„Miroloi“ von Karen Köhler | Rezension

Zum ersten Mal rezensiere ich auf diesem Blog ein Buch, was für den deutschen Buchpreis nominiert ist. Und „Miroloi“ hat bisher im Feuilleton eigentlich fast nur abgehobene und den Feminismus im Buch prophylaktisch beleidigende Besprechungen erhalten, denen ich hier eine feministische Rezension entgegensetzen möchte. Und ab geht’s!


Bibliographische Daten

  • Autorin: Karen Köhler
  • Genre: Literatur, Feminismus
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 464 S.
  • ISBN: 978 3446261716

Kurzbeschreibung

Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Voller Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit. Eine Geschichte, die an jedem Ort und zu jeder Zeit spielen könnte; ein Roman, in dem jedes Detail leuchtet und brennt.


Vielen Dank an den Hanser-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

POSITIV

  • Die Entwicklung der Protagonistin

Die in diesem Roman großteils namenlose Protagonistin ist eine Wucht. Den ganzen Roman hindurch. Sie erträgt so vieles, dass die Dorfbewohner ihr auftragen, ohne zu murren und denkt, so müsse die Welt laufen. Sie wird beschimpft, ausgegrenzt, verstümmelt, zu Arbeit gezwungen und kann nicht über ihren Horizont hinaus denken, denn sie hat nie etwas anderes kennengelernt.

Doch dann zeigen ihr andere Frauen den kleinsten Respekt, den man erweisen kann, sie lernt Dinge, die sie nicht lernen dürfte. Sie fängt an zu lesen. Und man merkt, wie sich ihre Welt erweitert. Wie sie Dinge anders sieht, wie sie die Liebe entdeckt, die sie nie für möglich gehalten hätte. Sie fängt an, zu hinterfragen, wieso sie namenlos ist. Sie hinterfragt die patriarchalen Strukturen der Gesellschaft, ohne ihnen entkommen zu können. Sie gibt sich einen Namen. Und erkennt ihren eigenen Wert.

Ich liebe es, dass mit der Entwicklung der Protagonistin die Sprache des Romans komplexer wird, die Welt weiter wird, mehr Gedanken aufkommen, die vorher nicht möglich gewesen wären. Die Strophen (denn das Miroloi ist das Totenlied eines Menschen, dass in Strophen, nicht in Kapiteln gesungen wird) werden komplexer, länger und gehen dabei immer mehr in die Struktur und die Missstände dieser Gesellschaft ein.

  • Die Gesellschaft auf der Insel

Diese Gesellschaft ist der Inbegriff von Patriarchat. Die Männer dürfen lesen und ein wenig schreiben lernen, die Frauen nur, wie sie den Haushalt führen. Die Männer alleine dürfen in Versammlungen etwas sagen, die Stimme erheben und abstimmen. Der Priester ist ein Mann, der auf die gottgegebene Ordnung zwischen Mann und Frau pocht. Ebenfalls gibt es einen Männerrat, der manchmal kleinere Vergehen bestraft. In dieser Welt haben Frauen nichts zu sagen, sie können sich nirgends vor der Gewalt, der Missgunst und der Macht ihrer Männer verstecken. Hier gibt es keine sexuelle Aufklärung, keine Bildung und selbst wenn ein fahrender Händler mit Elektronik auf die Insel kommt, wird diese von den Männern abgelehnt, weil es neu ist. Wichtige Hygiene wird abgelehnt, weil man bisher auch immer ohne diese klarkam.

Natürllich finde ich diese Gesellschaft nicht gut. Ich finde sie schrecklich. Aber es zeigt sehr gut, wie gewisse Strukturen sich exakt so in unsere Gesellschaft übersetzt haben, wovon wir verwässerte Versionen immer noch haben. Denn unsere Gesellschaft war einst genau diese Gesellschaft. In all ihren ekligen Facetten. Und für diese Beleuchtung bin ich Karen Köhler sehr dankbar.

  • Das Ende

Damit meine ich vor allem, wie sehr dieser Roman in seiner Gänze auf sein Ende hinarbeitet. Von Anfang an liegt in der Luft, dass dieser Roman kein Happy End haben wird. Dieser Roman ist im wahrsten Sinne dreckig und absolut verzweifelnd. Nachdem die Protagonistin jede Form der Gewalt und des Missbrauchs erlebt hat, die in einer patriarchalen Gesellschaft möglich sind und ihr kein anderer Ausweg mehr bleibt, versucht sie hinaus in die Welt zu fliehen. Aber in ihrer Welt gibt es keinen Ausweg, niemanden, der bereit ist, über die Strukturen hinaus zu denken und zu fühlen. Allein deshalb kann nur sie ihr eigenes Todeslied singen.

Eine sehr gute und kraftvolle Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen, Veränderungen und der Kraft und des Risikos, das es braucht, sich diesen entgegen zu setzen.

  • Die Realisationen und Weltsicht in einer ganz anderen Welt

Einer der schönsten Aspekte dieses Buches ist wohl, wie die Protagonistin ganz alleine ein feministisches Erwachen und eine Realisation ihrer Selbst erfährt. Sie lernt, dass sie fähig ist, zu lieben. Zu lesen. Einen Beitrag zu leisten. Einen Namen zu bekommen und sich ihrer Selbst damit gewahr zu werden. Geliebt zu werden. Stück für Stück nicht nur ihre eigene Welt, sondern auch ein Stück der äußeren Welt zu entdecken und zu sehen, dass nicht alles, was ihr beigebracht wurde, der Wahrheit entspricht. Zu sehen, dass sie angelogen wird. Dass für die Bewohner der Insel die Realität einfach und unterdrückend gehalten wird, um den Lauf der Dinge aufrecht zu erhalten. Zu sehen, wie den Frauen immer mehr Rechte und Freiheiten entzogen werden.

Alls das lässt die Protagonistin nicht nur Fragen stellen, sondern wütend werden. So schmerzhaft wütend, dass sie etwas unternehmen muss. Und sei es nur der simple Akt des Widerstandes. Der für sie immer größer wird, ehe man sie nicht mehr stoppen kann.

  • Die Beschreibung der Ausgrenzung

Wer in seinem Leben schon einmal von Gruppen, Veranstaltungen oder auch einzelnen Personen ausgegrenzt wurde, wird sich in diesem Roman besonders wiederfinden.

Denn die Protagonistin wird nicht nur im Kindesalter verstümmelt, sie wird von jedem in dem Dorf gehänselt, gemobbt, verflucht und ausgenutzt. Sie ist nicht viel mehr wert als ein Tier, da sie keinen Namen hat. Sie erledigt wie eine Magd den Großteil der Arbeit des Pastors, wird von diesem aber trotzdem klein gehalten. Sie ist allein. Sie hat ein paar Frauen, die hinter allen anderen doch mit ihr kommunizieren, alle anderen halten ihre Anwesenheit für pures Unglück.

Die Protagonistin geht damit zu Anfang noch so damit um, als wäre das alles normal, kein Problem und dies einfach ein Zustand, der für sie speziell ist, da niemand weiß, woher sie kommt. Allerdings entwickelt sie mit der Zeit ein Gefühl dafür, was

NEGATIV

  • Gerade am Anfang fand ich ein paar Kapitel überflüssig oder redundant

Am Anfang der Geschichte merkt man klar, dass die Protagonistin nur einen sehr begrenzten Horizont hat. Beispielsweise in der Strophe, in der sie alle Wörter sagt, die sie kennt. Sie ist nicht besonders lang. Allerdings auch schnell langweilig. Ein gutes Konzept, für den Leser allerdings ein wenig anstrengend. Und genau das zieht sich leider am Anfang durch ein paar Kapitel, sodass dies mich in den ersten hundert Seiten auch ein wenig verunsichert hat. Dies hat sich aber immer mehr gelegt, je mehr die Protagonistin über den Tellerrand gesehen hat.

  • Der Schreibstil sagte mir an manchen Stellen nicht zu

Und natürlich das gute (aber auch alte Argument), dass mir der Schreibstil an manchen Stellen zu flach war. Oder mich aus der Szene rauswarf. Oder verwirrend war. Wobei ich mich bei den meisten Szenen dem Eindruck nicht erwähnen kann, dass genau dies die Intention war. Denn die Protagonistin spricht von sich selbst, sie beschreibt ihre Eindrücke und denen kann man halt nicht immer folgen, es überschlagen sich Gedanken oder Erinnerungen sind verfälscht. In vielen Fällen hätte der Schreibstil in seiner Einfachheit einfach ein bisschen raffinierter sein können, dann hätte ich dort auch nichts auszusetzen gehabt.


Fazit

„Miroloi“ ist ein wunderbares Buch. Es ist feministische Literatur. Und wenn wir irgendwas in der Buchbranche brauchen, dann genau das. Ich kann die Rezensionen des Feuilleton in keiner Weise nachvollziehen und habe zwar einige kleine Kritikpunkte, an sich ist dies aber ein verzweifelter Roman über das Patriarchat, die Unmöglichkeit der Überwindung von ebendiesem und die Verzweiflung einer einzelnen Stimme inmitten eines Meeres. Ich hoffe, dass viele diesem Roman die Chance geben, die er verdient.

4 von 5 Tintenkleckse

2 Comments

  1. Liebe Anna,
    bei mir erscheint nächste Woche auch die erste Rezension zu einem dbp-Buch 😀 Allerdings zu „Vater unser“ und das hat mir leider nicht so gut gefallen. Umso neugieriger war ich auf deine Meinung zu „Miroloi“, das ja entweder total hoch gelobt oder zerrissen wird.
    Deinen ersten negativen Punkt ist, finde ich, eigentlich ein ganz tolles Stilmittel. Aber häufig ist der Gedanke dahinter besser als es letztendlich dann auf den Leser wirkt. Wirklich schade.

    Ich hatte neulich eine Besprechung gelesen, in der angeprangert wurde, dass das Szenario von Miroloi sehr unrealistisch sei. Also ein Volk abgeschieden auf einer Insel, in dem nur die Männer das sagen haben. Aber wie du sagst, hat unsere Gesellschaft ja auch irgendwie so angefangen und ich musste auch an die Urvölker denken, die total abgeschieden sind, teilweise nicht wissen, dass es noch andere Menschen auf der Welt gibt und auch ihre ganz eigene Gesellschaft gebildet haben. Ich finde das jedenfalls total realistisch.

    Danke für deine Rezension! Das Buch wandert direkt mal auf meine Wunschliste.
    Liebste Grüße, Kate

    • Liebe Kate, ganz im Gegenteil, ich muss mich für deinen Kommentar bedanken! Vielen lieben Dank und viele liebe Grüße
      Anna

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