Dystopie des selbstoptimierenden Menschen in „Das Ting“ von Artur Dziuk | Rezension

Dieses Buch gehörte zu meinen Favoriten unter den Vorschauen des Jahres! Einfach, weil es genau nach dem klingt, was ich schon immer lesen wollte: Jetzige Technik, die nur einen Schritt weiter gedacht wird und sich dadurch in etwas völlig anderes verwandelt, was neue ethische, moralische und menschliche Fragen aufwirft.

Also: Vorhang auf, hier ist „Das Ting“! Eine App, welche eure Körperdaten, eure Umgebungen und Gespräche aufzeichnet und euch darauf Empfehlungen gibt, um euch zu einem besseren und eigentlich auch zu einem perfekten Menschen zu machen! Na, ob das wohl gut geht?


Bibliographische Daten

  • Autor: Artur Dziuk
  • Genre: Dystopie, Roman, Gesellschaftskritik
  • Verlag: dtv bold
  • Seitenzahl: 463 S.
  • ISBN: 978-3-423-23006-3

Kurzbeschreibung

 Schöne neue Menschen…

Vier junge Leute gründen in Berlin ein Start-up und entwickeln ein Tool: das Ting, das körperbezogene Daten seiner Nutzer sammelt, diese auswertet und auf ihrer Grundlage Handlungs- und Entscheidungsempfehlungen gibt. Die Idee überzeugt – das Ting schlägt auf Anhieb ein wie eine Bombe. Doch um zusätzliche Investoren zu gewinnen, sind Linus und sein Team gezwungen, sich auf ein gefährliches Spiel einzulassen: Sie verpflichten sich, den Empfehlungen des Ting zu folgen. Bedingungslos…


Vielen Dank an den dtv bold-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

POSITIV

  • Die ersten 200 Seiten waren einfach nur genial!

Ich habe die ersten 200 Seiten damals als eine extra große Leseprobe zugeschickt bekommen und habe sie damals an einem Nachmittag einfach nur verschlungen! Ich fand sie sehr grandios! Die Charaktere wurden alle nacheinander in ihren verschiedenen Lebenslagen abgebildet und was sie dazu führte, sich einem Start-Up anzuschließen. Ich fand es äußerst spannend zu sehen, wie sich ihre einzelnen Stränge verbanden und welche Probleme jeder der Protagonisten so hat. Der Schreibstil war definitiv mitreißend und ich wollte unbedingt wissen, was denn nun mit dem Ting passiert und wie sie es denn nun sponsorn würden. Dementsprechend erwartete ich auch sehnsüchtig den Rest des Buches und damit dann auch die Auflösung!

  • Die verschiedenen Auswirkungen des Tings zu sehen, war echt cool!

Das Ting, also die entwickelte App, wirkte sich bei jedem, der es nutzt, anders aus und man konnte so auch verfolgen, wie unterschiedlich diese Menschen und ihre Lebenslagen sein mussten, damit sie solch unterschiedliche Empfehlungen des Ting bekamen. Es mutete schon fast wie Zauberei an, wie es dem einen wirklich regelmäßig Sport, Entwicklung, Lesen und Schlafen empfahl, anderen fast nichts und jemand anderem quasi nur in seine sozialen Interaktionen eingriff. Ich fand es sehr spannend, wie die einzelnen Charaktere sich auf das Ting und seine Empfehlungen einstellten und diese auch beurteilten.

  • Die Charaktere hatten alle einen anderen Hintergrund, der die Story mit beeinflusst hat

Jeder der vier Protagonisten kommt aus einer völlig anderen Lebenswelt, die wir auch zu Anfang des Buches gezeigt bekommen, weil sie durch die anderen Umstände sich auch aus anderen Gründen entscheiden, am Start-Up teilzunehmen. Ich fand es total faszinierend zu sehen, wie sehr sich Lebensrealitäten unterscheiden können und damit natürlich auch die Empfehlungen des Ting beeinflussen. Jeder der vier bekam im Laufe des Buches seine ganz persönliche Auflösung seiner Probleme, bei denen das Ting in der einen oder anderen Weise geholfen hatte. Und natürlich beeinflussten auch die unterschiedlichen Ziele maßgebend den Verlauf der Story und des Start-Ups, was ich sehr faszinierend geschrieben fand!

  • Die technische Seite des Ting und die ethischen Überlegungen

Der Autor meinte, dass er die technischen Aspekte in seiner Erzählung extra ein wenig zurück gehalten hat, da ihm die Menschen und die Charaktere in seiner Erzählung wichtiger waren und es um ihre Reaktionen gehen sollte. Aber natürlich gab es trotzdem einige technische Beschreibungen der App, die mich sehr interessiert haben und bei jeder angekündigten Neuerung fand ich es total cool zu bewerten, ob sie sich jetzt positiv oder negativ auf die Charaktere auswirken würde. Und natürlich wirft eine solche App auch viele Fragen auf, vor allem ethische. Diese immer wieder aufzuwerfen und für sich selbst zu beantworten hat auch irgendwie sehr Spaß gemacht.

NEGATIV

  • Das Ende hat mir einiges versaut

Ich fand das Ende höchst unbefriedigend. Ich dachte eigentlich, dass am Ende entweder eine große Eskalation mit dem Produkt entsteht, oder irgendwann die Protagonisten mal aus ihrem Traum erwachen und feststellen, dass ihr Produkt ziemlich beschissen ist. Allerdings passiert dies nie und am Ende wird einfach nur vage darauf hingedeutet, dass dieses Produkt weiter fleißig genutzt wird. Dabei hatte ich mich auf eine ausführliche Auseinandersetzung damit gefreut, was das Produkt im Leben der Menschen anrichtet und warum das nicht gut ist. Oder eben doch Vorteile bietet. Dies wird aber nie getan, die Protagonisten denken sich nur manchmal ganz kurz: Ist das überhaupt richtig, was wir hier machen? Und dann machen sie einfach ganz normal weiter. Mir hat das ganze Buch lang die Justifikation gefehlt, wieso es mich nun interessieren sollte, dass es dieses Produkt gibt, wenn seine Folgen höchstens gezeigt, aber trotzdem undiskutiert bleiben.

  • Die absolut seltsamen Sexszenen

Darüber habe ich mich schon sehr laut auf Twitter beschwert. Ich meine, ich verstehe schon, dass der Roman in einer sehr technischen Umgebung spielt und die Sprache dementsprechend auch sehr technisch und kühl ist. Allerdings entschuldigt das nicht diese Sexszenen, bei denen ich mich wirklich total gewunden habe vor Cringe. Beide waren in einem seltsamen Zusammenhang geschrieben und sollten auch nicht gut werden, für mich erfüllten sie dann allerdings absolut keinen Zusammenhang und keinen Wert für die Story.

  • Ein paar Annahmen und Verhaltensweisen waren sehr seltsam

Wenn man einen Roman über die digitale Ethik von einem neuen Produkt macht und dann erzählt, dass man das Produkt ja Google überlassen könne, weil die ja ethische Instanzen haben, um zu schauen, ob Dinge veröffentlicht werden können, dann kann ich das als Leser halt überhaupt nicht ernst nehmen. Google ist von allen Unternehmen die größte Datenkrake, die alles dafür tun würde, noch mehr Daten aus uns rauszusaugen. Ich verwette alles, dass denen die ethischen Folgen sowas von völlig egal wären. Solche Dinge oder die Verhaltenweisen von bestimmten Protagonisten waren teilweise sehr seltsam, gerade zum Ende hin und ich hatte das Gefühl, dass alles davon mir etwas sagen sollte, aber aus diesem Buch ließ sich um Himmels Willen nicht heraus lesen, was das denn sein sollte.


Fazit

So leid es mir tut, ich kann leider keine volle Empfehlung für dieses Buch aussprechen. Denn ich habe die ersten 200 Seiten absolut geliebt und kann diese mit Schreibstil, Charakteren und Plot nur absolut weiterempfehlen! Die sind wirklich sehr spannend! Allerdings ging es ab da für mich nur bergab, das Ende hat mich sehr enttäuscht und ich finde es absolut schade, was aus der Prämisse gemacht wurde, da ich mich so fühle, als würde sich nicht so wirklich Gedanken darüber gemacht werden, wie man die Geschichte gut zuende bringen kann. Ich fand einige Szenen sehr seltsam, Aussagen haben nicht mehr zusammen gepasst und ich empfand es so, als würde sehr viel Potenzial nicht ausgeschöpft.

3 von 5 Tintenklecksen

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