach so langer Zeit nicht mehr mögen.

Es war wirklich sehr einfach, sich in die Position der Protagonistin hineinzuversetzen und sich mit ihr durch die seltsame Welt einer depressiven Phase treiben zu lassen und zu bemerken, dass man manchmal einfach nichts dagegen tun kann, dass man sich wirklich beschissen fühlt.

Allerdings habe ich ein großes Problem mit diesem Buch: Ich finde keinen richtigen Plot. Denn der eigentliche Plot des Buches ist, dass die Protagonistin keine Ideen für ihr Buch findet und am Ende eben doch einen vielversprechenden Ansatz findet, der sie zu einem guten Buch führen könnte.

Der große Teil dazwischen allerdings ist einfach nur vor sich hin wabernde Teile eines Lebens. Ich verstehe, dass sich eine Depression eben auch genauso anfühlen kann, als wäre sie einfach nur ein Leben, was an einem vorbeizieht und als würde man sich in einem riesigen Strom befinden, der einen einfach nur mitreißt.

Als Buch allerdings kam es mir ein wenig fad vor, weil ich genau sah, dass es sich einfach nur nach vorne bewegte, allerdings ohne große Intention dahinter oder ohne eine irgendwie geartete Geschichte, die im Hintergrund stand. Denn auch die Nebenplots mit der schwangeren Freundin, den vielen One Night Stands oder der gescheiterten Ehe sind mehr Dinge, die nebenbei passieren, nichts, dass wirklich die Protagonistin tangiert. Das fand ich wirklich schade, auch wenn man in einer depressiven Episode eben nicht so emotional oder überemotional reagiert, aber als Buch und als Geschichte konnte es keinen richtigen Spannungsbogen aufbauen.

Schön fand ich allerdings die Reisen und die Dinge, die auf den Reisen unternommen und gesehen wurden. Es wurde schön das Gefühl beschrieben, auf einer Reise zu sein und sich dort sogar wohler zu fühlen, als wenn man zuhause wäre.


Fazit

Wenn man sich also mit dem wirklich heftigen Thema einer Depression auseinandersetzen kann und will und vielleicht erfahren will, wie sich eine Depression aus dieser bestimmten Perspektive anfühlt, dem kann ich dieses Buch voll ans Herz legen. Es gibt auch eine große Fülle an Emotionen und ein wenig Humor, damit eben nicht alles vollends nur im Dunkeln versinkt. Außerdem sind die Reisen wirklich schön beschrieben. Was mir fehlte, war ein guter roter Faden und ein größerer Plot, der sich nicht nur in einem Satz schnell zusammenfassen lässt. Ein besserer Spannungsverlauf wäre schön gewesen.

3 von 5 Tintenkleckse

One Comment

  1. Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, aber deine Rezension passt sehr gut zu meiner Meinung zu „Drüberleben“ von Kathrin Weßling, in dem es auch um Depressionen geht. Die Protagonistin geht in Therapie und interagiert ein bisschen mit ihren Mitpatienten, aber das war es im Endeffekt fast schon an Handlung. Ich weiß nicht, ob du schon mal ein besseres Beispiel gelesen hast, aber ich habe die Vermutung, dass man über Depressionen einfach nicht gleichzeitig authentisch und spannend oder aufregend schreiben kann, weil es eben nicht in der Natur der Sache liegt.
    Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) klingt das Buch wirklich, als würde es einen guten Einblick bieten.

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