Ein poetischer Roman-Brief an eine Mutter | „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong | Rezension

 Endlich gibt es die Rezension zu einem meiner Jahreshighlights! Ich liebe diesen poetischen Roman absolut und werde ab jetzt alles lesen, was Ocean Vuong herausbringt, nur weil ich diesen einen Blick auf sein Genie werfen durfte!

Warum mir „Auf Erden sind wir kurz grandios“ so gut gefallen hat? Das könnt ihr jetzt in dieser Rezension nachlesen!


Bibliographische Daten

  • Autor: Ocean Vuong
  • Genre: Roman, Poesie
  • Verlag: Hanser
  • Übersetzerin: Anne-Kristin Mittag
  • Seitenzahl: 263 S.
  • ISBN: 978-3-446-26389-5

Kurzbeschreibung

Der Brief eines Sohnes an eine vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio in Connecticut. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger, queerer Außenseiter, erzählt von der Schizophrenie seiner Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und von seiner ebenso tragischen wie schillernden ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen. Das kraftvollste Debüt der letzten Jahre, geschrieben in einer Sprache von grandioser Schönheit, die „einen unglaublich emotionalen Sog entfacht“ (New York Times)


Vielen Dank an den Hanser-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

POSITIV

  • WOW! So poetisch geschrieben!

Ich liebe liebe liebe moderne Poesie und dieses Buch hat mich absolut nicht enttäuscht!

Ich suche bei Poesie eigentlich immer nach einem Gefühl, was mir vermittelt wird und dieses habe ich hier in den ersten paar Zeilen gefunden, die zusammen mit den letzten Zeilen einen poetischen Umschlag für das gesamte Buch bilden. Ich fand es unfassbar schön geschrieben, teilweise waren Sätze verwirrend und so vielschichtig, dass ich sie drei mal lesen musste, aber es lohnt sich jedes Mal, weil ich von den vielen versteckten Dingen belohnt wurde, die den Genuss des Buches noch viel viel bessser gemacht haben.

  • So viele Themen, die sehr sensibel angesprochen wurden!

Ocean Vuong ist eine sehr vielschichtige Person, denn nicht nur seine Kindheit wird in diesem Buch besprochen, auch das Leben seiner Mutter, seiner Großmutter und wie alle drei zusammen passen und wie sie sich zusammen zu der Einheit entwickeln, die sie hinterher darstellen.

Es geht darum, dass er von seiner Mutter geschlagen wird und wie er es ihr immer und immer wieder vergibt, weil sie nicht weiß, wie sie ihn sonst beschützen soll.

Wie die Familie von Ocean abhängt, weil er der einzige ist, der ein bisschen Englisch sprechen kann.

Wie Ocean der absolute Außenseiter ist, nicht dem amerikanischen Ideal entspricht, aber definitiv auch nicht dem vietnamesischen. Ich finde alleine diese Themen so wunderschön und gleichzeitig schmerzhaft verpackt, dass es mir das Herz aus der Brust reißt.

Außerdem muss Ocean mit seiner Homosexualität, seinen Träumen, seiner Beziehung, seinem Leben ohne Vater und Drogen kämpfen, sodass es sich manchmal anfühlt, als wäre so viel Geschichte zu viel für einen so kleinen Jungen mit so vielen Gefühlen.

Wenn dieses Buch eines ist, dann definitiv vielseitig!

  • Ich liebe diese Art der Autobiographie

Autobiographien sind für mich eh immer etwas sehr besonderes. Ich liebe sie für ihre Ehrlichkeit und für ihr Potential wirklich alles aus einer bestimmten Sicht zu erklären, nämlich der „realen“ Sicht. Wenn sich jemand so offen zeigt, wie Ocean Vuong es in diesem Roman gezeigt hat, dann bin ich dafür unfassbar dankbar. Die Briefe an seine Mutter und dass quasi alles in diesem Buch an sie gerichtet ist, bricht mir immer noch bei jedem Gedanken das Herz. Ich finde es unfassbar schön, wie ehrlich und poetisch jemand sein eigenes Leben beurteilen und betrachten kann, ohne dabei in Selbstmitleid oder Selbstbeweihräucherung zu versinken. Es ist der helle Wahnsinn.

  • So wunderschön, wie vor keinem Part des Lebens zurückgeschreckt wird

Wie ich schon vorher geschildert habe: Ocean Vuong zeigt uns wirklich jeden Teil seiner Seele. Er zeigt sich als verwundeter und emotionaler Junge, als erwachsener und vergebender Student, als ein harter Arbeiter, der einen Freund beschützen möchte, als jemand, der seine Oma vermisst und als jemand, der von der Gesellschaft nicht ernst genommen wird. Ich finde es absolut bemerkenswert, wie viele Facetten eines Lebens hier miteinander verwoben werden können, ohne das irgendeiner kitschig oder nicht gut ausgearbeitet wäre. Ocean Vuong präsentiert sich und wie er geworden ist, wie er ist.

Er lässt die Leser konstant daran teilhaben, lässt sie nie zurück und zeigt ihnen, wie sie auch in ihrem Leben Schönes finden können.

  • Ich habe mich gefühlt, als wäre ich in mehreren Genres gleichzeitig

Das war so crazy! Durch das Buch hindurch habe ich mich teilweise gefühlt, als wäre ich in einem Jugendthriller, oder in einer Wild West Geschichte.

Teilweise dachte ich, ich wäre in einer John Steinbeck-Geschichte über die harte Arbeiterklasse, teilweise in einem Roman über die Nachfolgen eines Krieges. Ich war in einer Romance-Novel über schwule Jungs und ich war in einem Roman über einen Vater, der kein guter Vater sein kann.

Ich war in einem Roman über das Einwandern in Amerika und in einem Sachbuch über Rassismus. Ich war in einem Kinderbuch gegen Mobbing und in einem jungen Erwachsenen-Roman, der realisiert, dass die Welt sehr viel größer und schlimmer sein kann, als man je dachte.

Und teilweise war ich auch in einem Trauer-Ratgeber.

Ich liebe es, dass dieses Buch all diese Facetten aus sich selbst herausholen konnte und sie mir zeigen konnte. Als hätte Vuong sich seine Seele herausgeschnitten und sie mir seziert.

sdr

NEGATIV

  • Teilweise habe ich den Bezug zur Geschichte ein wenig verloren

Manchmal konnte ich nicht durch die vielen Schichten dieses Buches lesen und war dann ein wenig verwirrt, weil manchmal doch ein wenig sehr weit von Oceans Lebensgeschichte abgewichen wurde. Dies war dann schon sehr seltsam und ich habe den Bezug schon gesehen, ihn aber nicht mehr gefühlt und das fand ich wirklich sehr sehr schade.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich die Codes einfach nicht entziffern konnte, allerdings ist es ja auch mein persönlicher Eindruck zum Buch, dass es teilweise ein wenig abgedriftet ist von seinem eigentlichen Thema.

  • Teile waren schwer zu lesen und ich musste mich ein wenig durchquälen

Vielleicht lag es einfach daran, dass ich zu wenig geschlafen habe oder müde war, als ich dieses Buch gelesen habe, aber manche Teile waren für mich wirklich schwierig zu lesen. Ich fand, dass die wunderschöne Satzstruktur manchmal einfach durchbrach und das man nur noch sehr bruchstückhaft vorankam oder alle paar Sätze den Bezug zur Geschichte verlor, allerdings nur durch den Schreibstil.

Dies kam nicht oft vor, aber diese Teile haben mir in der Seele wehgetan, weil ich dieses Buch wirklich für jeden Buchstaben lieben wollte!

sdr

Fazit

Dieses Buch ist ein klares Jahreshighlight für mich! Ein sehr sehr klares! Ich liebe Poesie sowieso und wenn man das dann auch noch in eine Romanform presst, bin ich sowas von dabei! Ocean Vuong at es einfach geschafft, mich mit wenigen Buchstaben in eine ganz andere Realität zu entführen, mich lernen und staunen zu lassen und mich nur ein paar Mal verwirrt zurück gelassen. Dieses Buch ist ein Erlebnis! Wenn ihr auch nur ein wenig auf irgendeinen der Teile dieses Buches steht: Holt es euch, ihr werdet es nicht bereuen!

4,5 von 5 Tintenkleckse

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