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Rezension: „Du wolltest es doch“ von Louise O’Neill

Ein Buch, welches viel Aufsehen auf Twitter erregen konnte, immer wieder in die Diskussion rückt und sich in die aktuelle #metoo-Debatte sehr gut einfügt.

Deshalb sei es hier schon erwähnt: Für diese gesamte Rezension gilt

CN: VERGEWALTIGUNG, SEXUELLE GEWALT

In diesem Buch geht es um Emma. Die beliebte Emma mit den perfekten Kleidern, die super aussieht, mit den perfekten Freundinnen und immer wieder einem One Night Stand. Aber eines nachts auf einer Party trinkt Emma viel, sie nimmt Drogen und zerrt Paul ins Schlafzimmer, doch danach kann sie sich an nichts erinnern. Doch am nächsten Tag weiß plötzlich die gesamte Schule von dem, was in der Nacht passiert ist…

Außerdem möchte ich eine fette SPOILERWARNUNG aussprechen, denn manche Dinge werde ich rigoros spoilern, um meine Punkte zu verdeutlichen.


Bibliographische Daten

  • Autor: Louise O’Neill
  • Genre: Roman, Jugendbuch
  • Verlag: Carlsen
  • Seitenzahl: 357 S.

Kurzbeschreibung

Emma ist hübsch und beliebt, die Jungs reißen sich um sie. Und sie genießt es, versucht, immer im Mittelpunkt zu stehen: Das Mädchen, das jeden herumkriegt.

Bis sie nach einer Party zerschlagen und mit zerrissenem Kleid vor ihrem Haus aufwacht. Klar, sie ist mit Paul ins Schlafzimmer gegangen. Hat Pillen eingeworfen. Die anderen Jungs kamen hinterher. Aber dann? Sie erinnert sich nicht, aber die gesamte Schule weiß es. Sie haben die Fotos gesehen.

Ist Emma wirklich selber schuld? Was hat sie erwartet – Emma, die Schlampe in dem ultrakurzen Kleid?


Vielen Dank an den Carlsen Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplares!


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Eigene Meinung

Ich möchte für diese Rezension gern mein Format ein wenig abändern und einfach frei schreiben, was an diesem Buch so eindrucksvoll, aber auch komisch war. Nicht in Kategorien und Stichpunkten, sondern so, wie es sich gerade ergibt.

Dieses Buch befasst sich mit Vergewaltigung. Mit einer sehr schlimmen Vergewaltigung. Und obwohl Emma sich gar nicht an den eigentlichen Vorgang erinnern kann, erschüttert es ihr Leben, ihre Psyche, alles um sie herum.

Ich, als jemand, der nie solche Erfahrungen gemacht hat, wohl aber auch schon mit sexueller Belästigung konfrontiert wurde und außerdem nur eine Person im Freundeskreis hat, die eine solche Erfahrung machen musste, bin nicht nah an diesem Thema. Ich kann also die Akkuratheit solcher Schilderungen nicht nachvollziehen und sollte ich an einer Stelle zu unsensibel sein und etwas nicht verstanden haben, freue ich mich sehr über Rückmeldungen dahingehend.

Also lasst uns über Emma sprechen: Emma ist richtig scheiße. Wirklich, so richtig und heftig unsympathisch. Sie kümmert sich nur um ihr Aussehen, ist nur nett zu ihren Freundinnen, weil sie halt beliebt sind und Geld haben, erkauft sich durch teure Klamotten und tolles Aussehen Freunde und Verehrer und sonnt sich regelmäßig darin, von allen Jungs umschwärmt zu werden, selbst von den Schwärmen ihrer Freundinnen. Sie ist egozentrisch, asozial, einfach nur arrogant und in keinster Weise jemand, mit dem ich irgendwie zu tun haben wollte.

Was mich dazu bringt, wie sie so geworden ist: Ihre Eltern. Denn nicht nur durch eine Gesellschaft, die Mädchen zwar vorschreibt, dass sie jederzeit für Sex bereit sein sollen, aber trotzdem bitte niemals Sex haben dürfen, sexy aussehen dürfen, aber sich nicht wie „Schlampen“ benehmen dürfen, immer freundlich zu sein, aber gleichzeitig auch versaut und regelmäßig trinken und Drogen nehmen sollen, während sie doch bitte Bestnoten zu schreiben haben und immer alle Regeln zu befolgen haben, hat Emma geformt, sondern auch die Erziehung ihrer Eltern. Die einzige Form von Liebe, die Emma bekommt, ist in Form ihrer Mutter, wenn diese ihr sagt, wie schön sie aussieht. Die Liebe ihrer Eltern kennt Emma nur in Augenblicken, in denen ihre Mutter sich unfassbar schön für ihren Ehemann machte. Der Vater ist schrecklich unpräsent in ihrem Leben und zieht sich regelmäßig aus der Verantwortung, seine Tochter zu erziehen.

Hinzu kommen emotionale Erpressung, eine Gedankenwelt, die einfach nicht zulässt, dass es einem auch mal schlecht gehen kann und das Klammern an gesellschaftliche Anerkennung in diesem kleinen Küstenort in Irland. Dadurch kann sich Emma auch ein Jahr nach dem Ereignis nicht anders benehmen, ihre Eltern befinden sich in einem konstanten „state of denial“ und über keine der relevanten Themen wird in diesem Haushalt offen und ehrlich gesprochen. Auch, dass ihre Eltern lieber die Anklage fallen lassen  und wollen, dass alles wieder so zugeht wie davor, obwohl dies klar niemals möglich sein wird, sind Zeichen für eine Familie, die längst nicht mehr funktioniert. Und nur, damit wir das geklärt haben: Ich würde beide Eltern sowas von runterputzen, würde ich diesen Verantwortungsverweigerern jemals begegnen.

Dass Emma so unsympathisch dargestellt wird, ist natürlich Absicht. Es soll gezeigt werden, dass nicht jedes Vergewaltigungsopfer das nette Mädchen von nebenan ist und einzig und allein ein liebenswertes, armes Ding. Sie können richtige Arschlöcher sein. Verdient hat dieses Schicksal trotzdem niemand.

Jetzt kommen wir allerdings zu dem, was mich an diesem Buch gestört hat: Der Buchteil.

Ja, das Buch konnte Emotionen bei mir ecken, auch wenn es schlechte waren. Allerdings schimmerte immer wieder auch durch, dass dieses Buch sich für mich einfach nicht richtig angefühlt hat.

Hier ein paar Punkte, die mich einfach nur gestört haben:

  1. Die Charaktere. Sie waren nicht echt. Außerhalb dieses absoluten Abschaums an Familie fühlte sich alles nicht richtig an. Die Teenager waren zu überdreht, wir lernten 10 Personen auf zwei Seiten kennen und sollten diese auf einmal einfach so auseinander halten können. Dies ging so weit, dass ich auf den letzten 30 Seiten noch entdeckte, dass ich mir jemanden komplett falsch gemerkt hatte. Außerdem wirkten selbst ihre Freundinnen nicht wie „echte“ Menschen, sondern nur wie Dinge, die den Plot voranbringen sollten.
  2. Die Struktur. Dieses Buch ist in zwei Teile unterteilt. Einmal die Tage direkt vor und nach der Vergewaltigung und ein Sprung zu einem Jahr danach. Dieser Sprung war für mich so. unfassbar. schlecht. gemacht. Denn wir verpassen alle wichtigen Dinge und Konfliktpotenziale, die sich in der Zeit angestaut und aufgelöst haben. Emma verlässt die Schule. Sie geht zur Therapie. Sie erstattet Anzeige auf Drängen ihres Bruders, der aber im gesamten restlichen Buch absolut keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen hat, also warum hier auf einmal? Sie verliert Kontakt zu allen, sie geht nicht mehr raus, sie zieht sich in sich selbst zurück. Das alles wurde einfach gestrichen. ALLES. Das kriegen wir höchstens in sehr sehr kleinen Rückblicken mit und es wurde so viel verschwendet, was man wenigstens hätte ansprechen können. So sehen wir zwar, dass Emma absolut nicht mehr dieselbe Person ist, aber dieser Prozess bleibt uns unverständlich.
  3. Emmas Therapie. Sie bringt nichts. Gar nichts. Sie sitzt bei ihrer Therapeutin, bringt ihr gegenüber kein ehrliches Wort heraus und insgesamt wird Therapie als etwas komplett Nutzloses porträtiert. Ich kann verstehen, dass Therapien nicht funktionieren, wenn man sich nicht öffnet und über die Probleme spricht, aber so wird jeglicher Versuch einer Therapie irgendwie in ein schlechtes Licht gestellt und diesen Ansatz kann und will ich nicht verstehen oder rechtfertigen.
  4. Emmas Umgang mit den Nachrichten über sie. Emma geht irgendwie sehr seltsam mit den Nachrichten über sie um, denn ihr Fall ist so außergewöhnlich, dass ausländische Medien über ihren Fall berichten, ein eigener Hashtag entsteht und alles medial ausgeschlachtet wird. Eigentlich soll Emma nichts von diesen Dingen sehen. Sie hält sich auch von großen medialen Dingen fern. Aber die Facebook-Accounts ihrer ehemaligen Freunde guckt sie regelmäßig an. Sie ergötzt sich an ihren Bildern von Feiern und Aktionen für ihre Vergewaltiger und kann sich davon nicht losreißen. Und wer einmal auf Twitter unterwegs war, kann sehr nachvollziehen, dass auch Nachrichten an oder über einen einen ähnlichen Sog entwickeln. Ich will natürlich nicht sagen, dass ihr Umgang mit sozialen und normalen Medien nicht richtig ist, vielleicht ist das nun mal ihre Art. Aber als jemand, der viel Zeit im Internet verbringt, kann ich dieses Verhalten nicht gut nachvollziehen.
  5. Das Ende. Ja, ich finde das Ende zum Kotzen. Zum einen wegen Emmas Entscheidung, wegen ihres Einknickens vor den unrealistischen Erwartungen ihrer Familie, wegen der gesamten Ungerechtigkeit, die hier porträtiert wird. Ich weiß, es ist realistisch. Dies passiert zu vielen Menschen zu oft und ist schreckliche Realität. ABER aus einem Betrachtungswinkel eines Buches heraus: Keine aufgelösten Konfliktpotenziale, die E-Mails ihres Kindergartenfreundes werden nie wirklich zum Thema, ihr Bruder weiß davon noch nichts, sie hat keinerlei aktive Charakterentwicklung und das Ende fühlte sich einfach nur an, als hätte jemand irgendwo ein Stück der Geschichte abgeschnitten. Ich weiß, dass offene Enden bei so einem Buch große Wirkung haben können. Bei mir ließen sie aber höchstens Wut zurück. Zum einen auf die große Ungerechtigkeit, die Emma widerfährt, aber auch auf das Buch, dass mit ein paar Änderungen noch so viel eindrucksvoller hätte sein können. Und ich war trotzdem seltsam unbeeindruckt von diesem Ende. Was für mich ein Hinweis darauf war, dass die Geschichte an sich unglaublich interessant war, aber aus meiner Sicht nur mäßig umgesetzt wurde.

Fazit

Ich möchte bei diesem Buch bewusst auf eine von mir typische Wertung verzichten, denn für mich würde keine Bewertung diesem Buch gerecht werden.

Dieses Buch würde ich breit gefächert empfehlen. Es zeigt eindrücklich, die Vergewaltigung sich auf das Leben einer jungen Frau auswirken kann, wie Rechtssysteme versagen können, wie Victim und Slut Shaming sich in unserer Gesellschaft manifestieren können.

Gerade in aktuellen Debatten kann dieser emotionale Ansatzpunkt, bei dem ein Fall konkret erzählt wird, sehr viel Sensibilität vermitteln.

Sollte jemand allerdings ein gutes Buch erwarten wollen, wird man leider enttäuscht. Das Thema ist wichtig und so aufgezogen, dass man mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert wird. Allerdings war mir der Aufbau irgendwie zuwider, der Spannungsbogen nicht vorhanden und der Schreibstil einfach zu tollpatschig.

Zeigt für mich leider, dass ein Buch aufgrund seines Themas zwar eindrücklich sein kann, aber für mich nicht zwingend ein gutes Buch daraus wird.

5 Gedanken zu „Rezension: „Du wolltest es doch“ von Louise O’Neill

  1. Hey Anna,
    ich war so neugierig und musste deine Rezension gleich lesen.
    Krass, wie unterschiedlich man ein Buch finden kann. Ich fand, der Roman hatte einen sehr starken Spannungsbogen (man weiß genau, die Katastrophe passiert, und Emma schlittert immer schneller darauf zu), und auch der Sprung zur Handlung ein Jahr später empfand ich nicht als schlecht umgesetzt. Für mich war das eher ein Stilmittel, um den tiefen Fall der Protagonistin zu zeigen. Was nicht gezeigt wurde, wurde ja zum Teil nachgeholt, ist aber auch nicht besonders wichtig für die Handlung, meiner Meinung nach. Das Konfliktpotential lag ja von Anfang an vor allem bei der Familie, und das wird ja in dem Teil „ein Jahr später“ eindrücklich gezeigt. War dir das zu wenig?
    Die austauschbaren Freunde/Klassenkameraden – ja, das fand ich auch, ich fand den Anfang des Romans auch etwas holperig geschrieben, das kann aber auch an der Übersetzung liegen (wie leider oft).
    Das offene Ende fand ich auch unbefriedigend, aber irgendwie auch die Hälfte des Spaßes. Wenn Emma glücklich und froh mit ihrem Kindergartenfreund in eine andere Stadt gezogen wäre, wäre das zu viel des Guten gewesen – bei mir ist es gerade umgekehrt, das Buch bleibt gerade wegen des offenen Endes noch mehr bei mir in Erinnerung.
    Jedenfalls danke für die andere Sichtweise, das hat mich nochmal zum Nachdenken gebracht.
    LG, Sabine

    1. Hey Sabine,

      Entschuldige die späte Antwort. Es ist seltsam, denn wir finden glaube ich dieselben Punkte an diesem Buch gut und schlecht, bewerten sie nur auf unterschiedliche Weise 🙂
      Und gerade das finde ich in der gesamten Debatte einfach am spannendsten!

      Und ich freue mich, dich zum Nachdenken gebracht zu haben, was du mit deiner Besprechung auch bei mir geschafft hast 🙂

      Viele liebe Grüße,
      Anna

  2. Huhu =)
    Eine schöne Besprechung, die ich in vielen Punkten gut nachvollziehen kann. Das Buch ist wirklich keine Unterhaltung, aber immerhin bleibt es im Kopf hängen. Damit ist ja schon der erste Schritt getan: Das man darüber nachdenkt. Dennoch fidne ich auch, dass ein anderes Ende motivierender und aufbauender für Opfer die das Buch lesen gewesen wäre. Es muss ja kein Kitsch „Alles wird gut“ Ende sein, aber ein kleiner Hoffnungsschimmer, der zeigt, dass nicht alles trotstlos und verloren ist.

    Nebenbei, ich habe das Buch auch außerhalb meines üblichen Schemas besprochen, verstehe also total deinen Gedanken, dass eine Bewertung dem Buch nicht gerecht wird.
    Hier ist übrigens meine Buchbesprechung
    LG Miss PageTurner

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