SCHREI – Interview mit Laurie Halse Anderson über #MeToo, Rape Culture und Consent | Anzeige

Heute geht es weiter mit meiner Buchpatenschaft zu „Schrei!“, was neu im dtv Imprint „bold“ erscheint!

Die Autorin Laurie Halse Anderson war so nett, mir ein Interview über ihre Buch, ihr anderes Buch „Sprich“, #MeToo, Consent, gesunde Sexualität, die gesellschaftliche Debatte über sexuellen Missbrauch und Rape Culture zu geben!

Ich hoffe, ihr könnt daraus viel mitnehmen!

  1. Ihr Buch „Sprich“ wird dieses Jahr 20 Jahre alt! Haben Sie irgendeine Veränderung in der Gesellschaft gesehen, wenn es um die schweren Themen dieses Buches geht?

Ich habe ein bisschen Fortschritt gesehen. Der Aufstieg des #MeToo-Movements der Aktivistin Tarana Burke hat viel Scham und Schuld entfernt, welche historisch an Opfer gerichtet waren. Wir beginnen, Konversationen über die Notwendigkeit von informiertem und fortlaufendem Consent vor und während sexueller Aktivität zu führen. Gleichzeitig sind aber auch ein paar Dinge schlimmer geworden.

„Sprich“ wird in tausenden von Schulen in den USA gelehrt, aber „Buch Banner“ versuchen gelegentlich das Buch von der Schule zu entfernen.

Jungen beginnen mit ungefähr 11 Jahren online Pornographie zu konsumieren, lange bevor ihre Eltern mit ihnen über Sex reden.

Noch viel verstörender: Gewalttätige und degradierende Pornographie ist verbreitet und einfach zu finden. Expterten sagen, dass dies Teenager dazu bringt zu glauben, dass gewalttätige sexuelle Begegnungen normal und akzeptabel sind.

Wir haben eine Menge Arbeit vor uns um die nächste Generation in Hinsicht auf Consent und gesunder Sexualität zu erziehen.

2. In „Schrei“ beschreiben Sie die Interaktionen mit Schülern, die „Sprich“ gelesen haben. Was war Ihre eindrucksvollste Erfahrung dabei?

Es ist immer eine Ehre, wenn jemand seine/ihre Geschichte mit mir teilt. Der/die Survivor kommt normalerweise zu mir mit Tränen in den Augen und sagt etwas wie: „Es passierte mir auch.“ Dann erzählen sie mir von ihrem sexuellen Übergriff, dabei fließen Tränen. Mein Job ist es, ihnen mit Liebe und Mitgefühl zuzuhören und, wenn sie nach Hilfe suchen, ihnen Ressourcen zu zeigen, wie RAINN.org (Ich glaube, dass Lara die gleichen Angebote in Deutschland hat: https://www.lara-berlin.de/de/angebote/willkommen/)

Die Geschichten, die mir am meisten das Herz brechen, sind jene, die von Menschen komme, die von Familienmitgliedern belästigt oder vergewaltigt wurden. Diese Art von Missbrauch passiert meistens jahrelang und ist verheerend für die Opfer.

3. Haben sich einige deine Standpunkte bei den Themen Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen geändert seit du „Sprich“ geschrieben hast?

Als ich „Sprich“ geschrieben habe, habe ich nur daran gedacht, dass ich Mädchen im Teenageralter vor der Realität sexueller Gewalt zu warnen. Ich habe seitdem eine Menge gelernt.

Erstens: Opfer von sexueller Gewalt können weiblich, männlich oder trans sein. Wir müssen immer Platz für alle Opfer schaffen und ihnen Unterstützung anbieten.

Zweitens: Wir müssen alle in die Konversation um gesunde Sexualität und sexuelle Gewalt einbinden. Viele Jungen, die sexuelle Gewalt anwenden, hatten niemals ein Gespräch mit ihren Eltern darüber, wie man mit einer*m potenziellen Partner*in spricht, um Consent sicherzustellen. Wir werden Verbrechen niemals stoppen, wenn wir die Leute, die es begehen, nicht aufklären.

4. Über die eigene Erfahrung mit sexuellen Übergriffen zu schreiben oder zu sprechen ist eines der härtesten Dinge, die man tun kann. Was dies kathartisch oder befreiend für Sie oder war es trotzdem sehr schwierig?

Zu lernen, wie ich meine Geschichte vom Überleben von einer Vergewaltigung und das Bewältigen von PTSD erzählen kann, hat mir mein Leben zurück gegeben.

5. Was denken Sie über den immer weiter wachsenden Feminismus und das #MeToo-Movement? Denken Sie, dass es langanhaltende Veränderungen geben wird?

Feminismus ist die simple Annahme, dass alle Menschen mit gleichen Respekt behandelt werden sollten, ungeachtet ihrer Gender Identity oder ihrer sexuellen Orientierung.

Er beinhaltet die Idee, dass Menschen, die denselben Job ausüben dasselbe Gehalt bekommen sollten, und dass alle Menschen in der Lage sein sollten, ihr Leben ohne Angst vor Belästigung oder Attacken zu führen.

Obwohl es ein Backlash zum #MeToo-Movement gegeben hat und es hasserfüllte Ecken des Internets gibt, in denen misogyne Menschen sich sammeln, um die Zerstörung von Leben von Frauen zu zerstören, bin ich zuversichtlich, dass wir einen starken und fortschreitenden Fortschritt gemacht haben.

6. Eine persönliche Frage: Meine kleine Schwester wurde als „Feminazi“ und als „alte Lesbe“ beleidigt. Ich war sehr verletzt und habe mit ihr gelitten und wollte ihr helfen, konnte ihr aber nicht ganz erklären, dass die Welt manchmal böse und unfair für Mädchen und Frauen ist. Was hätten Sie getan oder gesagt?

Ohne Verurteilung zuzuhören ist eine sehr starke und liebende Antwort in einer solchen Situation. Wenn ich ihr zugehört hätte und mir sicher bin, dass sie alle ihre Gefühle über das Thema mit mir geteilt hat, würde ich mit ihr über ihre Wut sprechen. Es ist gesund und angemessen wütend zu sein, wenn jemand dir wehtut. Hilf ihr, Strategien und Sätze zu brainstormen, die sie beim nächsten Mal benutzen könnte, wenn jemand sie so nennt.

7. Wenn ich mit anderen Frauen spreche, sind viele mitfühlend mit Vergewaltigungs-Survivorn oder Opfer von sexueller Gewalt, drehen sich dann aber um und beschuldigen die Frauen zu lügen und dass „sie selber schuld“ sei, wenn ein neuer Fall in den Medien auftaucht. Wie erklären Sie sich diese absolute Diskrepanz?

Der Fakt, dass Vergewaltigungsopfer oft beschuldigt werden, ist ein Ergebnis von Generationen, die patriarchal gedacht haben. Opfer von Raub oder Brandstiftung oder versuchtem Mord werden nicht beschuldigt oder beschämt für ihre Attacken. Aber weil der Wert der Frau für so viele Jahrhunderte an ihrer Fruchtbarkeit und Fügsamkeit gemessen wurde, entwickelte sich eine Haltung, die Frauen für die sexuelle Gewalt beschuldigt.

Manche Frauen akzeptieren diese verdrehte Logik immer noch. In „Schrei“, wurde das Gedicht „callout“ für genau diese Frauen geschrieben.

8. „Schrei“ ist zu gleichen Teilen eine Konfrontation mit dem (inter)nationalen sexuellen Missbrauch von Frauen und Männern und eine sehr persönliche Geschichte Ihrer Zeit als Teenager. Wie kam diese Mixtur zustande?

„Sprich“ ist nicht die Geschichte, die mir passiert ist. Als ich dieses Buch geschrieben habe, habe ich viel von meiner emotionalen Wahrheit eingebracht; der Fakt, dass ich es keinem erzählte, als ich vergewaltigt wurde und wie es sich anfühlte, alleine mit meinem Trauma umzugehen.

Aber die Protagonistin in „Sprich“ erzählt es dann doch einem Lehrer an ihrer Schule. Ich erzählte es niemandem für 23 Jahre. Wenn ich anfing, Präsentationen in Schulen zu geben, fragten die Schüler immer, ob das Buch autobiographisch sei. Ich fühlte die Verantwortung, ehrlich zu ihnen über meine Erfahrungen zu sein, also redete ich mit ihnen über die Unterschiede in meiner Geschichte und der Geschichte der Protagonistin.

Meine Bereitschaft, offen über ein Thema zu sprechen, dass normalerweise eingehüllt ist in Geheimhaltung, ermächtigte tausende von Menschen zu sprechen und mir über ihre Attacken zu erzählen. Es hat auch dazu geführt, dass ich starke Konversationen mit Teenagern hatte und ihnen half zu verstehen, wie man sexuelle Beziehungen sicher und mit Respekt navigiert.

In „Schrei“ habe ich endlich meine eigene Wahrheit auf die Seite geschrieben.

Ich habe auch Geschichten eingebracht (mit geänderten Details um die Privatsphäre zu schützen), die ich von anderen gehört habe. Ich glaube, dass sexuelle Gewalt jede Familie in Amerika berührt hat.

Der einzige Weg, um das zu änder ist es, seine Meinung zu äußern und die Wahrheit über Rape Culture und gesunde, consent-basierte Sexualität herauszuschreien.

9. Ich liebe so so viele Zitate aus dem Buch, weil sie sich auf Female Empowerment fokussieren und den Fakt, dass Frauen keine Spielzeuge sind, die missbraucht werden können. Hätten Sie gedacht, dass diese „wütenden“ Zitate und Geschichten junge Frauen empoweren oder doch eher erschrecken könnten? Oh, und denken Sie, dass diese Zitate Männer erschrecken könnten?

Danke dir für die netten Worte!

Ich hoffe, dass meine Gedichte die Menschen zum Nachdenken anregen. Ich hoffe, dass sie helfen, ein paar verwundete Seelen zu heilen und dass sie die Schuldigen extrem ungemütlich machen. Menschen, die attackiert werden oder ein Ziel von Belästigung, Degradierung oder Stalking werden, sollten wütend sein. Sie haben das Recht, ihren Platz zu beanspruchen und ihr Recht, in Frieden zu leben. Dieses Buch ermächtigt viele Menschen aufzustehen und über Ungleichheit und Doppelstandards zu schreien. Ich hoffe, dass alle sexuell gewalttätigen Kriminellen in Furcht und Schuld ertrinken, wenn sie mein Buch lesen.

10. „Sprich“ war ein Jugendbuch und „Schrei“ ist jetzt „Erwachsenenliteratur“. War dieser Genrewechsel irgendwie schwierig und fühlte es sich anders an, in einer anderen Form über großteils dasselbe Thema zu schreiben?

Es war eine natürliche Progression.

11. Sie sagen, dass Eltern sich davor fürchten, mit ihren Kindern über Sexualkunde und Sexualität zu reden. Denken Sie, dass dies einen Effekt auf die Kinder haben könnte? Nicht nur in ihrem Teenagerleben, sondern auch hinterher in der Form von internalisierten Verhaltensweisen?

Absolut! Wenn Eltern sich weigern über ein Thema zu sprechen, dann bringt das ihren Kindern bei, dass man keine Fragen darüber stellen sollte. Gesunde Sexualität ist ein wichtiger Teil im Leben der meisten Menschen.

Idealerweise finden Eltern einen Weg um ihre eigenen Gefühle herum und lernen über Sex in einem positiven Licht zu sprechen.

Ich hoffe, dass „Schrei“ die Türen öffnen kann für Gespräche nicht nur in Gruppen von Erwachsenen, wie Leserunden, sondern auch innerhalb von Familien.

12. Weil ich auf diesem Blog Bücher rezensiere komme ich natürlich nicht um die Frage herumkommen: Welche Bücher lesen Sie gerne? Und welche können Sie empfehlen?

Ich bin ein Allesleser! Ich liebe mysteriöse Bücher und arbeite mich gerade durch alle Werke von Adrian McKinty.

Nachdem „Schrei“ veröffentlicht wurde, habe ich mich selbst mit dem Lesen vieler Memoiren belohnt. „Hunger“ von Roxane Gay war unglaublich.

Ich mag es, über Wissenschaft, Gesundheit, Geschichte und das Leben in anderen Ländern zu lesen. Louise Erdrich und Neil Gaiman sind zwei meiner liebsten Fiction-Autor*innen, und, natürlich, Jason Reynolds. Man kann auf meiner Goodreads- Seite mehr darüber heraus finden, was ich gerade lese: https://www.goodreads.com/author/show/10003.Laurie_Halse_Anderson

Und auch von diesem Essay, den ich für die New York Times schrieb:

13. All Ihre Bücher scheinen schwierige und sensitive Themen zu behandeln. Fühlen Sie sich emotional ausgelaugt, wenn Sie einen Tag lang geschrieben oder geplottet haben?

Um über emotional herausfordernde Situationen schreiben zu können, versuche ich, mich gut um mich selbst zu kümmern. Ich mache jeden Tag Sport, esse gesund und belohne mich mit guten Büchern und viel Schlaf.

„Schrei“ zu schreiben hat alte Schmerzen wieder aufleben lassen, aber es gab mir auch eine Perspektive, warum ich manche schlechten Entscheidungen traf, als ich ein Teenager war. Nachdem ich vergewaltigt wurde, habe ich ein Jahr in Paralyse mit einer schrecklichen Depression verbracht und nahm Drogen. Aber ich überlebte und begann mein Leben langsam wieder zusammen zu setzen. Diese Jahre nochmals nachzuprüfen hat mich mit Dankbarkeit für alle die Leute erfüllt, die versuchten mich zu lieben, als ich so gebrochen war.

14. Was würde Ihr „Call to Action“ sein? Für die Welt, für Mädchen oder sogar Politker oder Eltern.

Die Welt fühlt sich gerade dunkel und verwirrend an. Politische Bewegungen, die davon aufblühen, dass sie Hass schüren, verletzen und verwirren viele Menschen.

Aber ich habe Hoffnung.

In der Dunkelheit erkennt man, dass wir alle aufgerufen sind, ein Teil des Lichts sind.

Wir haben eine Verantwortung, uns umeinander zu kümmern und Dinge zu verbessern.

Dieses Kümmern beinhaltet ehrlich über emotionale Grundbedürfnisse zu sein; in Beziehungen voller Liebe zu sein, respektiert zu werden und sich sicher zu fühlen.

Sexuelle Gewalt – von Belästigung auf der Straße, Online Stalking und Online Shaming, ungewolltes Sexting, Groping, bis hin zu sexuellem Missbrauch – ist ein allgegenwärtiges Problem. Ein Problem, das das Leben von jeder Familie berührt. Ein Problem, das wir zusammen lösen können.

Lasst uns über Respekt sprechen. Über Consent und gesunder Sexualität. Lasst uns Opfern zuhören, die ihre Geschichten erzählen, in denen sie verwundet wurden, und lasst uns sie unterstützen.

Lasst uns schreien, verkünden, dass niemand jemals ohne eine Einladung dazu angefasst werden sollte.

Dass alle Menschen Respekt für ihren Körper, ihren Verstand und ihre Seele verdienen.

Zusammen können wir die Welt verändern.

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