„1000 Serpentinen Angst“ von Olivia Wenzel | Rezension

 Ein Buch über Depressionen, das irgendwie auch alle Probleme hat, die Bücher über Depression an sich haben. Gleichzeitig aber auch poetisch, wunderschön und sehr ekelhaft. Eine Geschichte über eine schwarze Frau in Deutschland, die in der DDR aufgewachsen ist und quasi überall auf der Welt unterwegs ist. Die das Schicksal ihres kleinen Bruders mit sich herum trägt und ihn nicht vergessen kann. Die aber auch ihre Wurzeln nicht vergessen will und nicht wirklich weiß, wo sie hingehört. Eine ergreifende Geschichte, die trotzdem langweilig sein kann.


Bibliographische Daten

  • Autorin: Olivia Wenzel
  • Genre: Roman, Autofiktion
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 348 S.
  • ISBN: 978-3-10-397406-5

Kurzbeschreibung

 „Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann. Am Tag der Bundestagswahl versuche ich ihr mit dieser Behauptung 20 Minuten lang auszureden, eine rechte Partei zu wählen.“

Herzergreifend, vielstimmig und mit Humor schreibt Olivia Wenzel über Herkunft und Verlust, über Lebensfreude und Einsamkeit, über Liebe und Angst. Und erzählt von einer jungen, in der DDR geborenen, schwarzen Frau, die in Berlin und New York, in Vietnam und Marokko Momente des Glücks erlebt und dabei gleichzeitig immer wieder mit den Krisen der Gegenwart und der tragischen Geschichte ihrer Familie konfrontiert wird.


Vielen Dank an den S. Fischer-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

Dieses Buch bedient eine Menge an Themen, die dieses Buch so durchströmen und die Protagonistin so definieren, dass sie schwer auseinander zu klamüsern sind. Aber ich versuche es doch einmal, weil ich dieses Buch ansonsten einfach nicht bewerten kann:

Poesie

Dieses Buch steckt voller versteckter Poesie, die das Buch beginnt und schließt und es auch noch verdammt gut tut. Nicht jede Metapher soll verstanden werden, es geht eher um das Gesamtbild, was die Selbstbeschreibung als alter Kaugummiautomat auslöst und wie es in das Leben der Protagonistin passt. Ich finde es wunderbar gelöst, auch wenn nicht alles mir immer schlüssig schien.

Depressionen

Das meinte ich in meiner Einleitung. Bücher über Depressionen haben das Problem, dass sie ein Thema innehaben, dass davon lebt und zerrt, dass es einem schleichend immer schlimmer geht, dass man die Krankheit eigentlich nur in ihrer schlimmsten Auswirkung in unserer kapitalistischen Gesellschaft wirklich ernst nimmt. Und leider hat diese Krankheit keinen Spannungsbogen, den man fundamental ausnutzen könnte. Und diese Krankheit kann meiner Meinung nach auch nicht nachvollziehbar gemacht werden, wenn sie nicht in ihren schlimmsten Auswirkungen gezeigt wird. Und das ist irgendwie schade, denn diese Krankheit verdient Aufmerksamkeit und mehr Leute, die sie ernst nehmen. Aber auf der anderen Seite ist es schon repetitiv und für ein Buch vielleicht nicht die beste Form der Darstellung.

Der Tod des Bruders

Der Bruder der Protagonistin nimmt vor allem in ihrer Poesie eine riesige Rolle ein, taucht immer wieder auf und immer wieder gibt es Rückblenden, die zeigen, wie sie mit dem Tod ihres Bruders umgehen kann und eben nicht kann, wie sie sich ihn an ihre Seite wünscht und wie sie sich sein jetziges Leben vorstellt. In all dem ist ihr Bruder immer unfassbar präsent, sein Schicksal unteilbar mit ihrem verwoben und nicht mehr zu lösen. Ich fand diese Passagen am spannendsten, weil sie mir einen genauen Einblick in die Dinge gegeben haben, die der Protagonistin wichtig sind.

Die Familie

Die Familiengeschichte der Protagonistin ist wirklich erstaunlich. Wie ihre Großmutter, die immer noch im Osten Deutschlands lebt, sich nicht vorstellen kann, dass ihre Enkel mit anderer Hautfarbe anders behandelt werden könnten, als sie es je wurde. Wie eine Schwarze ihrer eigenen Großmutter erklären muss, dass die AfD sie am liebsten tot sehen würde oder sie zumindest aus dem Land verweisen würden, obwohl sie noch nie woanders gelebt hat als in Deutschland und hier geboren wurde. Wie die Familie an dem Tod des Bruders zerbrach und mittlerweile keine richtige Familie mehr ist, sondern nur eine Ansammlung an Menschen, die durch vage Telefonanrufe zusammengehalten wird. Der Vater, der in Afrika wohnt und sich absolut nicht um seine Tochter zu kümmern scheint, auch wenn sie ihn und seine neue Familie einmal besuchen kommt. Die Mutter, die sich ganz von ihr abgewandt zu haben scheint. Ein so kompliziertes Verhältnis zur Familie ist schwierig darzustellen und obwohl es meist gelingt, sind die Dinge manchmal hölzern, nicht verständlich oder einfach nur zu spezifisch, um für jeden Leser verständlich zu sein.

Sexualität

Obwohl Sexualität in diesem Buch keine große Rolle spielt, ist es doch ein weiterer Punkt, an dem die Protagonistin mit sich selbst zu kämpfen hat und sich durch die Liebeswirrungen ihres Lebens navigieren muss. Es wird kein großes Aufheben um die Partner der Protagonistin gemacht, aber in diesen Passagen wird schnell deutlich, dass Diskriminierung auch auf dieser Ebene stattfindet und einen weiteren Part zur Identität der Protagonistin bereitstellt. Dies macht sie vielschichtiger, aber war mir dann doch ein zu kleiner Nebenplot mit faszinierendem und doch verwirrendem Inhalt.

Rassismus

Rassismus spielt in diesem Buch – und hier muss man leider „natürlich“ sagen – auch eine Rolle. Die Protagonistin ist Schwarz und lebt im heutigen Deutschland, in dem viele Rassismus leugnen und Rassisten dadurch nur stärker machen. Es sind kleine Vorfälle oder große Ereignisse, die für die meisten Weißen unvorstellbar sind und dementsprechend schockieren, für die Protagonistin aber einfacher Alltag. Und dies lässt sie die weißen Leser auch – zurecht- spüren. Diesen Teil des Buches mochte ich sehr gerne und habe ihn gerne gelesen.

Reisen

Die Protagonistin reist in diesem Buch auch ziemlich viel. Ich kann nicht nachvollziehen von welchem Geld oder warum diese Reisen stattfinden und das hat es mir irgendwie ein wenig verdorben, denn sie schienen nur in die Geschichte gestreut zu sein, um den Plot ein wenig nach vorne zu bringen, taten dies meist aber nicht.


Fazit

Ich weiß auch jetzt, wo ich eine Rezension über dieses Buch schreibe, immer noch nicht ganz, was dieses Buch eigentlich war und was es sein wollte. Es wirkt wie eine wilde Mischung aus Heimat-, Reise- und Traumaroman, gemischt mit Poesie und einem Hauch von Stream of Consciousness mit dem schlimmsten Feind im Kopf. Ich finde dieses Buch wunderbar und gleichzeitig stellenweise schrecklich langweilig, teilweise wirklich aussagekräftig, dann aber ohne Ziel hinter den Zeilen. Aber die intensive Erfahrung dieses Buches lohnt sich auf jeden Fall!

4 von 5 Tintenkleckse

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