„Long Way Down“ | Schwarze Poesie von Jason Reynolds

Jason Reynolds ist leider hierzulande nicht so bekannt, wie er es in Amerika ist, allerdings ist das Rassismusthema dort sehr viel prävalenter als es in Deutschland der Fall ist. Mit „Long Way Down“ hat dieser das erste Mal einen Roman präsentiert, der sich ausschließlich in Gedichten abspielt und ich finde, dass es sein bisher bestes Buch ist.

Lest meine Rezension, um zu erfahren, wieso:


Bibliographische Daten

  • Autor: Jason Reynolds
  • Genre: Jugendbuch, Poesie
  • Verlag: dtv Reihe Hanser
  • Übersetzerin: Petra Bös
  • Seitenzahl: 314 S.
  • ISBN: 978-3-423-65031-1

Kurzbeschreibung

Wills Bruder ist tot. Er wurde erschossen. Will fühlt eine Trauer, die er nicht in Worte fassen kann. Aber er kann DIE REGELN befolgen:

NR. 1: WEINEN

Tu’s nicht. Egal was passiert.

NR. 2: JEMANDEN VERPFEIFEN

Tu’s nicht. Egal was passiert.

NR. 3: RACHE

Finde den, der getötet hat. Und töte ihn.


Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

POSITIV

  • Das. Ganze. Buch. Ist. In. Versen. Geschrieben.

Wer mich auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass ich es liebe, wenn Bücher in Versen geschrieben sind. Egal, ob es nun zusammenhängende Romankonzepte sind oder einfach nur Sammlungen an Gedichten, eigentlich sauge ich alles davon auf wie ein Schwamm! Und natürlich ging es mir bei diesem Buch absolut nicht anders, denn Jason Reynolds entschied sich, den Konflikt des schwarzen Teenagers Will nicht nur in einem symbolischen Fahrstuhl stattfinden zu lassen, sondern gleichzeitig auch alles in kurzen abgehackten Gedichten geschehen zu lassen, was das Geschehen nur umso besser betonte.

Natürlich sind Gedichte in Büchern nicht immer perfekt, allerdings finde ich alleine den Ansatz und die glorreiche Umsetzung einer wichtigen Erwähnung durchaus würdig!

  • Die Erklärung der emotionalen Negativspirale innerhalb einer schwarzen Community

Als Weißer kann man immer nur einen Augenblick von dem wahrnehmen, was in schwarzen Communities und vor allem in armen schwarzen Communities so vor sich geht. Jason Reynolds macht allerdings hier genau das und zeigt, wie durch drei simple Regeln die Mentalität in solchen Strukturen nicht nur entsteht, sondern sich festigt. Wenn keine anderen Möglichkeiten erreichbar scheinen, wenn alle, die man kennt, sich schon ewig an diese Regeln zu halten scheinen und man nur durch altbewährte Methoden zum Erfolg zu gelangen scheint. Der „Long Way Down“ erreicht genau das und spiegelt mit der Fahrt nach unten auch immer weiter wider, wie sehr man sich in dieser Negativspirale verhängen kann, selbst wenn man eigentlich nie etwas damit zu tun haben wollte, selbst, wenn man dachte, immer beschützt zu sein.

Gerade da könnte das Buch den Leuten helfen, die nicht verstehen können oder wollen, dass es eben nicht immer nur die eigene Entscheidung ist, ob man gewalttätig wird, wie unterschiedliche soziale Einflüsse eine riesige Gewalt auf das Individuum haben und wie den meisten das stetige Sinken in gewisse Denkmuster nicht auffällt.

  • Das Konzept des Fahrstuhls und der einsteigenden Charaktere

Um das Konzept dieses Buches kurz zu erklären: Will steigt in den Fahrstuhl nach unten, um nach dem Killer seines verstorbenen Bruders zu suchen und diesen ebenfalls zu töten. So verlangen es die Regeln. Allerdings hält der Fahrstuhl in jeder Etage einmal und lässt einen anderen Gast einsteigen, der in Wills oder der Geschichte seines Bruders eine wichtige Rolle gespielt hat.

Alle bringen ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit ein und obwohl nicht mit der Wir-haben-Erfahrung-und-erzählen-dir-was-Junge-Keule um sich geschlagen wird, erfährt Will immer mehr Aspekte dieser Art von Gewalt, wird sich immer mehr Dingen bewusst und erlebt eine ganze Palette an Gefühlen, die ihn sein Vorhaben in ganz anderem Licht sehen lassen.

Dieses Konzept hat mir unendlich gut gefallen, denn symbolisch wird der Aufzug und damit die Entscheidung immer schwerer, das Buch wird durch die Zustiege der Charaktere in gute und thematisch getrennte Abschnitte eingeteilt und die Emotionen, de Will durchstehen muss, sind teilweise herzbrecherisch.

  • Das offene Ende

Ohne Spoilern zu wollen, kann ich sagen, dass mich das Ende an diesem Buch vielleicht am meisten fasziniert hat. Denn dieses Buch, was passenderweise „Long Way Down“ heißt, beschreibt genau dies: Den langen Weg nach unten. Den langen Weg mit dem Fahrstuhl und in die psychischen und gesellschaftlichen Abgründe, die sich dank Wills Vorhaben auftun.

Und endet dann genau, wenn diese Fahrt vorbei ist. Der*Die Leser*in wird nie die Welt außerhalb dieses seltsamen Fahrstuhls kennenlernen. Nie erkennen oder sehen, wie sich diese Abgründe schließen oder noch weiter verschlimmern könnten. Und es ist auf eine Weise genial, dass es mir kalt den Rücken runter läuft.

Den*Die Leser*in nur sehen zu lassen, was für das Verständnis dieser Community und der Entscheidung des Protagonisten wichtig ist, ist unfassbar mutig und verdient alleine deshalb vollsten Respekt.

  • Dieses Buch packt dich auf eine sehr spezielle Art und Weise und lässt dich nicht mehr los

Ich kann nicht oft genug erwähnen, wie besonders ich dieses Buch finde. Ich liebe es, wenn man darüber liest und wenn man darüber Geschichten hört, Statistiken gezeigt bekommt, wie anders das Leben für schwarze Jugendliche sein kann. Jason Reynolds hat es schon immer geschafft, genau dieses Mindset zu durchdringen und so fabelhaft in seine Bücher einzuarbeiten, dass sogar Weiße einigermaßen verstehen, was er sagen will und es Kindern, die wirklich mit Gangs und Gewalt zu kämpfen haben, nicht nur einen anderen Weg aufzeigt, sondern endlich Charaktere gibt, mit denen sie sich identifizieren können.

Dabei lässt einen die Intensität und die Sprachgewalt dieses Buches nicht mehr los. Es ist kurz und haut gerne mit der literarischen Keule auf den*die Leser*in, allerdings an anderen Stellen genauso weich, sanft und gefühlvoll, was fast ein größerer Schock in dieser von realen Emotionen befreiten Welt von Ganggewalt.

NEGATIV

  • Teilweise konnte ich mich nicht die ganze Zeit mit den Charakteren identifizieren

Aber das muss ja auch nicht immer sein. Vielleicht war mir auch die Poesie teilweise zu schroff, zu roh. Aber genau davon lebt dieses Buch. Die Personen sind keine Sympathieträger, sie wurden durch das unfassbar schlechte System dort hingebracht, wo sie sind und können sich dem durch fast nichts erwehren. Mir als einer priviligierten weißen Cis-Frau fällt es dann natürlich schwer, mich mit den Problemen schwarzer Jugendlicher aus Ghettos in Amerika zu identifizieren. Wichtig ist dabei aber, dass dieses Buch nicht für mich gemacht wurde. Sondern für eben jene schwarzen Jugendlichen. Und genau diese sollen sich darin wiederfinden.


Fazit

„Long Way Down“ ist alles und noch viel mehr von dem, was ich mir erhofft hatte. Es ist poetisch, es ist hart, es ist unwiderstehlich schön und in seinen menschlichen Abgründen doch abscheulich. Es zeigt nicht nur den inneren Konflikt eines schwarzen Teenagers, sondern den einer ganzen Gemeinschaft, den Konflikt von Gewalt, die sich immer weiter fortsetzt und kein Ende zu haben scheint. Durch die verschiedenen Geister und die eindringlichen Verse wird die einengende Atmosphäre des Fahrstuhls und der gesellschaftlichen Situation kristallklar eingefangen. Ein unfassbare Empfehlung!

4,5 von 5 Tintenkleckse

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