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Rezension: „VOX“ von Christina Dalcher

Anfang Juni erreichte mich überraschend ein Vorabexemplar dieses Buches und ich war sofort absolut gehypt, da dieses Buch sehr sehr viel verspricht.

Eine Dystopie, in der Frauen ab sofort nur noch 100 Wörter am Tag sprechen dürfen, weil sie ansonsten mit schrecklichen Stromschlägen bestraft werden. Eine Welt, in der mit Gewalt die Geschlechterrollen der frühen 50er Jahre durchgesetzt werden und Frauen zu Hause bleiben müssen und sich um ihre Kinder kümmern sollen, Verhütung tabu ist und Männer immer arbeiten gehen müssen.

Wie findet man sich mit der heutigen Denkweise in einer solchen Welt zurecht? Und wie kann man ohne seine Stimme rebellieren?


Bibliographische Daten

  • Autorin: Christina Dalcher
  • Genre: Dystopie, Feminismus, Gesellschaftskritik
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 403 S.

Kurzbeschreibung

In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz. Das provozierende Überraschungsdebüt aus den USA, über das niemand schweigen wird!

Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr.

Das ist der Anfang.

Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.

Aber das ist nicht das Ende.

Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.


Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplares!


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Eigene Meinung

POSITIV

  • Eine absolut spannende Prämisse!

Gerade in unserer heutigen Gesellschaft, in der Frauen immer mehr ihre Stimme nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen und ihre eigenen Themen nach vorne zu bringen, ist es erschreckend und faszinierend zu sehen, was passieren könnte, wenn allen Frauen von Kindesbeinen an ein Wortlimit von 100 Worten pro Tag zugestanden werden würde.

Wenn kollektiv beschlossen würde, dass die Rollenbilder der 60er Jahre die besten Jahre aller Zeiten waren und wir alle dorthin zurückkehren sollten.

Erschreckend klingt diese Fantasie, aber auch ist sie es wert, literarisch erforscht zu werden.

Alleine für die Prämisse, dass in Amerika, dem Land der extremen Ausformungen aller politischen Meinungen, so etwas passieren könnte, ist spannend gestaltet.

  • Erschreckende Beispiele der menschlichen Bestialität

Neben der Familie einer Frau, die ihre zurückgewonnene Stimme nutzt, ist dies auch eine Geschichte einer Familie mit einer Mutter, einem Vater, drei Söhnen und einer Tochter.

Die neue Dynamik, die sie entwickeln, weil die weiblichen Mitglieder dieser Familie nicht mehr sprechen und ihren Pflichten im Haushalt nachgehen müssen.

Söhne, die ihre Mütter nur noch als Putzhilfen und Köche sehen, die keine Bildung verdient haben, Jungs, die mit den Eltern der Angebeteten die Beziehung besprechen, anstatt mit dem Mädchen selbst.

Die Basis des Ganzen wird hier als das Christentum angegeben, dass in dieser ausgelegten Form erst Gott, dann Christus, dann den Mann und dann die Frau sieht.

In dieser Welt werden alle, die sich gegen diese Geschlechterrollen auflehnen, alle, die sich nicht konform verhalten, alle, die eine andere Sexualität haben, öffentlich bloß gestellt und in Lager geschickt, die Arbeitslagern sehr nahe kommen.

Dieses Buch zeigt sehr gut auf, wie Menschen sich verhalten können, wenn sie mit inhumanen Methoden und Ansichten konfrontiert und indoktriniert werden, auch wenn es nur kleine Schritte sind.

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  • Sehr viel Einsicht in unsere heutige Gesellschaft

Auch, wenn diese Ereignisse für uns unvorstellbar sind: Diese Gesellschaft ist nur ein Jahr von unserer entfernt.

Denn all diese Änderungen gingen nur in einem Jahr einer anderen Regierung einher und die Veränderungen zeigten sich schneller, als vielen Menschen lieb wäre.

Dementsprechend bekommen wir auch Flashbacks in die Vergangenheit, die in genau unserer Welt spielt und sind uns erschreckend bewusst, wie schnell wir in diese Horrorvorstellung abrutschen könnten.

Es werden also auch Ansichten unserer Gesellschaft enthüllt, die man universell anwenden kann: Wie schnell wir von inhumanen Ansichten überzeugt werden können. Wie schnell wir überrannt werden können, wenn wir uns nicht wehren. Wie es auch manchmal nicht genug sein kann, auch wenn man gegen die gesamte Welt anschreit. Und natürlich, was passieren kann, wenn man sich dann doch erhebt, weil man aus Liebe zu seinen Mitmenschen nicht mehr stillschweigen kann.

  • Eine starke Emotionalität zur Familie

Auch, wenn es ein paar weitere Dramen auch innerhalb der Familie gibt, wird es immer klarer, dass Jean und ihre Familie ein starkes Band zueinander haben, dass von mehreren komplizierten und wechselhaften Gefühlen durchwoben ist.

Sie streiten, sie sind sich nicht immer einig, sie fallen sich in die Arme. Sie sind daher keine perfekte Familie, sondern eine normale Familie mit allerlei Problemen, die sich dank der neuen Regelungen immer weiter zuspitzen.

Dabei hat Jean allerdings noch Probleme mit ihrem Ehemann, mit der nicht mehr vorhandenen Leidenschaft, mit ihren Söhnen, die die Probleme des Systems nicht einsehen und ihrer Tochter, die sich immer mehr in die Stille zurückzieht.

Eine emotionale Achterbahnfahrt, in die dieses Buch den Leser immer weiter hineinzieht und seinen emotionalen Griff nicht mehr lockert.

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  • Ein weiteres starkes Thema – Hirnforschung

Jean ist nicht nur eine Mutter, sondern war vor den Ereignissen auch eine sehr gute Hirnforscherin, die sich damit auseinander setzte, wie man eine Krankheit heilen kann, die dafür sorgt, dass man versteht, was Mitmenschen einem sagen und auch antworten kann, die Worte allerdings nur Unsinn ergeben und wirken, als würde das Gehirn seine Antwort einfach nur würfeln.

Die Heilung dieser Krankheit war fast abgeschlossen, als Jean nicht mehr arbeiten durfte. Nun muss sie wieder daran arbeiten und bekommt mit, dass diese Heilung nicht nur positive Aspekte haben kann und auch zu anderen Zwecken gebraucht werden könnte.

Neben den moralischen Entscheidungen, denen sich Jean gegenübersieht, ist es auch spannend, einen Einblick in die Hirnforschung zu bekommen.

  • Ein spannender und treibender Schreibstil!

Ein guter Punkt dieses Buches ist definitiv, dass ich es einfach nicht mehr weglegen konnte und auch in der Vorlesung mich einfach nur noch auf dieses Buch konzentrieren konnte und nicht mehr auf die Vorlesung.

Man wird durch die Seiten gepeitscht und kann sich von den ganzen emotionalen Schocks gar nicht mehr erholen, die einem innerhalb von wenigen Seiten um die Ohren gehauen werden.

Immer interessanter und besser schraubt sich nicht nur der Plot, sondern auch die Lesegeschwindigkeit rasant in die Höhe und man verliert sich immer mehr in dieser Dystopie.

NEGATIV

  • Die letzten 100 Seiten

Es könnte auch daran liegen, dass ich diese in einer Vorlesung und völlig übermüdet gelesen habe, aber diese 100 Seiten waren irgendwie nicht mehr das Wahre für mich. Die Plotpunkte flogen zu schnell an mir vorbei, ich konnte mich nicht direkt auf all die Entwicklungen konzentrieren, weil die Emotionalität dabei manchmal völlig außen vor gelassen wurde und nur noch Fakten beschrieben wurden, was bei so einer hohen Belastung der Charaktere nicht der schlaueste Zug gewesen ist.

Ich habe mich einfach durch das Buch gezogen gefühlt, weil ich wissen wollte, was passiert, allerdings wurde dies dann seltsam beschrieben und gefühlt ohne Emotionen runter geschrieben.

  • Das Ende

Das Ende war mir persönlich einfach zu schnell und zu „Friede Freude Eierkuchen“ abgehandelt. Ein großes BAM, das in der nächsten Seite schon wieder fast vergessen war, kann man natürlich als Schocktherapie ansehen, allerdings finde ich nicht, dass dies den Zweck erfüllt, den dieses Buch abhandeln wollte.

Außerdem habe ich mich daran erinnert gefühlt, wie leicht gesamtgesellschaftliche Lösungen sich in Büchern manchmal darstellen lassen. Dies finde ich nicht realistisch und schon gar nicht gut gelöst.

Schade eigentlich, gerade dieses Buch hätte auch mal kein Happy End vertragen.

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  • Manche Plotpunkte waren zu gewollt

Ohne zu spoilern gab es manche Dinge, die einfach zu viel Zufall waren, um wirklich stimmen zu können, die zu gut oder zu schlecht aufeinander aufeinander passten, um gutes Storytelling zu sein.

Eine Dystopie ist nicht eine Ansammlung der unwahrscheinlichsten Plotpoints, sondern eine Annahme, wie unsere Gesellschaft nach einem großen gesellschaftlichen Schnitt aussehen könnte.

Leider verfehlt dieses Buch diesen Punkt ein wenig.

  • Der Schreibstil kam mir an manchen Stellen zu plump vor

Wenn mir die Prämisse, die Charaktere, die Bindung zu ihnen, die Geschichte und das Setting gefallen, dann kann es eigentlich nur noch ein komischer Schreibstil rausreißen.

Man konnte erahnen, welche Gedanken Christina Dalcher rüberbringen wollte, aber manche Formulierungen waren einfach zu plump, zu schlecht im Lesefluss eingearbeitet, zu gewollt, als dass ich sie völlig glauben und in diesen Gedanken versinken konnte.

Es hat mich mehr aus dem Fluss gerissen, verwirrt und gelegentlich einfach nur in die Realität zurückgeschmissen.

Was nicht unbedingt der Sinn dieses Buches gewesen sein dürfte.


Fazit

Ein spannendes Buch, welches seine Prämisse ausgiebig erforscht und nicht nur mit einer spannenden und gruseligen Idee für die Zukunft unserer Gesellschaft aufwartet, sondern diese anhand einer Familie und speziell einer Frau sehr deutlich auslotet und den Leser mit einem spannenden Schreibstil durch die Seiten jagt.

Leider war mir der Plot in den letzten 100 Seiten ein wenig zu verworren und ich konnte wenig mit der letztendlichen Lösung anfangen, obwohl sie logisch ist.

An sich aber ein Buch, was ich jedem empfehlen kann, wenn man sich auch nur ein ganz kleines bisschen für die Rolle der Frau in der Gesellschaft oder Dystopien mit Gedanken zu Geschlechterrollen machen interessiert!

Tintenkleckse_3.5

3,5 von 5 Tintenklecksen!

4 Gedanken zu „Rezension: „VOX“ von Christina Dalcher

  1. Liebe Anna,
    meine Rezension ist ganz ähnlich ausgefallen wie deine. Vox könnte eine richtig gute Dystopie mit einer starken Message sein. Aber nicht mit diesem Ende. Ich habe es aufmerksam und im wachen Zustand gelesen und trotzdem stellenweise nicht kapiert, warum sie jetzt tun, was sie tun. Und obwohl die letzten Seiten nochmal sehr emotional sein könnten, haben sie mich ebenfalls völlig kalt gelassen. Echt schade.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    1. Hey Sabrina,

      Genau das finde ich auch! Viele der Dinge, die passiert sind, waren teilweise etwas unverständlich und das Ende hat einfach nicht zu dem gesamten Buch gepasst und seine Emotionalität komplett verfehlt. Schade eigentlich.

      Viele Grüße
      Anna

  2. Hallo Anna,

    ich sehe das so wie du. Der Anfang war wirklich toll. Aber das Ende hat es doch versaut. Richtig schade.
    Mir ist gerade aufgefallen, dass ich das Thema Hirnforschung, welches ich auch wirklich spannend finde, in meiner Rezension gar nicht erwähnt habe…
    Ich habe deine Review bei mir verlinkt. Ich hoffe, das ist für dich in Ordnung. Sonst sag mir bitte Bescheid. 🙂

    Hab noch einen schönen Sonntag!
    Sabrina

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