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Rezension: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Ein Spontankauf, der sich als absolutes Highlight entpuppte. Ein Buch über die Erfahrungen einer einzigen Frau und doch der gesamten Gesellschaft. Viele Geschichten über das Aufwachsen in unserer Gesellschaft, die viel zu oft wegschaut, sich nicht mit den wichtigen Themen auseinander setzt oder sie generell ignoriert.

Margarete Stokowskis „Untenrum frei“ beschäftigt sich mit Sex, Gleichberechtigung, Ungerechtigkeit, Sexismus und manifestierten Rollenbildern.

Eine Achterbahn in jedem erdenklichen Sinne!


Bibliographische Daten

  • Autor: Margarete Stokowski
  • Genre: Feminismus, Sex
  • Verlag: Rowohlt
  • Seitenzahl: 248 S.

Kurzbeschreibung

Sex. Macht. Spaß. Und Probleme.

Wie frei und gleichberechtigt sind wir? Warum fällt es uns leichter, über Essen zu reden als über Sex? Haben wir die Fesseln der Unterdrückung lässt gesprengt, oder haben wir nur gelernt, in ihnen shoppen zu gehen?

In diesem Buch erzählt Margarete Stokowski von den kleinen schmutzigen Dingen, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten. Und sie schreibt über die großen Machtfragen, über die man lieber auch nicht redet, weil vieles so unveränderlich scheint. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird deutlich: Es ist dieselbe.

Stokowski zeigt, wie sich Rollenbilder und Schamgefühl manifestieren, wie sie uns einschränken – und Blick auf die Details gelingt ihr ein persönliches, provokantes und befreiendes Buch.


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Lasst mich in diese Rezension einsteigen, in dem ich sage, dass dieses Buch eine lebensverändernde Bedeutung für mich hat und hatte.

Stokowskis Schreibstil wechselt so fließend zwischen sachlicher Beschreibung, persönlicher Ebene und derbem Humor und vermischt diese auf eine lockere und spannende Weise, dass man nicht anders kann, als sich selbst, seine Erfahrungen und seine Gedanken immer wieder zu finden und sich in seiner Sichtweise bestätigt zu fühlen.

Die Autorin schafft dabei den Sprung zwischen gesamtgesellschaftlicher Betrachtung und Beschreibung eigener Erlebnisse und unterfüttert damit die teils schon verstaubten Diskussionen um viele dieser Themen mit frischem Wind und lässt sie wieder zugänglich und persönlich werden.

„Der Begriff ‚Feminismus‘ schreckt heute immer noch viele Leute ab. Sie denken dabei an hysterische Hexen, die alle Männer kastrieren wollen, oder lieber gleich töten, um dann anschließend hämisch lachend ums Lagerfeuer zu tanzen und BH um BH hineinzuwerfen.“

Apropos Themen. Davon werden in diesem Buch sehr viele behandelt. In den sieben Kapiteln wird Stokowskis Lebensgeschichte in einzelnen Essays erzählt, die jeweils ein anderes Themen behandeln: Rollenbilder im Kindesalter, die Pubertät und das Entwachsen der Kindheit, die ständige Umgebung von einer verqueren Vorstellung von Sex und „sex sells“, Sex und sexuelle Freiheit, Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern, auch im politischen Sinne, die Liebe und die Vielfalt.

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Auf diesen kurzen 230 Seiten habe ich mir quasi jede zweite Seite ein Zitat markiert, sodass dieses Büchlein mittlerweile von Markern nur so überquillt. Stokowski schafft es, ihre Thesen durch prägnante Sätze dem Leser ins Hirn einzubrennen, und zwar nicht um ihre Meinung dort zu zementieren, sondern um einen Denkanstoß zu liefern, einen Gedankenstrom im Leser zu verursachen und ihn so schnell nicht mehr los zu lassen.

„Immer ist es das Mädchen, das überrascht, überrumpelt, verführt wird, manchmal bedrängt, nie andersum.“

Vor allem Stokowskis Thesen zu pubertärer Auffassung von Sex, von Begehren und davon wie eine Beziehung auszusehen hat, hat mich tief getroffen. Ihre Beschreibung davon, wie in ihrem Bekanntenkreis Zeitschriften interpretiert, Dinge übersimplizifiziert und gefährlich verquer internalisiert wurden, erinnerte mich sehr an meine eigene Zeit in dieser Phase.

Nicht nur die behandelten Themen, sondern auch Stokowskis Beispiele aus dem eigenen Leben, seien dies nun eine Begegnung mit ihrem Schachlehrer, einem Fremden, ihre Zeit an der Uni, ihre Eltern oder ihre Erlebnisse mit ihren Freunden in dem Alter, in dem sich die ersten Kinder anbahnen, haben alle etwas Individuelles und trotzdem Universales an sich. Man kann sich identifizieren und bezieht trotzdem die eigenen Erlebnisse auf die gemachten Thesen.

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„Frauen, die rebellieren oder etwas kritisieren, werden oft als anstrengend bezeichnet“

Gerade die Betrachtung Stokowskis, wie anders Frauen in den Medien behandelt werden und wie sich dies in der Realität vorher und anschließend spiegelt, sind pointiert und auf den Punkt getroffen. Von der Beobachtung, dass weibliche Machthabene sich gerne maskulinisieren und ihre Stimmen tiefer trainieren wollen, darüber, dass Frauen sich doch bitte immer alles nehmen sollen, was sie wollen, aber gleichzeitig nicht zu ‚anstrengend‘ dabei werden sollen. Dass Feminismus und Gleichberechtigung mittlerweile fast zu Schimpfwörtern umgedeutet werden und dass geglaubt wird, dass wir schon den bestmöglichen Zustand erreicht haben, sind die Ausführungen gut, glaubhaft und überzeugend verfasst.

„Doch eine typische Diagnose unserer Zeit lautet, wir seien „oversexed and underfucked“: Überall geht es irgendwie um Sex, aber wir haben keinen, oder nicht den, den wir wollen“

Die wunderbare Entschlüsselung der sexistischen Werbungsindustrie und warum „sex sells“ in unserer Zeit doch mehr bedeutet, dass eben nicht Sex selbst sich verkauft, sondern eine verquere Verknüpfung mit der kapitalistischen Lebensweise, hat mich erstaunt und gleichzeitig in dem bestätigt, was ich tagtäglich sehe. Denn nicht Sex selber verkauft sich gut. Sondern die vage Assoziation damit. Und diese wurde von Werbemachern so zerstückelt und verdreht, dass wir mittlerweile annehmen, es sei Sex.

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„Bei mir waren es drei Dinge, die mich zum Feminismus gebracht haben: erst die Erkenntnis, dass guter Sex nichts damit zu tun hat, dass man ein Skript nachspielt, bis der oder die andere kommt; dann die Feststellung, dass Vielfalt etwas Bereicherndes ist und nichts Bedrohliches; und zuletzt die Sicherheit, dass Ungerechtigkeit und Gewalt nicht davon weggehen, dass wir sie ignorieren oder als Einzelfälle kleinreden.“


Stokowskis Werk fesselte mich, ließ mich nicht mehr los und entließ mich nach der Lektüre in eine Welt, die zwar immer noch all diese Probleme hatte, aber bei der ich erstmals ein wenig Hoffnung hatte, dass es auch andere Menschen gibt, die diese ändern wollen und auf eine bessere Welt hinarbeiten wollen.

Hoffnung vermitteln, nachdem man schmerzhaft die Realität auseinander gebröselt hat ist ein völliges Kunststück, das hier fehlerfrei gelingt.

Aufgrund dieser gesammelten Gründe möchte ich an dieser Stelle auf eine Wertung verzichten und nur eins sagen:

Lest dieses Buch! Egal, ob alt oder jung, männlich oder weiblich oder non-binary, egal ob Feminist oder Anti-Feminist, jeder sollte dieses Buch lesen. Es vermittelt einen Sinn für die Realität, wie es wenige Bücher bei mir je geschafft haben und behandelt ein paar der wichtigsten Themen unserer Zeit.

Unbedingte Leseempfehlung!

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