„Wie du mich siehst“ von Tahereh Mafi | Wunderschönes Jugendbuch | Rezension

 Endlich endlich endlich gibt es das Jugendbuch und die Teenie-Liebesgeschichte, die muslimische Jugendliche verdienen. Und sie ist trotzdem nicht „normal“. Warum das wahnsinnig genial ist, möchte ich in dieser Rezension verdeutlichen.


Bibliographische Daten

  • Autorin: Tahereh Mafi
  • Genre: Jugendbuch, Roman
  • Verlag: Fischer Sauerländer
  • Übersetzerin: Katarina Ganslandt
  • Seitenzahl: 349 S.
  • ISBN: 978-3-7373-5696-1

Kurzbeschreibung

 „Ich vermied es, irgendwen anzuschauen. Ich wurde nämlich angeschaut, und sobald ich zurückschaute, fassten die Leute das als Einladung auf, irgendeinen Kommentar von sich zu geben. Das war dann fast immer entweder etwas Beleidigendes oder Dummes oder beides. Deshalb tat ich so, als wären sie gar nicht da.“

Ein aufwühlender Roman, inspiriert von Tahereh Mafis eigenen Erfahrungen mit erster Liebe, Breakdance und den verheerenden Auswirkungen von Vorurteilen. 


Vielen Dank an den Fischer Sauerländer-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

Tahereh Mafi ist eine Autorin, die ich eigentlich immer in die Kategorie „schreibt so viel in einer Geschichte, bis sich wirklich gar nichts mehr verkauft“ eingeordnet habe. Denn ihre „Shatter Me“-Reihe wird irgendwie immer weiter fortgesetzt und etwas Neues schien sie nie zu veröffentlichen. Aber dann erschien doch „Wie du mich siehst“, was sehr stark von ihrer eigenen Biographie geprägt ist und genau dadurch seine besondere Wirkung entfaltet.

Ich finde es wahnsinnig schön, wie dieses Buch aufgemacht wurde. Die Protagonistin ist eine Muslima in Amerika, das stark von den Erlebnissen des 11. September geprägt wurde. Es ist nicht wirklich klar, in welcher Zeit diese Geschichte spielt, aber das das Internet noch keine große Rolle spielt und es keine Smartphones gibt, kann man es wohl doch etwa vor 2010 und nach 2001 eingrenzen.

Dieses Buch ist zwar eine Liebesgeschichte, aber es gibt weder ein „Happy End“, noch ist es ein Wohlfühlbuch. Allerdings gibt es ein sogenanntes „Better End“, bei dem beide Protagonisten besser und auch ein wenig gebildeter aus ihren jeweiligen Situationen hervorgehen. Ich finde es wahnsinnig gut, wie die Konflikte in diesem Buch dargestellt wurden und wie sie am Ende dann mit Mut und nicht auf Teufel-komm-raus auf ein Happy End hinarbeiten, sondern die Geschichte sich einem realistischen Ende zuneigt.

In dieser Geschichte geht es viel um Rassismus. Nicht den großen Rassismus, der Menschen tötet, sondern jener, der Menschen kaputt machen kann, ihr Leben erschweren und sie immer ausgrenzen wird, egal wie sehr sie sich anstrengen.

Die Protagonistin befindet sich in der gleichen Situation, in der viele Mädchen sich befinden, die Protagonistinnen von Jugendbüchern sind: Sie ist schlau, gut in der Schule, hat eine tolle Familie, geht zur High School und mag ein paar Jungs.

Aber eine Sache unterscheidet sie dann doch sehr einschneidend: Sie ist Muslimin. Und ihre Eltern sind Einwanderer. Sie sieht anders aus und trägt Hijab.

Und da ich es immer unfassbar wichtig finde, mich über solche Themen zu informieren und mich bemühe, rassistische Strukturen nachvollziehen und vielleicht aufbrechen zu können, war dieses Buch ein wahnsinniger Schlag in den Magen.

Denn allen voran merkt man, wie sich eine „ganz normale“ Liebesgeschichte eben doch unterscheiden kann, wenn die Protagonistin einer ethnischen Minderheit zugeordnet wird.

Der Plot lässt sich eigentlich sehr einfach zusammenfassen: Mädchen kommt auf eine neue Schule, lernt Jungen kennen, sie verlieben sich und sind auf dem Weg ein Paar zu werden.

Allerdings kann dieses Buch so viel mehr als das! Es geht um die Selbstverwirklichung, die es gibt, wenn man eben einem anderen Standard folgt als alle anderen und wenn man sich nicht dauernd nur zum Gespräch der gesamten Stadt mausern möchte. Es geht um den Hijab, die eigene Mode und Breakdancing, welches Wege zur Selbstverwirklichung öffnet, die vorher nicht möglich schienen.

Es geht aber vor allem darum, die das Selbst und die eigenen Verhaltensweisen dadurch beeinflusst werden, dass man immer als „die Andere“ wahrgenommen wird. Dass sich gewisse Situationen als schwierig erweisen können und andere hirnrissig erscheinen. Dabei ist es vor allem die Situation, dass der beste Sportler an der Schule sich in die Protagonistin verliebt. Denn dieser Kontrast, der eigentlich keiner sein sollte, bringt die schlimmsten Vorurteile und Verhaltensweisen in allen anderen hervor und lässt niemanden entkommen. Wäre dieser „Kontrast“ nicht so groß, wären die Ereignisse dieses Buches definitiv nicht so eskaliert, wie sie es nun doch sind.

Wahrscheinlich klingt diese Rezension mehr wie eine Abhandlung darüber, wie sehr ich das Buch deswegen mochte, weil es darstellt, wie Rassismen den Alltag beeinflussen und ein Menschenleben formen können. Und das ist sie auch. Ich will nämlich keinem Leser dieses Buches vorwegnehmen, dieses Buch voll zu erleben. Ich möchte nicht vorwegnehmen, was alles passiert, weil es wichtig für den Kontext ist und es aus dem Kontext einfach seltsam wirkt. Aber trotzdem ist dieses Buch unfassbar wichtig, ein richtiger Durchbruch im Jugendbuchmarkt.


Fazit

Zum Abschluss bleibt mir eigentlich nur zu sagen: Lest dieses Buch. Egal, ob ihr Jugendbücher mögt. Egal, ob ihr Happy Ends haben wollt oder nicht. Egal, ob ihr Liebesgeschichten mögt. Egal, ob ihr euch für Mode oder Breakdancing interessiert. Dieses Buch ist ein Durchbruch auf dem deutschen Buchmarkt. Ein Jugendbuch mit Autofiktion. Ich fand dieses Buch wunderbar, erschreckend, emotional, absolut herzzerreißend und ich habe das Ende gehasst und geliebt. Lest es trotzdem. Es wird euch sehr viel weiterbringen.

4,5 von 5 Tintenkleckse

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