„Nachthimmel mit Austrittswunden“ von Ocean Vuong | Weltbewegende Lyrik | Rezension

 Ich liebe Ocean Vuong. Sehr. Ich habe seinen ersten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ verschlungen und eine sehr begeisterte Rezension (HIER!) geschrieben, die mir wirklich einiges abverlangt hat, genau so wie das Buch auch. Ich muss dabei sagen, dass dieses Buch natürlich kein Roman ist und meine Erwartungen sich deshalb natürlich ein wenig verschoben haben, ich aber trotzdem komplett aus den Socken gehauen wurde von diesem Buch. Also: Wie gefiel mir der erste auf Deutsch erschienene Lyrikband von Ocean Vuong?


Bibliographische Daten

  • Autor: Ocean Vuong
  • Genre: Lyrik, Gedichte
  • Verlag: Hanser
  • Übersetzerin: Anne-Kristin Mittag
  • Seitenzahl: 165 S.
  • ISBN: 978-3-446-26643-8

Kurzbeschreibung

 Ich wusste nicht, dass der Preis dafür, ein Lied zu betreten – der Verlust des Rückwegs ist.

Das Lied eines Außenseiters über die Schönheit der Liebe und den Zoll, den man für sie bezahlen muss. Ocean Vuongs vielfach preisgekrönte Gedichte berühren mit unerhörter Intensität die Wunden der Menschheit.


Vielen Dank an den Hanser-Verlag für das Rezensionsexemplar!



Eigene Meinung

Dieses Buch ist nicht besonders dick. Und die Gedichte nicht besonders dicht. Und jeweils zweisprachig bedruckt. Man sollte meinen, hier ist nicht viel zu holen.

Absolut falsch gedacht. Dieses Buch behandelt so so so unfassbar viel, so viele so persönliche Dinge, die wahrscheinlich auch gar nicht komplett vom Leser verstanden werden sollen und die sich so um sich selbst winden und in sich selbst verlieren, dass es teilweise Schwindel verursacht. Aber teilweise auch so ruhig und klar verständlich, dass es direkt ins Herz schneidet.

Ich liebe Ocean Vuong und seine Verbundenheit zu seiner eigenen Familie und seiner eigenen Geschichte. Er schreibt sehr emotional, sehr versteckt und mit vielen vielen Metaphern und Wortspielen, die sich teilweise schlecht ins Deutsche übersetzen lassen.

Trotzdem war für mich der direkte Vergleich der nebeneinander abgedruckten Gedichte in deutscher und englischer Sprache wirklich faszinierend, denn so musste ich einfach zwingend nachschauen, wie verschiedene Dinge im Deutschen oder Englischen geschrieben wurden. Ich habe mich auch selber dabei erwischt, wie ich immer wieder in einer anderen Sprache anfing zu lesen und mit der jeweils anderen verglichen habe. Es war eine surreale Erfahrung, aber hat definitiv ein tieferes Textverständnis geschaffen, als ich es je einsprachig gehabt hätte.

Auch die besprochenen Themen sind nicht mehr nur auf Ocean Vuong selbst beschränkt, sondern handeln mehr vom Leben seiner Mutter und seines Vaters und wie dies in seiner Beziehung zu ihnen resultiert, wie er komplett anders als sie ist und sich doch nach einer Verbindung sehnt. Ich finde es unfassbar schön, wie sehr sich in diesen Gedichten Liebe, Historie, Hass, Unverständnis und komplette Isolierung seiner selbst in der eigenen Familie mischen und wie sich diese Dinge nicht verwirrend anfühlen, sondern alle valide sind und sich in einer umwerfenden Mischung zusammenfinden.

Die verschiedenen Themen dieses Gedichtbandes reichen über Krieg, eigene Sexualität, die Verbindung zu Eltern und Geschwistern, bis zur Großmutter und der Beschreibung ihrer Kindheit. Vuong greift tief in sich hinein, um dem Leser ein vibrierendes Herz zu präsentieren, dass nicht weiß, wohin mit all seinen Gefühlen in einem Leben, welches jedem wie auf einem emotionalen Karussell vorkommen muss.

Trotzdem habe ich einige Kritikpunkte, denn auch wenn ich bei weitem niemand bin, der Gedichte verschlingt und sie immer perfekt sezieren kann, in den meisten Fällen Gedichten und ihrer groben Struktur folgen kann. Dies war hier nicht immer der Fall und das frustrierte in einigen Fällen doch ziemlich. Denn wenn ich ein Gedicht zwei bis vier Mal nur lesen muss, um nur das ungefähre Thema zu verstehen. Für manche mag dies das Zeichen von anspruchsvoller Lyrik sein, mich frustrierte es nach etwa 100 Seiten ziemlich. Ein wenig mehr Klarheit in Schrift oder Übersetzung wäre teilweise schön gewesen.

Was ich auch schön fand, waren die vielen Unterbrechungen in Sätzen, verschiedene kleine Dinge, die den Lesefluss störten und umlenkten und vor allem die Formatierung der meisten Gedichte, die noch eine visuelle Komponente zu dem sich entspinnenden Kopfkino boten, die ich in den meisten Fällen wunderschön umgesetzt fand!


Fazit

Dieses Buch ist wirklich sehr persönlich. Es ist sehr überladen von Metaphern und dementsprechend teilweise schwierig zu verstehen. Allerdings erschloss sich mir zum ersten Mal das Abdrucken der deutschen und der englischen Variante der Gedichte, denn manche entwickelten in jeder Sprache eine komplett eigene Geschichte oder eine eigene Aussage. Diese Verwandlungen waren für mich unfassbar spannend. Ich habe nich alles verstanden, da auch Dinge angesprochen wurden, von denen ich keine große Bildung habe. Aber trotzdem haben diese Gedichte mir unfassbar viel mitgegeben und ich konnte staunen und alle Emotionen in diesen Gedichten durchleben.

4 von 5 Tintenkleckse

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