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Rezension: „Sagte sie – 17 Erzählungen über Sex und Macht“ – Hrsg. Lina Muzur

Eine Anthologie, die 17 Erzählungen von „Sex und Macht“ beinhaltet. Dies bedeutet für diese gesamte Rezension natürlich:

CN: Vergewaltigung, Sexuelle Gewalt

17 Autorinnen der Gegenwartsliteratur beleuchten in diesem dünnen Band alle möglichen Seiten des Ungleichgewichts der Macht in sexuellen oder auch normalen Situationen, zeigen eindringlich, wie Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt verdrängt, erduldet, als nicht so schlimm abgetan oder einfach übergangen werden.

In Zeiten von #metoo ein brandaktuelles Buch mit einem guten Vorhaben. Doch lässt sich dieses auch gut umsetzen?


Bibliographische Daten

  • Autorinnen: Fatma Aydemir, Antonia Baum, Kristine Bilkau, Heike-Melba Fendel, Nora Gomringer, Annett Gröschner, Anna-Katharina Hahn, Helene Hegemann, Margarita Iov, Mercedes Lauenstein, Juliane Liebert, Anna Prizkau, Annika Reich, Anke Stelling, Margarete Stokowski, Jackie Thomae, Julia Wolf
  • Genre: Gegenwartsliteratur, Anthologie, Sexuelle Gewalt
  • Verlag: Hanser Berlin
  • Seitenzahl: 224 S.
  • ISBN: 978-3-446-26074-0

Kurzbeschreibung

Was läuft falsch zwischen Männern und Frauen? Einige der besten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur erzählen.

17 Geschichten von 17 Autorinnen über 17 Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – sie erzählen von der brutalen Vergewaltigung, vom ungehobelten Wunsch nach Verführung, von den Berührungen, die einen ratlos zurücklassen. Doch eins eint sie: Der unbedingte Wille zur Stärke und Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der die Neuverhandlung des Miteinanders von Frauen und Männern stattfindet, in einem Moment der größten Unruhe und Verwirrung, ist es die Literatur, die für Aufklärung sorgt. Nirgends sonst wird unsere Realität in all ihren Facetten abgebildet, nirgends sonst darf Denken, Fühlen und Handeln gleichzeitig passieren. Und nirgends sonst darf all das erzählt werden, was sonst nicht erzählt werden würde.


Vielen Dank an den Hanser Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplares!


sdr


Eigene Meinung

Diesmal keine positiven und

Setzen Sie sich! – Antonia Baum

In dieser Geschichte erzählt eine junge Frau vor einer Jury in ihrem Kopf, wie ihr sexuelle Gewalt widerfahren ist. Denn von einer Feier fährt sie mit ihrem Vorgesetzten nach Hause und dieser scheint aus ihrem Verhalten eine Botschaft gelesen zu haben, die es ihm erlaubt, im Taxi übergriffig auf sie zu werden. Dieses Format hat mir gut gefallen, da man merkte, wie sehr der Charakter sich metaphorisch immer weiter entblößte und immer wieder von den Zuhöhern jeden Alters kritisiert und hinterfragt wurde, obwohl sie sich doch klar gerade die Seele aus dem Leib erzählt. Eine gute Erzählung!

Boss – Anna Prizkau

Auch diese Erzählung, die von einer Mutter einer immigrierten Familie handelt, die in ihrem Job klar nicht nur im Büro arbeitet, sondern auch noch eine Avance mit ihrem Chef hat und diese nicht ablehnen kann, weil sie das Geld brauchen, hat mir gut gefallen. Die Familiendynamik wird eindringlich geschildert und die Unweigerliche Auflösung am Ende zeigt gut, welche Ausmaße unterdrückte Emotionen und Schweigen vor allen haben können.

Dickicht – Julia Wolf

Wow. Das hier war für mich nur eins: Unfassbar schlimm. Ich verstand die Metaphorik nicht, obwohl sie klar auf die Angst einer Frau gemünzt war, alleine zu sein und sich nicht verteidigen zu können, sodass diese sich auch in Panik und Verfolgungsangst manifestiert. Trotzdem verfehlte diese Erzählung für mich das Thema. Es ging um eine junge Mutter, die mit ihrem Baby auf dem Dorf zurück bleibt, während ihr Mann eine Geschäftsreise unternimmt und sich in Verfolgungsängste eines Einbrechers hereinsteigert und ein paar seltsame Begegnungen macht.

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Maria im Schnee – Annett Gröschner

Diese Kurzgeschichte, die ja eigentlich sehr eindringlich sein soll, war mit 4 Seiten einfach zu kurz, sie erzählte von einer Vergewaltigung mitten im Moskauer Winter. Erschreckend zwar, aber nicht so gut geschrieben, wie ich es gerne gehabt hätte. Schade.

Der Fleck – Annika Reich

Diese Erzählung handelt von einem roten Fleck auf einem Rock, der symbolisch in der Familie für sexuelle Gewalt steht. Mutter und Tochter sind durch Asien gereist und sind sich dort zum ersten Mal bewusst, dass sie dort nicht sexualisiert wahrgenommen werden, was sie schwer überrascht. Sie beide trauen sich nicht, miteinander zu reden. Über ihre Erfahrung mit sexueller Gewalt, über ihre schlechten Erlebnisse. Über ihrer beider Vergewaltigungen. Doch mit viel Schnaps lässt sich schließlich metaphorisch alles lösen, was mir ein wenig zu komisch vorkam, ansonsten mochte ich diese Erzählung gerne!

Das Wasser des Flusses Lot – Margarita Iov

Das war nur eins: Verwirrend. Der/die Protagonistin besucht eine Stadt und einen alten Kollegen namens A und verbringt eine Nacht mit ihm. Dann begegnet er/sie einer lokalen Kellnerin, die ebenfalls A heißt und verbringt auch eine Nacht mit ihr. Irgendwie wurde ich leider nicht schlau aus dieser Erzählung.

Drei Mädchen – Anna Katharina Hahn

Diese Geschichte hat einen anderen Ansatzpunkt für Sex und Gewalt gefunden, denn hier geht es um einen Jungen, der in der Schule von einer Horde Mädchen gemobbt und fertig gemacht wird. Dieser Twist kommt zwar überraschend, allerdings fand ich dafür den Rest zu aufgebauscht, zu nichtssagend, großteils einfach zu schlecht geschrieben. Leider nichts für mich.

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The Day I Fucked Her Husband At The Lake – Helene Hegemann

WAS. WAR. DAS. BITTE. Hier lebt die Protagonistin mit ein paar anderen Aussätzigen in einer kommunistisch angehauchten Kommune im Wald und ist nicht so ganz happy damit. Eine der Aussätzigen hat allerdings einen Mann, der immer im Sommer vorbeikommt. Und weil der Hund der Protagonistin Medikamente braucht, fahren sie in die Stadt und gehen schwimmen. Und haben Sex. Einfach so. Das…war alles sehr sehr verwirrend und für mich absolut nichtssagend.

Der Montagsbuddha oder Beate Beate Beate – Juliane Liebert

Es geht um Beate, die eigentlich in einer Beziehung ist, aber doch mit ihrem Chef schlafen will. Unbedingt. Das versucht sie auch und am Ende gibt es eine Art metaphysisches Erheben der Frau über den Mann. Alles ein bisschen strange. Außerdem gibt es eine Art Traum, der sehr verrückt wirkte und die gesamte Erzählung ließ bei mir nur Fragezeichen zurück.

Wie Madonna – Heike-Melba Fendel

Diese ist in drei Teile unterteilt, die alle davon handeln, dass ein Altersunterschied zwischen den Partnern besteht und wie dieser sich auf die Beziehung auswirken könnte. Dies ist aber verwirrend und fast unverständlich geschrieben, sodass ich nicht viel mitnehmen konnte.

Raus – Anke Stelling

In dieser Erzählung geht es um emotionalen Missbrauch, denn der Verlobte und später Mann der Protagonistin wird immer bestimmender über ihr Leben, erlaubt ihr Dinge nicht mehr, die er einfach machen kann, hält sie von ihren Freundinnen fern, sperrt sie durch diesen Missbrauch förmlich im eigenen Haus ein. Dies ist beängstigend und faszinierend zu lesen zu gleich. Eine gute Erzählung, die graduellen Abstieg in Abhängigkeit, physisch und psychisch, zeigt.

„Das haben sie nicht gesagt“. Monologe aus dem Dazwischen – Nora Gomringer

Das…hab ich nicht wirklich verstanden. Es sind Monologe. Innere Monologe. Es geht allerdings um mehrfache sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt – als Kind im Schwimmbad, als Frau in der Bar und in vielen erdenklichen Situationen. Tolles Konzept, aber die Umsetzung lässt viel zu wünschen übrig.

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Unsexyland – Jackie Thomae

Hier geht es um eine Zukunft, in der Datingapps unsere gesamte Partnerwahl bestimmen und nur ein Ausflug ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten – Kanada – ein wenig Freiheit verschafft. Eine Frau verknallt sich in einen Mann aus ihrer Reisegruppe und kriegt ihn irgendwann dazu, mit ihr zu schlafen. Allerdings stellen sich beide sehr ungeschickt an und lassen es doch. Dies ist so aufregend für die Frau, dass sie es Jahre später noch weiß, der Mann aber wahrscheinlich nicht. Diese Geschichte war zwar spannend und gut geschrieben, allerdings gab sie mir außerhalb von der Darstellung sexueller Verwirrung nicht viel mit.

Zurück – Margarete Stokowski

In dieser Erzählung versuchen eine Frau und ihre obdachlose Freundin sich irgendwie im Leben zurecht zu finden und die Vergewaltigung der Protagonistin irgendwie zusammen zu verarbeiten. Nicht nur wird tolle Freundschaft symbolisiert, sondern auch weibliche Solidarität, die in vielen Weisen auftreten kann, aber hier besonders eindrucksvoll geschildert ist und den beiden wenigstens ein bisschen Mut und Hoffnung gibt.

Die kurze Zeit der Magischen Logik – Kristine Bilkau

Diese Geschichte handelt von Nachbarskindern, die miteinander spielen und sich streiten. Die Jungs sind gemein zu einem Mädchen, was sich daraufhin entfernt und nicht mehr spielen möchte. Allerdings geht sie später doch und entschuldigt sich, damit weiter gespielt werden kann. Dies hat mir eindrücklich gezeigt, wie solche Dinge sich schon im Kindesalter verfestigen und ohne Mithilfe der Eltern, die nichts unternahmen, auch nicht besser werden können.

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Die Wahrheit – Mercedes Lauenstein

Zwei Frauen betrinken sich auf ihrem Hotelzimmer und fachsimpeln über Männer, Beziehungen, ihre katastrophalen Misserfolge und die Dinge, die man so getan hat. Wobei raus gekommen ist, dass eine der Frauen einen Mann vergewaltigt hat, mit dem sie unbedingt zusammen sein wollte. Dies ist weitgehend in Dialogen aufgebaut und hat mir wirklich gut gefallen!

Ein Zimmer am Flughafen – Fatma Aydemir

Die letzte Erzählung handelt von einer jungen Barista, die von einem Stammkunden missbraucht wurde und dies niemandem erzählen kann, weil sie sonst gefeuert würde und den Job braucht. Dies erzählt sie einem jungen Mann, den sie in einer Bar kennen lernt. Dieser ist allerdings der Bruder der Frau des Mannes und hat sie nur deswegen aufgesucht. Sie möchte nichts mit ihm zu tun haben, aber ein paar Tage später ist der Stammkunde und seine gesamte Firma weg, was gut die Diskrepanz zwischen männlicher und weiblicher Glaubwürdigkeit und Autorität in solchen Fällen zeigt.

Hat mir gut gefallen!


Fazit

Da mir in dieser Anthologie so ziemlich die Hälfte der Beiträge gut gefallen haben und die anderen mir überhaupt nicht zugesagt haben, verteile ich genau die Hälfte der möglichen Punkte: 2,5.

Ich mochte den Ansatz dieser Anthologie gerne, würde auch noch weitere Bücher in dieser Richtung lesen, da sie in unserer Zeit einfach brandaktuell sind und sich nicht mehr aus dem öffentlichen Leben wegdenken lassen.

Allerdings erhoffte ich mir ein breites Spektrum an Blickwinkeln auf sexuelle Gewalt und alles, was mit Sex und Macht zu tun hat – auch im weiteren Sinn -, bekam diese auch teilweise, aber in manchen Geschichten Zusammenhänge, die sich mir einfach nicht erschlossen oder mir zu nichtssagend umgesetzt waren.

Daher kann ich leider keine gute Leseempfehlung aussprechen, aber ein paar dieser Geschichten lohnen sich in jedem Fall und sie alle dienen einer Sensibilisierung, die aus diesen Blickwinkeln ohne Zwischenrede und mögliches Kleinreden eine ganz neue Kraft entfalten.

Tintenkleckse_2.5

2,5 von 5 Tintenklecksen!

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