Ein Buch wie ein Schlag in den Magen | „Scham“ von Inés Bayard | Rezension

 Content Warning: Vergewaltigung, Suizid

Schon bevor ich dieses Buch je in die Hand nahm, wusste ich, dass man dieses Buch sehr schwer würde verdauen können. Wie man der Beschreibung und den Content Warnings schon entnehmen kann, geht es hier um eine Frau, die vergewaltigt wird und sich in ihrer Situation so eingeschnürt und eingesperrt fühlt, dass sie es nie jemandem erzählen kann. Das Trauma frisst sich durch ihr gesamtes Leben, sodass sie am Ende keine Wahl mehr hat, als es eigenständig zu beenden.

Das ist übrigens kein Spoiler. Das sind die ersten Seiten des Buches.


Bibliographische Daten

  • Autorin: Inés Bayard
  • Genre: Literatur
  • Verlag: Zsolnay
  • Übersetzerin: Theresa Benkert
  • Seitenzahl: 222 S.
  • ISBN: 978-3-552-05976-4

Kurzbeschreibung

Maries Leben ist perfekt. Sie ist jung und erfolgreich, ihr Mann ist Anwalt, jetzt wollen die beiden ein Kind. Da passiert das Unfassbare. Marie wird von ihrem Chef auf dem Heimweg brutal vergewaltigt. Und er setzt sie so unter Druck, dass sie niemandem, nicht einmal ihrem Mann, davon erzählt. Die junge französische Autorin Inès Bayard lässt in ihrem eindrucksvollen Debütroman keinen Zweifel: an dem, was geschehen ist, und daran, dass Marie keine Schuld trifft. Und doch müssen wir zusehen, wie Marie der Moment, in dem sie noch Hilfe suchen könnte, entgleitet, wie sie vom Opfer zur Täterin wird … „Scham“ ist ein emotional fesselnder Roman, ein Leseereignis, dem man sich nicht entziehen kann.


Vielen Dank an den Hanser-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

Man wird direkt in das schreckliche Geschehen geschmissen, welches sich eigentlich erst am Ende des Buches ereignen wird. Ich fand diese Entscheidung genial, war sofort sehr in der Geschichte drin und wollte sehen, wie sich auch der Schreibstil so dahin steigern kann, dass ich ‚nachvollziehen kann‘, was passiert ist. 

Der anschließende Kontrast des sorgenfreien Lebens, dass die Protagonistin führt und in welchem sie keine größeren Sorgen zu haben scheint, als welches Mittagessen sie wo zu sich nehmen soll, ist heftig und lässt eigentlich nur totale Verwirrung zurück. Man spürt aber trotz all der familiären Idylle immer wieder, dass es zu gut ist, um wahr zu sein, dass etwas schlummern muss und nicht echt sein kann.

Im Folgenden wird dann beschrieben, wie die Protagonistin Marie ihr Trauma erleidet. Und tatsächlich wird nicht umschrieben, sondern knallhart beschrieben. Man könnte es mit einem Kameramann vergleichen, der knallhart draufhält, obwohl normale Menschen sich schon längst abgewendet hätten.

Dieses Buch schockt. Marie verändert sich langsam und doch stetig. Überlegt ständig, doch irgendwem von ihren Erfahrungen zu erzählen und verliert sich dann doch in Ausflüchten, warum es jetzt gerade nicht geht, warum sie die Idylle nicht zerstören möchte, wieso sie ihre Freunde nicht verunsichern möchte.

Auch wenn der eigentliche Plot des Buches sich zuerst niemndem erschließt – wieso würde man denn niemandem von einer Vergewaltigung erzählen, gerade wenn man ein so gutes Umfeld hat – wird immer klarer, wieso Marie es von Anfang an nicht konnte, wieso ihr bisheriges Leben und ihre Erziehung es ihr nicht möglich machen, ihr heiles Leben durch das Geständnis von etwas zu zerstören, dessen Opfer sie war.

Wenn ich sage, dieses Buch ist eklig, dann meine ich, dass es mich wirklich teilweise abgestoßen hat, es zu lesen. Selbst wenn ich diese Rezension tippe, bekomme ich wieder leichte Bauchschmerzen, denn dieses Buch und sein Schreibstil lassen einen absolut nicht wieder los.

Denn in den relativ kurzen 200 Seiten dieses Buches wird Maries Leben graduell schlimmer, man merkt, wie ihre Selbstwahrnehmung sich immer weiter verschlimmert, wie sich selbst und ihr Umfeld nicht mehr leiden kann, obwohl sie vorher alles für sie waren. Wie auch die Sprache und die Charaktere immer mehr verrohen, wie ihre unterliegenden Probleme zur Schau gestellt werden und sich alles eigentlich nur daraus schließen lässt, dass niemand sich die Mühe macht, mal wirklich nachzufragen, wie es Marie geht, das alles geht unfassbar unter die Haut.

Bauchschmerzen verursachen auch die vielen Erwähnungen von absolut grauenvollen Vorstellungen von Körpern und dem, was sie so produzieren. Denn Marie lässt sich nicht nur selbst teilweise absolut verwahrlosen, sie lässt auch ihr Baby teilweise so unbeaufsichtigt, dass es erkrankt und ins Krankenhaus muss. Aber auch hier lässt sich sagen: Niemand hat sich die Mühe gemacht, wirklich aufzupassen – noch nicht einmal Maries Ehemann – denn sonst wäre doch viel früher aufgefallen, dass das Kind nicht vernünftig gebadet wird.

Das Kind, das Marie übrigens zusätzlich in den Wahnsinn treibt. Nicht nur versucht sie, ihre Vergewaltigung nicht zu erwähnen und ihr altes Leben krampfhaft aufrecht zu erhalten, sie wird auch dadurch in den Wahnsinn getrieben, dass sie glaubt, das Kind sei von der Vergewaltigung entstanden. Sie hasst es mit all ihrer Seele, kann sich aber nicht aufraffen (und wird teilweise durch mangelnde Privatsphäre auch davon abgehalten) es irgendwem zu sagen oder sich für eine Abtreibung zu entscheiden.

Während Marie immer weiter in ihren Selbsthass und in den Hass auf ihren Sohn abdriftet, bekommen wir mit, wie das Umfeld auf die neue Marie reagiert, wie auch deren Reaktionen alles nur noch schlimmer machen und sich selbst Maries letzte Vorstellung einer Verbündeten gegen sie wendet.

Es ist schlimm und gleichzeitig fesselnd, dieses Buch zu lesen, weil man nicht nur seine von Grund auf absolut unsympathische Protagonistin dauernd schütteln will, sondern auch allen anderen Charakteren zubrüllen möchte, dass sie doch einfach mal FRAGEN sollen, was los ist. Dass nicht immer nur geschwiegen und tatenlos zugeschaut wird.

Man erlebt, wie Marie sich vor sich selbst ekelt und beginnt gleichzeitig, sich ebenfalls vor Marie zu ekeln, ihr Bedürfnis nach eigener Zeit, Beschäftigen mit dem Selbst und Entfliehen der Situation, die sie immer und in jeder Sekunde begleitet aber trotzdem zu verstehen.

Das schlechte Bauchgefühl wurde während des Lesens zu einem richtigen Schmerz, der stach und der mich schmerzhaft an mein Frühstück erinnerte.

Es ist eine wahre Tragödie, die nicht nur die Abgründe des menschlichen Verstandes aufzeigt, sondern auch die Abgründe unserer Gesellschaft, die auf der einen Seite nur auf Äußerlichkeiten und das gute Bild nach außen interessiert zu sein scheint, auf der anderen Seite allerdings darauf besteht, das Innere und die privaten Persönlichkeiten fast nie zu thematisieren und damit einen Käfig der Selbstinszenierung aufmacht.


Fazit

Sollte man sich diesen harten Stoff in irgendeiner Weise nicht zutrauen, würde ich stark von diesem Buch abraten. Ist man sich aber halbwegs sicher, dieses Buch aushalten zu können, wird man einen wahren Schatz wieder finden, der wehtut, sich in die Eingeweide gräbt und den ich absolut nie wieder lesen möchte.

5 von 5 Tintenkleckse

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