K-Pop trifft Gang – Geht das? | „Flowerboy“ von EraEra | Rezension

 Monatelang – nein, ein Jahr lang – habe ich darauf hingefiebert, was das erste Idolfiction-Buch auf dem deutschen Buchmarkt kann.

Ich habe die Autorinnen kennengelernt, fand das Cover absolut hinreißend, liebte die Lesungen, die die beiden mit verteilten Sprecherrollen auf die Beine gestellt haben. Ich habe sogar das Marketing und die digitale Position der beiden geliebt, die es geschafft haben, sich eine Lücke zu erkämpfen. Einen Standpunkt einzunehmen, der vorher so nicht da war.

Ich liebte vor allem das Konzept – K-Pop vermischt mit einem schwulen Gangkid, was sich aus der ganzen Scheiße nur befreien will.

Die höchsten Erwartungen, die besten Erwartungen und dann… fand ich es anstrengend und in einem ganz gewissen Punkt einfach lacking.


Bibliographische Daten

  • Autoren: EraEra
  • Genre: Idolfiction
  • Verlag: Selfpublisher
  • Seitenzahl: 372 S.
  • Wo ihr es bekommen könnt: https://www.patreon.com/posts/flowerboy-35740250

Kurzbeschreibung

 Das Einzige, was Yoo Kinam je wollte, ist rappen. Doch in Seoul seinen Traum vom Idolrapper zu verfolgen, heißt, niemals in seine Heimatstadt zurückkehren zu können. Denn er lässt nicht nur die blutigen Straßen Daegus hinter sich, sondern auch die Gang seiner Familie.

Eineinhalb Jahre später und nur knapp einem Skandal entkommen spuckt ihn die koreanische Hauptstadt wieder zurück auf die Straßen, aus denen er kommt – und zertrümmert all seine Träume.

Und nicht nur seine.

Im Sommer hätte Chan ihm als Producer nach Seoul folgen sollen. Doch ausgerechnet den Jungen, der Kinam unermüdlich antrieb, seine eigenen Träume zu verfolgen, hat die Gang als Blutopfer gefordert.

Verzweifelt ist Kinam bereit, alles zu tun, um seinen Exfreund aus der Gewaltspirale zu befreien. Auch wenn es heißt, Seoul für eine zweite Chance das Rückgrat zu brechen.


Eigene Meinung

Ganz von Anfang: Dieses Buch hat eine unglaubliche Sprache. Es ist krass, wie viele Emotionen und Gefühle man in ein paar Sätzen unterbringen kann. So dicht gewählte Sprache und dicht verpackte Emotionen sind mir definitiv noch nie untergekommen.

Es ist etwas ganz anderes, wenn man in dieses Buch springt und sich auch nicht mehr befreien kann. Ich persönlich habe immer, wenn mich ein Sprachstil sehr beeindruckt, das Problem, dass ich nach dem Schauen oder der Lektüre ein wenig davon in mein eigenes Leben mitschleppe. Und dass diesem Buch das nur nach ein paar Seiten gelungen ist, finde ich sehr beeindruckend.

Was mich auch fasziniert hat: Wie sehr dieses Buch Stimmungen und Diskussionen einfangen und transportieren kann. Statt Plätzen und dem Aussehen bestimmter Personen sind mir eher die Gefühle und absolut abgefuckten Dinge im Gedächtnis geblieben, die viele der Charaktere durchleben mussten.

Ein riesiges Plus geht außerdem an die Autorinnen, weil man sich ihr Buch (soweit ich weiß) längerfristig kostenlos herunterladen und lesen kann. Sie machen außerdem sehr coole Triggerwarnungen, die nicht nur gesammelt vor dem Buch aufgeführt werden, sondern auch vor jedem Kapitel noch einmal explizit erwähnt werden. Ein ganz großes Danke und eine Aufforderung an viele Autor*innen und Verlage, die damit zu kämpfen haben: Bitte so. Bitte als Stütze und Hilfe für alle Menschen, die mit traumatischen Ereignissen zu kämpfen haben.

Eine Aftercare-Seite unterstützt diese Triggerwarnungen ebenfalls und sorgt dafür, dass Leser*innen so gut wie es geht abgesichert sind.

Aber wo liegt dann mein Problem? Ein toller Plot, ein sprachgewaltiger Stil und formal sieht das Buch auch umwerfend aus?

Naja, es liegt simpel in der Tatsache, dass es zu viel war. Zu viel was? Zu viel alles. Und gleichzeitig zu wenig.

Wie man diesen Widerspruch auflösen kann? Zu viel Autofiktion, zu viel zur Schau gestellte Liebe am eigenen Werk, zu viel zu krass.

Ich finde es immer witzig, wenn Autor*innen sich in kleinen Rollen in ihren eigenen Büchern verewigen, wie zum Beispiel Kai Meyer in seiner „Die Seiten der Welt“-Reihe. Eine kleine Rolle von einem Kapitel, wirklich sehr gut gemacht.

In diesem Buch gibt es allerdings eine Agentur für K-Pop Idols, die sich Era Entertainment nennt. Ja, genau. Era wie der Name des Autorenduos. Und geführt wird die Agentur von wem? Genau, zwei Frauen, die in der fiktiven Realität der K-Pop Idols genau das verwirklichen wollen, was dieses Autorenduo sich im deutschen Buchmarkt aufbauen möchte.

Für mich schreit das schon nach ziemlicher Autofiktion. Und es tut mir leid, sollte es nicht so gemeint sein. Aber die Agentur und ihre Vertreter sind in diesem Buch im letzten Atemzug doch die Lösung für alles. Und dies hat mir beim Lesen irgendwie sehr sauer aufgestoßen, es lenkte von der Geschichte ab und wirkte seltsam selbstverherrlichend. Auch wenn es bestimmt nicht so gemeint/geschrieben worden ist.

Was mir auch zu viel war: Die Sprache. Sie ist intensiv, sie lässt einem keine Zeit zum Atmen und benutzt Slang-Begriffe sowie koreanisch, englisch und deutsch in einem fliegenden Wechsel. Ich fand es schon krass, wie ich mich teilweise mental ausklinkte, weil ich mir dachte: So. Bis hier und nicht weiter. Es ist nicht mehr glaubwürdig.

Wenn man eben nur die krasse Sprache zulässt, sie nicht durchwebt mit Sätzen, die Leser*innen auch erwarten zu lesen, wenn man seine Sprache nur in dem einen Modus des „krass, krass, noch krasser“ existieren lässt, lässt es wenig Zeit für wirkliche Zwischentöne. Und für die wirkliche Nachvollziehbarkeit für Leser*innen. Gerade wenn die Lebenswirklichkeit der meisten wahrscheinlich Meilen entfernt von dem Gangleben im südkoreanischen Daegu ist.

Und da schließt sich gleich mein „Zu wenig“ an. Es gab keine Zwischentöne in diesem Buch. Alles, was erlebt wurde, ist immer ein Gefühl, was zu zerreißen droht. Alles ist extrem. Vieles bedarf wohl keiner Erklärung, auch gefühlsmäßig nicht.

Denn auch, wenn diese Sprache sehr machtvoll ist, so schafft sie es doch nicht, wichtige Informationen gut und nachvollziehbar zu vermitteln. In welcher sozialen Konstellation stehen alle diese Figuren zueinander? Darf ich mir ALLES aus den Zwischentönen, die sich manchmal selbst überschlagen, zusammenreimen. Wie sieht die Vergangenheit der Charaktere aus? Not fucking explained. Wie kennen sich diese beiden? Ach, irgendwie.

Auch die Nebenplots wurden so schwammig bis nicht nachvollziehbar.

Und da ist mein Hauptproblem: Ich finde es absolut nicht machbar, mich mit der geforderten emotionalen Tiefe und Härte des Textes den Figuren hinzugeben, wenn ich nicht verstehe, woher diese Emotionen kommen.

Chan und Kinam sind verliebt, ja? Das…bekommt man nicht mit. Die beiden kennen in diesem Buch quasi nur Krisensituation. Woher kommen ihre Gefühle? Wie bauen sie sich auf? Wie sah ihr Anfang aus? Nicht Teil dieses Buches. Wie soll ich dem Buch dann abkaufen, dass sie und ihre Liebe das sind, was alles in ihrem Leben umkrempelt, für die Menschen STERBEN? Wie soll ich abkauen, dass Kinam sich DAUERND so scheiße zu allen benimmt und allein die Gebundenheit von vor 1,5 Jahren reicht, um in ihm etwas zu sehen, was man nicht mitbekommt?

Da ist nämlich das nächste Problem: Kinam ist also der krasseste Rapper, den die alle je gesehen haben, ja? Wie kriegen wir das vermittelt. Durch einen geschriebenen Rap von Kinam, der mehr aus Metaphern besteht und Freestyle sein soll. Und ansonsten SAGEN es alle. Alle SAGEN, dass Kinam der allergeilste ist. Sonst nichts. Wir kriegen noch nicht mal richtig mit, wie er Texte schreibt, wie er sich auf der Bühne fühlt. Vor der Bühne und nach der Bühne, ja. Den Rest? Das Wichtigste? Wie es für ihn ist zu performen? Zu wenig. Viel zu wenig.

Flowerboy ist zurück. Und Flowerboy gibt keinen Fick darauf, wie ihr ihn nennt.

Das ist für mich das Problem: Die Grundlage dieses Buches ist die Geschichte eines Jungen, der in eine Gang hinein geboren wurde und sich durch sein Talent in eine Idolgroup hocharbeiten konnte, dann aber aufflog, dass er schwul ist und er wieder nach Hause gehen musste, wo nur noch Gewalt auf ihn wartet.

Die Grundlagen: Musik, Liebe, wie die beiden Liebenden sich fühlen, wenn sie Musik machen und wie sich ihre Liebe vielleicht in Musik kommuniziert und vor allem: wie man sich nach 1,5 Jahren Abwesenheit verändert hat und wie man sich auf einer Bühne fühlt? Fehlanzeige.

Und eine Sache, die mir erst beim zweiten Lesen des Textes wieder eingefallen ist: WIE SEHEN DIE GANZEN LEUTE AUS? Ich weiß von einmal einem Dutt, einmal grauen Haaren, einmal mintgrünen Haaren, einmal glaube ich noch blaue. Ich weiß nicht, wie groß, welche Gesichtszüge, welche Augenfarben, wie ihre Hände aussehen. Generell waren so viele Beschreibungen einfach fehlend. Auch die Räume, in denen sich die Figuren bewegt haben, waren sehr blass. Es wirkte, als würden sie nicht einmal gesetzt werden und die Figuren bewegen sich darin, sondern als würden neue Dinge auftauchen, während sich die Figuren durch ein weißes Nichts bewegen. Und das geht irgendwann richtig auf die Nerven.

Ich fühlte mich teilweise, als würde ich einen zweiten Teil lesen und die Autorinnen hätten mein Wissen über den ersten Band einfach nie aufgefrischt. Und das fand ich so unglaublich schade. So konnte ich keine emotionale Bindung zu den Charakteren, zur Story, zu allem aufbauen und alles war nur halb so strahlend, wie es garantiert hätte sein können.

Insgesamt war ich auch überrascht, wie viel Raum Gewalt – psychischer und körperlicher – eingeräumt wurde. Und nur in den Zwischentönen wurde kommuniziert, wie sich nun die sozialen Strukturen durch diese Taten verändert haben. Das hat mich teilweise wahnsinnig gemacht, da ich in vielen Streits durch konstante Andeutungen und Halbwahrheiten nur zum Teil wusste, worüber eigentlich gestritten wurde. Auf der anderen Seite mag dies vielleicht wirklich sein, wie Streits normalerweise ablaufen. Aber ohne klipp und klar die Hintergründe eines Streits zu verstehen, kann niemand verstehen, worüber und wie gerade gestritten wird.

Allerdings muss ich diesem Buch zugute halten, dass es mich wirklich sehr entertaint hat. Es war etwas ganz anderes, sehr neu und von der Sprache her definitiv etwas, dass ich noch nie gelesen habe. Ich habe bis zur letzten Seite mitgefiebert und finde es absolut gut, wie lange man einen Spannungsbogen dann doch halten konnte. In die Geschichte fallen lassen konnte ich mich allerdings nicht. Dafür war es mir entweder zu wenig und gleichzeitig zu viel, oder vielleicht hätte man einige Dinge noch umstrukturieren, besser machen, weiter ausarbeiten

3 von 5 Tintenkleckse

One Comment

  1. Liebe Anna,

    zuviel und doch zu wenig. Wow. Ich habe das Gefühl, dass ich die Geschichte hinterher nicht ganz verstehen würde. Background, Erklärungen, die Nähe der Protagonisten zum Leser. Das ist doch das Schöne am Lesen. Wir lesen uns in die Vergangenheit des Menschen, in seinen Kopf, in sein Herz, aber es sollte alles da sein – und nicht von manchem zu viel und von anderen zu wenig.

    Danke für deine Worte.

    Liebe Grüße
    Tina

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